Samstag, 2. Februar 2013

Schwerer Schicksalsschlag

Die Nacht war wie erwartet schrecklich kalt und richtig hart auf den Bodendielen neben der Treppe. Gefühlt hatte ich jedenfalls kaum geschlafen und es tauchte auch kein Herr auf, der meinen Kreislauf ein wenig in Wallungen hätte bringen können. Trotzdem muss ich gegen Morgen wohl doch fest eingeschlafen sein, denn als ich blinzelnd die Augen öffnete und mit eiskalten Füßen meine steifen Glieder reckte, der Umhang war definitiv zu kurz gewesen, war meine Herrin bereits angekleidet und sah so aus als ob sie nur darauf wartete, dass ich endlich die Treppe frei machte.
Ach nee, sie brauchte natürlich noch einen Umhang wegen der Kälte draußen. Ihre Wahl fiel auf einen weißen Sleenpelz… eine Wahl, die ich nicht allzu glücklich fand. Erstens mag ich dieses weiße Ding sowieso nicht allzu gerne und zweitens würde sie damit draußen im Schnee ziemlich getarnt sein. Doch das interessierte sie alles nicht und jede weitere Diskussion darüber erübrigte sich, da sie schon an mir vorbeirauschte und die Treppe hinunter war, bevor ich ein weiteres Mal überhaupt Luft holen konnte.
Mir blieb also nichts anderes übrig, als hinterher zu sausen… wegen der Eile ohne Umhang und ohne die verhassten Stiefel. Das kurze Stück bis zum Gasthaus würde ich schon überstehen dachte ich so bei mir. Außerdem wollte ich meine Herrin wegen irgendwelchem Getüdel mit Stiefeln und Umhang nicht unnötig auf ihre geliebte heiße Milch mit Honig warten lassen. Womit ich allerdings überhaupt nicht gerechnet hatte, sie wartete draußen auf mich, sodass ich sie fast über den Haufen rannte. Der Boden war nämlich doch ziemlich kalt und ich hatte daher ordentlich Gas gegeben, um die Herberge möglichst schnell zu erreichen.
Doch ein lautes „Halt, deine Schuhe… warum trägst du schon wieder keine?“ stoppte mich. Schnell suchte ich mir einen Flecken, wo der Schnee schon geschmolzen war und trippelte dort von einem Fuß auf den anderen, um der Kälte unter meinen nackten Fußsohlen ein wenig entgegen zu wirken. Meine Herrin hatte natürlich sofort gesehen, dass ich barfuß war und stellte mich deswegen nun zur Rede. Alle Argumentation über Kneipwirkung und Durchblutungsförderung, wenn man mit nackten Füßen durch Schnee läuft und hinterher umso wärmere Füße bekommt, ließ sie jedoch nicht gelten und schickte mich zu meinem Leidwesen zurück ins Haus.
Ein nicht gerade begeistertes „Na gut“ konnte ich mir darauf nicht verkneifen, als ich leicht zerknirscht an ihr vorbei stapfte, um wie befohlen die grässlichen Stiefel anzuziehen. Die Aussicht mit zwar bestens durchbluteten, warmen Füßen zusätzlich dann jedoch jeden Abend ein Glas Lebertran trinken zu müssen, hatte mich schlagartig überzeugt. Sie hatte mein Gebrummel aber natürlich gehört und wiederholte mit gerunzelter Stirn in scharfem Tonfall fragend: „Na guuuut???“
Zum Glück konnte ich meine Herrin mit der Erklärung besänftigen, dass dies eine Kurzform gewesen war für „Vielen Dank meine liebste Herrin, dass du mich daran erinnert hast, dass ich keine Schuhe anhabe und dass ich sie noch schnell holen darf!“ So ganz nahm sie mir meine Erklärung aber wohl doch nicht ab, denn sie wunderte sich über diese merkwürdige Abkürzung, bei der die Buchstaben überhaupt nicht zueinander passen, ließ sie dann aber durchgehen.
Uff, das war wirklich knapp gewesen und ich nahm mir ganz fest vor, meine Herrin mit dem Servieren ihrer Milch noch ein wenig milder zu stimmen… besser ist besser. Während ich kleinlaut hinter ihr hinterher lief, war sie wenigstens so weit besänftigt, dass sie mir in Anbetracht der bereits durch den Schnee schauenden Gräser in Aussicht stellte, dass ich wieder barfuß laufen darf, sobald es wärmer ist.
