Dienstag, 11. Juni 2013

Nur knapp entkommen

Eigentlich wollte ich zum Vosk, um Ausschau nach meiner Herrin zu halten. Normalerweise laufe ich dafür dann zum Hafen, doch diesmal kam ich gar nicht so weit, da ich vorher durch Zufall einen wie ich meinte perfekten Aussichtspunkt entdeckt hatte. Weil ich diesmal nicht den Weg über den Marktplatz genommen hatte, sondern den durch den Wald, führte meine Strecke an einem Hochsitz vorbei. Ich bin hier schon oft entlang geschlendert, allerdings waren meine Augen eher Richtung Boden ausgerichtet. Besonders im Frühjahr blühen neben dem Weg viele schöne Blumen und später im Jahr gibt es die eine oder andere Beere zu naschen. Nur dieser Hochsitz war mir bislang noch nie aufgefallen. Kurzerhand kletterte ich also hinauf, um die Aussicht zu testen. Äußerst zufrieden mit dem Ergebnis der perfekten Aussicht, richtete ich mich einigermaßen gemütlich ein und wartete auf das Schiff, mit dem meine Herrin nach Hause kommen würde.
 
Ein unheimliches Schnaufen und Fauchen, gepaart mit deutlichem Rascheln ließ meine Blicke nach unten ins Gebüsch wandern. Ich erstarrte vor Schreck und hielt ängstlich die Luft an, um möglichst nicht auf mich aufmerksam zu machen, als aus dem Unterholz plötzlich ein 6beiniges Ungeheuer auftauchte und witternd seine Nase in die Höhe hielt. Sabbernderweise kam es näher und näher, schnupperte mit erhobenem Kopf ständig in meine Richtung und erreichte schließlich den Fuß der Leiter zu meiner hochgelegenen Plattform. Das Viech musste mich tatsächlich geortet haben, denn es setzte nun sogar die ersten beiden seiner 8 mit fiesen Krallen bestückten Füße auf die unterste Sprosse und schaute mit furchteinflößendem Blick zu mir hoch.
 
Luft anhalten war nun endgültig vorbei. Im Gegenteil, in meiner Panik atmete ich mit wildem Herzklopfen nun fast hyperventilierend und sprang fluchtbereit auf die Füße. Nur wo sollte ich hin? Würde es mir gelingen, ohne Knöchel- oder einen anderen Bruch auf der Rückseite von dem Hochsitz zu springen, um mich dann aus dem Staub zu machen solange das Viech noch Holz knabberte? Wie schnell konnte das Biest überhaupt laufen? Immerhin hatte es 12 Beine im Gegensatz zu meinen beiden. Vermutlich war der Sleen damit mindestens 6 mal schneller als ich! Aber auch wenn er nur doppelt so schnell wie ich war, und damit musste ich mindestens rechnen, würde ich es nie im Leben bis zum Haus meiner Herrin schaffen, ohne vorher von seinem Raubtiergebiss gepackt zu werden.
 
 
Mir bleib vorerst nichts anderes übrig als erst einmal auszuharren, denn noch war ich ja sicher auf meiner hochgelegenen Plattform. Leider schien das gefährliche Raubtier über meine unerreichbare Höhe nicht gerade begeistert zu sein. In Ermangelung von Geduld richtete sich der Sleen plötzlich noch höher auf und zerfetzte voller Wut eine weitere Leitersprosse, sodass die gesamte Holzkonstruktion unter mir erzitterte. Ich änderte nun meine Taktik, indem ich mit leisen, beruhigenden Worten versuchte, das 24beinige Ungeheuer davon zu überzeigen, dass an einer halben Portion wie mir doch gar nichts dran ist, was die ganze holzzerstörerische Mühe lohnt. Gleichzeitig kletterte ich todesmutig auf den außen an der Brüstung befindlichen Querbalken und schwang mich dann oben auf die Einfassung, um den Abstand zu dem sabbernden Maul mit seinen angsteinflößenden Reißzähnen wieder etwas zu vergrößern.
 
