Freitag, 14. Juni 2013

Opfer

Noch bevor ich überhaupt die Menschenansammlung auf dem Marktplatz erreicht hatte, hörte ich bereits einen Herrn meinen Namen nennen und war schwer in Versuchung, wieder umzudrehen, da es irgendwie ungut klang. Aber vermutlich fehlte mir einfach der Zusammenhang für diese Äußerung oder wahrscheinlich war ich gar nicht gemeint. Doch das bekam ich nicht mehr heraus, da die Herren vom Thema abkamen, weil Shani gerade eine große Tafel mit dem goreanischen Alphabet anschleppte, sodass sich sämtliches Interesse dieser zuwandte. Ich wusste ja, dass die Sängerin im Lesen und Schreiben unterrichtet werden sollte, nur war mir bislang nicht klar gewesen, dass der Unterricht auf dem Marktplatz stattfinden würde.
 
Shani fing auch gleich mit einem langgezogenen „aaaaa“ an und deutete auf den zugehörigen Buchstaben, wurde aber sofort von Darks Herrn korrigiert, dass dieser Buchstabe doch ein Al-Ka ist. Prompt erfolgte darauf dann eine weitere Verbesserung, nämlich von seiner pfiffigen Sklavin, die ihrem Herrn erklärte, wäre dieser Buchstabe ein Al-Ka, müsste er doch Thalkarkalkan heißen und nicht Tharkan. Eigentlich logisch…oder? Trotzdem denke ich, Dark konnte von Glück sagen, dass der Brauereikrieger genau in diesem Moment in leichte Panik geriet, da er anscheinend befürchtete, auf der großen Tafel würden seine Schulden stehen. Aufbrausend zog er sogar sein Schwert, um damit wild herumzufuchteln und drohte an, das große Schild in zwei Teile zu hauen, weil er in dieser Schriftzeichenmanie den Untergang ehrlichen Kriegertums sah... so ähnlich drückte er sich jedenfalls aus.
 
Sofort zeigte sich, wie geistesgegenwärtig der Hauptmann ist, der bei dem Herumfuchteln des Brauereikriegers sofort zur Seite sprang und mir dann befahl, dem aufgeregten Rarius ein großes Beruhigungsale zu holen. Naja, die Sängerin hatte wohl ebenfalls versucht, vor dem scharfen Schwert auszuweichen, sich dabei aber anscheinend in ihrem langen Rock vertüdelt oder war wie auch immer gestrauchelt… jedenfalls lag sie plötzlich der Länge nach auf dem Boden. Die Reaktionen der Umstehenden hätten unterschiedlicher fast nicht sein können. Einer der Herren fragte erstaunt, was die Sängerin da so herumliegt, einer verdrehte lediglich seine Augen und ein anderer erweckte den Eindruck, über seinen Abstand zum Geschehen irgendwie froh zu sein.
 
 
Ich muss gestehen, dass mich eine kleine Schadenfreude bei dem Sturz dieser Herrin überkam, da sie mich ja erst kürzlich wegen meines Aufenthalts im Hintergrund genervt hatte. Selbstverständlich hätte ich ihr aber auch geholfen, denn ich weiß schließlich was sich gehört. Doch zufälligerweise gab es außer meinen noch genügend andere helfende Kajirahände, sodass ich mich nicht danach drängen brauchte, die Herrin wieder auf die Füße zu ziehen. Da Katy sich schnell um die Blessuren und sonstigen Wünsche der Sängerin kümmerte, durfte ich bei den Kriegern bleiben, die ihren Kastenbruder nun darüber aufklärten, dass Schulden in Büchern im Schreiberhaus geführt werden und nicht auf so großen Tafeln, weil die sich so schwer tragen lassen.
 
Über Schuldscheine und welchen Hals Stahlkragen am besten zieren, kamen die Herren natürlich wieder auf eines ihrer Lieblingsthemen zu sprechen… das immer noch nicht gebaute Tarnschiff des Hauptmanns und wie gut sich der Brauereikrieger zum Rudern eignen würde. Doch der Schlaukrieger aus der Brauerei verwies natürlich sofort wieder auf seinen Rücken, wollte sich aber auch nicht von meinen sanften Kajirafingern massieren lassen, sondern machte sich nach seinem Ale aus dem Staub zu irgendeinem Geschäft am Anleger. Ich glaube, er genießt seinen Rücken sehr, da er ihm offensichtlich auch früher schon perfekte Ausreden geliefert hat, um z.B. keine Bäume fällen zu müssen. Er scheint das ganze soweit perfektioniert zu haben, dass der Hauptmann wohl schon mal gedacht hatte, der arme Rückengeplagte läge im Sterben.
 
Eine besondere Ehre war es mir natürlich, dass ich dem Hauptmann noch einen schnellen Stehpaga servieren durfte, bevor er seine Wache antreten musste. Seinem Brummen, als er den Saum meiner diesmal nicht roten Tunika mit dem Fuß anhob, konnte ich jedoch entnehmen, dass ihn mein Anblick offensichtlich nicht besonders zu gefallen schien. Das stimmte mich sofort ein wenig traurig, aber was soll’s… er hätte sich ja auch seinen Paga von Katy servieren lassen können, anstatt sie mit der Pflege der Sängerin zu beauftragen, sie trug nämlich eine rote Tunika. Kein Wunder also, dass ich schließlich übers ganze Gesicht strahlte, als ich vom Hauptmann wider Erwarten doch noch mit einem Verwuscheln meiner Haare überschwänglich belohnt wurde, bevor er sich dann leider zum Wachdienst entfernte!
 
Merkwürdigerweise leerte sich der Marktplatz plötzlich recht schnell, nachdem die Herren ausgiebig über die Herstellung eines Schreins für die Priesterkönige diskutiert hatten, wie sehr ein Opfer schmerzen muss, damit es überhaupt ein Opfer ist und diversen Opfergaben in barer Münze für den geplanten Altar. Sehr zum Unmut des Kriegerbauern übrigens, der bei dem ganzen Hin und Her über Opfer, Schmieden, Gießen und Vergolden noch nicht einmal zu einem Kalana gekommen war. Diesen Wunsch erfüllte ich ihm nur zu gern und da meine Herrin nicht zu Hause war, nutzte ich die Gelegenheit, ihn nach dem Servieren seines Weins noch über den kürzlich geschlachteten Bosk auszuhorchen, von dessen Ableben ich erst vor kurzem von Katy erfahren hatte.
 
 
Der Herr nutzte seinerseits die Gelegenheit, mit seinen schwieligen Kriegerbauernhänden meine Rundungen zu erforschen und sich gleichzeitig bei mir darüber zu erkundigen, welche Dienste meine Herrin mir erlaubt. Da ihm das Ergebnis seiner Forschungen offensichtlich zusagte, war er entsprechend angetan, dass ich keine Verbote habe. So durfte ich nicht nur seinen Gelüsten nach einem Kalana abhelfen… übrigens auf dem Marktplatz, aber natürlich unter ständig wachsamen Kriegeraugen... glaube ich jedenfalls.

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