Donnerstag, 23. Mai 2013

Bewohnerbefragungsmaschine

Ich verließ mal wieder vor meiner Herrin das Haus, weil sie noch mit irgendwelchen Arbeiten beschäftigt war und machte mich Richtung Marktplatz auf, wo mir eine fremde Freie über den Weg lief. Wobei ich gestehen muss, so vermummt wie diese Person war, war ich alles andere als sicher, ob es sich tatsächlich um eine Herrin handelte oder doch einen Herrn, der nur noch nicht den Staubschutz abgenommen hatte, zumal auch keine Begleitung zu entdecken war. Es ist zwar schon etliche Jahre her, aber ich weiß immer noch sehr gut, wie unangenehm und schmerzhaft es seinerzeit auf Samanu für mich endete, als ich einen Herrn fälschlicherweise mit „Tal Herrin“ begrüßte, nur weil seine Kleidung mich an die Verhüllungen einer freien Frau erinnerte. Ich zog diesmal daher vorsichtshalber einen Gruß mit schlichtem „Tal“ vor, auch wenn es ein wenig unhöflich war.
 
Doch das Geschlecht der Vermummten war zum Glück schnell geklärt, nachdem ich ihre Stimme gehört hatte. Sie war offensichtlich auf der Suche nach Wasser. Nichts einfacher als das, diesen Wunsch konnte ich schnell erfüllen, denn sie stand bereits vor dem Brunnen, hatte nur noch nicht entdeckt, dass sich der Schöpfeimer auf der anderen Seite befand. Nachdem ich ihre leere Botha mit frischem Wasser gefüllt hatte, erkundigte ich mich freundlich, ob sie noch andere Wünsche hatte und in der Herberge vielleicht ein Zimmer nehmen möchte. Doch das war nicht der Fall, die Herrin wollte anscheinend bald weiter und erlaubte mir, mich zur anderen Brunnenseite aus dem Staub zu machen, wo ich inzwischen bekannte Stimmen gehört hatte.
 
Meine Herrin war dort nämlich im Gespräch mit einem Krieger und dem Händler wegen eines neuen Kastens, der neben dem Brunnen aufgebaut worden war. Abgelenkt durch die unbekannte Herrin war mir dieses Ding bislang gar nicht aufgefallen. Ich erfuhr nun, es handelte sich hierbei um eine Bewohnerbefragungsmaschine… oder hieß der Kasten anders? Egal, es ist jedenfalls ein Gerät, mit dem alle Bewohner, also nicht nur die Heimsteinangehörigen, anonym darüber abstimmen können, dürfen, müssen... nee, wohl nur diejenigen, die wollen... ob sie in Jorts einen Administrator haben möchten oder nicht.
 
Auch wenn in der letzten Zeit ein paar Äußerungen des Händlers angedeutet hatten, nach welchem Amt er möglicherweise strebt, konnte sich meine Herrin die Hintergründe dieser Abstimmung nicht wirklich erklären. Warum und wozu braucht Jorts denn einen Administrator? Es gibt doch einen Rat! Herrscht unter den Ratsmitgliedern kein Vertrauen zueinander? Da die Ratssitzungen grundsätzlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden und Informationen über Beschlüsse kaum oder nur sehr zögerlich öffentlich gemacht werden, fand ich die Fragen meiner Herrin durchaus berechtigt und war sehr dankbar, genaueres zu erfahren, auch wenn ich nur eine nicht stimmberechtigte Sklavin bin und von solchen Dingen vermutlich nicht genug verstehe.
 
Die Amtsgelüste des Händlers wurden jedenfalls bestätigt und in mir keimte sofort die Vermutung, er hielt sich nicht nur neben der Befragungsmaschine auf, um den üblicherweise leseunkundigen Bewohnern den dort angebrachten Aushang vorzulesen und die Hintergründe zu erläutern, sondern um gleichzeitig auch Werbung für sich als Administratorkandidaten zu machen. Genau so war es auch und der Krieger wich ihm nicht von der Seite, schien sich allerdings nicht für das Amt zu interessieren, denn er argumentierte gegen die Wahl eines Administrators, den er wohl als überflüssig ansieht. Auch wenn der Wahlkampf für den Händler offensichtlich bereits begonnen hatte, müssen die Bewohner von Jorts vorher jedoch erst mal mehrheitlich für oder gegen einen Administrator stimmen. Je nach Beschluss könnte danach dann möglicherweise der Händler gewählt werden… dachte ich jedenfalls.
 
Falsch gedacht, es existiert nämlich bereits ein Gegenkandidat und zwar der Hauptmann! Nun bin ich gespannt, ob es vielleicht noch weitere Bewerber für diesen Posten geben wird und hoffe, dass sich Jorts durch dieses Amt nicht in verschiedene Lager spaltet.

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