Ich weiß nicht, ob ich mit meinen bezirzenden Worten oder doch mit meinen Kletterkünsten überzeugen konnte, vielleicht hatte der Sleen auch inzwischen eine andere Witterung aufgenommen… jedenfalls ließ er plötzlich von einer weiteren Hochsitzzerstörung ab und verzog sich ins Gebüsch. Natürlich rechnete ich sofort mit einem miesen Trick und wagte daher erst mal noch nicht an mein Glück zu glauben. Nur logisch also, dass ich wieder die Luft anhielt um trotz meines laut klopfenden Herzens ausgiebig zu lauschen. Doch es war absolut nichts mehr zu hören. Hoffnung keimte in mir auf, dass das Biest tatsächlich weg war.
 
Gefühlt verstrichen mehrere Ahn, wahrscheinlich waren es aber wohl nur einige Ehn, bis ich schließlich meinen ganzen Mut zusammennahm, mit einem gewaltigen Satz vom Hochsitz herunter sprang und in einem absolut rekordverdächtigen, wahnsinnigen Tempo zurück zum Haus meiner Herrin flitzte. Atemlos knallte ich die Tür hinter mir zu und sprang danach sofort zum Fenster, um meinen Verfolger schadenfroh anzugrinsen, denn ich hatte es tatsächlich geschafft. Nur draußen war niemand, der sich über meinen errungenen Sieg hätte ärgern können. Das Ungeheuer hatte mich anscheinend von seinem Speiseplan gestrichen und überhaupt nicht verfolgt. Egal, mir sollte das nur recht sein!
 
Ein leises Räuspern hinter mir veranlasste mich zum Umdrehen. Nun erst entdeckte ich meine Herrin, deren Schiff von mir unbemerkt offensichtlich während meines heldenhaften Kampfes mit dem 36beinigen Sleenmonster den Hafen erreicht haben musste. Wie gut, dass sie den anderen Weg durch die Stadt genommen hatte. Nicht auszudenken, wenn sie dem wütenden Biest begegnet wäre! Dann wäre aus ihrem Schwur auf den Heimstein von Jorts womöglich nichts geworden. Dieses aufregende Ereignis sollte nämlich an diesem Tag stattfinden, nachdem der Hauptmann meiner Herrin vor kurzem bestätigt hatte, dass in Jorts tatsächlich Pfeffer wächst. Wobei, vielleicht stand auf dem Speiseplan des Viechs ja auch „heiße Kajira“ und nicht „ehrbare Herrin“.
 
Ein wenig schwer fiel es mir nun jedoch, dass meine Herrin natürlich von mir erwartete, eine der besseren Tuniken in ihren Kastenfarben anzuziehen. Eigentlich bin ich ja am liebsten so wie die Natur mich geschaffen hat, also nackt, aber ich ziehe auch gerne eine der besseren Tuniken an oder sogar Seiden. Wobei mein Herz einfach für Rot schlägt… nach den vielen Hand ohne meine Herrin sogar ziemlich heftig. Aber das gibt sich bestimmt auch wieder… hoffe ich jedenfalls. Ich kann echt froh sein, dass ich überhaupt so schöne Stoffe tragen darf und nicht in kratzigen Sa Tarna Säcken herumlaufen muss. Dafür bin ich meiner Herrin wirklich dankbar.
 
 
Die Heimsteinzeremonie und besonders die Worte, mit denen meine Herrin auf den Heimstein von Jorts geschworen hat, bewegten mich sehr und ließen wie nicht anders zu erwarten, ein paar Tränen über meine Wangen kullern, denn die kann ich bei solchen ergreifenden Handlungen sowieso nie zurückhalten. Ich glaube, für den Hauptmann waren es fast zu viele Worte, da noch eine weitere Bewohnerin auf den Stein schwören wollte. Während ich mich versuchte wieder einzukriegen, wanderten meine Augen nämlich zu ihm hinüber, sodass es mir so vorkam, als würde ich tatsächlich Schweiß auf seiner Stirn sehen. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob ich mich getäuscht habe und falls nicht, ob dies ein Zeichen seiner Anspannung um die Sicherheit seines geliebten Heimsteins war oder weil es durch die vielen Anwesenden sehr warm im Raum geworden war.
 
 
Egal, der Heimstein von Jorts wurde sicher an seinen Aufbewahrungsort zurück gebracht und dem gemütlichen Umtrunk zur Feier des Tages, zu dem meine Herrin eingeladen hatte, stand nichts mehr im Wege.

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