Meine Milchrechnung ging jedenfalls ganz gut auf. Für die heiße Milch mit einem Extralöffel Honig, also drei Löffeln Honig statt der üblichen zwei, und zusätzlich noch doppelt geküsst, wurde ich mit einem amüsierten, in keiner Weise mehr bösen Blick von meiner Herrin belohnt. Mein Kajiraherz machte darauf einen kleinen erleichterten Extrahopser, die Welt war für mich erst einmal wieder in Ordnung. Leider nur sehr kurz.
Das Gespräch der Freien drehte sich erneut über die Möglichkeit eines Kastenwechsels durch eine Gefährtenschaft. Das war am Abend zuvor auch schon der Fall gewesen, doch diesmal war es vor allem der Herr Händler, Shanis Herr, mit dem sich meine Herrin darüber austauschte. Da mich dies Thema ehrlich gesagt nicht so wahnsinnig interessierte, rutschte ich zu den Kajirae hinüber, um mit ihnen ein wenig zu tratschen. Außerdem musste ich Shani endlich drauf ansprechen, ob wir tatsächlich im richtigen Haus eingezogen waren, was zu meiner Erleichterung aber der Fall war.
Da ich nebenbei auch noch versuchte, möglichst unauffällig einen Baumeister in Augenschein zu nehmen, der sich angeregt mit der Zeugmeisterin unterhielt und wohl ernsthaft in Betracht zieht, in Jorts ansässig zu werden, bekam ich fast nicht mit, was Shanis Herr meiner Herrin schließlich erklärte. Sie konnte sich nämlich nicht vorstellen, dass ein Schmied, also ein Freier von niederer Kaste, die hohe Kaste seiner Gefährtin annehmen wird, auch wenn ihm ein solcher Wechsel durch die Gefährtenschaft möglich ist.
Doch der Herr Händler sah das anders und vor allem eine Steigerung in den Gefährtenschaften dieses Schmieds. Er hatte nämlich zuerst eine Händlerin und nun eine Schreiberin. Als nächstes sah er ihn mit einer Tatrix als Gefährtin und meinte, dass er dafür wohl am besten nach Kasra umzieht. Sie sinnierten zwar noch über einige weitere Orte, wo ein Herr durch eine Gefährtenschaft an die Macht kommen könne, doch der Händler blieb bei Kasra und meinte, ihn würde es nicht weiter verwundern, wenn ein Schmied sich irgendwann Ubar von Kasra nennen würde.
Das war natürlich dann doch zu viel des Spekulierens für meine Herrin… ihren Heimstein wollte sie lieber außen vor wissen. Doch Shanis Herr fand das überhaupt nicht abwegig, da er aus verlässlicher Quelle wusste, dass es in Kasra seit einiger Zeit eine Regentin auf Lebenszeit gibt. Sie hatte Kasras Rat kurzerhand aufgelöst und konnte nun schalten und walten wie sie wollte. Nach seiner Formulierung „aufgelöst“ schaute meine Herrin vollkommen fassungslos drein und ließ ihre Milchschale vor Schreck fallen. Zum Glück keine volle.
Restlos schockiert und offensichtlich mit den Tränen kämpfend entschuldigte sie sich hastig, sie müsse allein sein und verließ vollkommen überstürzt die Gaststube. Ohje, damit hatte ich nicht gerechnet! Mir blieb nichts anderes übrig, als hastig hinter meiner Herrin hinterher zu laufen, bekam aber von dem Händler noch mit auf den Weg, gut auf sie aufzupassen. Zu Hause angekommen fand ich sie heftig schluchzend mit einem Fell über dem Kopf im Bett und kniete mich einfach stumm neben sie.
Irgendwann schluchzte sie: „Wie konnte er so etwas nur zulassen… er ist ein Mann, ein Krieger, er stand doch immer wie ein Fels für goreanische Traditionen!“ und weinte dann erneut herzergreifend. Mir blieb nichts anderes, als weiter stumm bei ihr zu bleiben und sanft ihre bebende Schulter zu streicheln. Schließlich beruhigte sie sich aber doch etwas und seufzte, dass sie Kasra nicht mehr betreten wird, bevor dies nicht alles überprüft wurde.
Sie wird Erkundigungen einholen lassen. Falls alles tatsächlich stimmen sollte, wird es für sie ihr Kasra und damit auch ihren Heimstein nicht mehr geben........ Eng aneinander geschmiegt schliefen wir schließlich ein.

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