Mittwoch, 7. August 2013

Ein Schreck jagt den nächsten

Manchmal kann frühes Aufstehen auch schrecklich sein und dann auch noch Arbeiten mit ungeahnten Folgen mit sich bringen. Aber was tut eine wohlerzogene Kajira nicht alles, um Freie zu erfreuen!
 
Schon im Haus meiner Herrin war mir aufgefallen, dass sich die vertrauten Geräusche vom benachbarten Hof irgendwie anders als sonst anhörten. Es war eigentlich verdächtig leise. Dies bestätigte sich dann auch sofort, nachdem ich vor die Tür getreten war. Erschrocken stellte ich fest, es fehlten die Bosk und vom Nachbarn meiner Herrin und seinen Kajirae war weit und breit nichts zu sehen! Ich hatte es daher ziemlich eilig in die Stadt zu kommen, um dem Hauptmann davon zu berichten, falls es bei den Bosk möglicherweise nicht mit rechten Dingen zugegangen sein sollte. Das alle zur gleichen Zeit geschlachtet worden sein könnten, konnte ich mir wirklich nicht vorstellen. Ich nahm daher an, der Bauer und Kastenbruder des Hauptmanns hätte ihn über eine solche Massenschlachtung bestimmt vorher informiert.
 

Auf dem Marktplatz angekommen erübrigte sich sofort meine Mitteilung über die fehlende Herde. Die Viecher hatten sich rund um den Brunnen versammelt, teilweise sogar gemütlich hingelegt, um in Ruhe Wiederzukäuen und bereits das Pflaster mit ihren Hinterlassenschaften locker verteilt dekoriert in Form von kräftig stinkenden Fladen. Leider kam ich vorerst jedoch nicht dazu, mich genauer zu erkundigen, was denn nun hinter dieser Boskversammlung mitten in der Stadt steckte. Der Hauptmann und ein weiterer Krieger transportierten nämlich gerade ein mir unbekanntes, offensichtlich verwundetes Mädchen unter Aufsicht der Kräuterfrau in die Heilerei und hatten daher keine Zeit, meine Neugier zu befriedigen.
 
 
Leider erfuhr ich auch von dem Sklavenhändler nichts, da der mich sogleich dafür einspannte, ihm frisches Wasser und ein sauberes Tuch im Sklavenhaus bereit zu legen. Das war schnell getan, allerdings für den nun inzwischen nach mir plärrenden Hauptmann wohl doch nicht schnell genug. Er befahl mir, umgehend der kräuterkundigen Herrin bei der Behandlung der verletzten Sklavin zur Hand zu gehen. „Oh Schreck, bitte nicht schon wieder!“ dachte ich zwar noch, da mir das Gewusel um Shanis vergifteten Herrn noch sehr unangenehm präsent war. Trotzdem lief ich gehorsam hinüber ins Haus der Grünen, da meine Herrin mich sicherlich noch eine Weile nicht benötigen würde, so beschäftigt wie sie mal wieder mit ihren Kastenangelegenheiten war…Ruhestand hin oder her. Aber sie will heute ja auch an einem Kastenessen teilnehmen.
 
 
 
In der Heilerei war Rawi damit beschäftigt, für massenhaft heißes Wasser zu sorgen, während ihr Herr neben der Tür Wache stand und mich mit einem Klaps auf den Po begrüßte, auf den ich mir jedoch jegliche kesse Äußerung verkniff, weil die Herrin mich sogleich mit Beschlag belegte. Zumindest sah es für mich danach aus. Die Kräuterfrau machte sich nämlich an der Verletzten zu schaffen und erteilte Rawi und mir einen Befehl nach dem anderen. Pausenlos ging es „Rawi mach dies, Dina tu das…“. Ich glaube, sie hatte besonderen Gefallen daran gefunden, besonders mir ihre teilweise sehr unpräzisen Befehle zu erteilen, „Dina hier, Dina da, Dina dort, Dina hol dies, das und jenes“.
 
Sie scheuchte mich ganz schön und nahm offensichtlich nicht nur an, ich wäre eine ausgebildete Heilerhilfskajira, sondern erwartete wohl auch noch hellseherische Fähigkeiten von mir und dass ich ohne weitere Erklärungen genau weiß, ob sie irgendwelche Zutaten gehackt oder in Wasser gematscht haben will. Ich vermute, so richtig begeistert war die Herrin wohl nicht von mir, da ich alle ihre unklaren Befehle hinterfragte, um nichts verkehrt zu machen. Besonders krass fand ich übrigens, eine Nadel ohne Hilfsmittel übers Feuer halten zu müssen, um sie zu desinfizieren. Mal abgesehen davon, dass ich nicht einsah, mir für irgendeine dahergelaufene Sklavin die Finger zu versengeln, wäre meine Herrin mit Sicherheit davon nicht gerade angetan gewesen, wenn ihr Eigentum durch eine solche Maßnahme beschädigt wird und ihr womöglich keine Milch mit Honig mehr serviert, weil sie die Schale nicht mehr halten kann.
 
Die Kräuterfrau befahl mir darauf leicht unwirsch, ich soll die Nadel mit einem Tuch übers Feuer halten, was ich dann auch tat… allerdings nur so lange, bis das Tuch in Flammen aufging und ich vor Schreck die Nadel in die Glut fallen ließ. Zum Glück passierte mir nichts dabei und ich wusste mir zu helfen. Schnell angelte ich die inzwischen glühend heiße und daher bestimmt gut desinfiziert Nadel mit einem dünnen Scheit wieder heraus und wurde dann von der Herrin angewiesen, sie mit Wasser zu säubern, damit sie schließlich einen Faden einfädeln konnte und die Verletzungen der Kajira mit diversen Stichen und etlichen Knoten zusammenflickte.
 
Während ich der Herrin noch ich weiß nicht was alles zureichen musste, schaute ich mir die Verletzte genauer an, zumal irgend ein unsichtbarer Scheinwerfer direkt auf die ganzen Hautbeschädigungen und Verletzungen dieses Mädchens und ihre hässlich schwarz bemalten Augenhöhlen gerichtet war. Später bekam ich dann heraus, es war gar kein Scheinwerfer, sondern die Kräuterfrau muss vor Begeisterung über ihr Tun irgendwie innerlich geglüht und geleuchtet haben, so wie sie an den Wunden der Sklavin herumwerkelte. Dummerweise kam ich nicht umhin, ihr dabei zuzuschauen mit dem Erfolg, dass mir nach und nach immer schwummeriger wurde und mein Magen anfing zu rebellieren.
 
Tiiieeef einatmen, ganz laaaaangsam wieder ausatmen, die Augen irgendwo auf einen Punkt im Raum fixieren und ja nicht mehr auf das Gemetzel auf dem Seziertisch schauen. Übrigens in diesem Fall war es wirklich passend, dass der Händler die Behandlungsliege erst kürzlich so genannt hatte. Eigentlich bin ich normalerweise ziemlich hart im Nehmen, nur diesmal schwoll in meinen Ohren ein verdächtiges Rauschen an, das nach und nach schlimmer wurde. Gleichzeitig muss ich wohl auch um die Nase herum etwas blass geworden sein, denn Rawi nahm mir plötzlich einen Auftrag der Herrin einfach ab, während ich mich krampfhaft an der Liege festhielt und Rawis Herr auf einmal neben mir auftauchte um mich zu stützen, indem er seinen starken Arm um mich legte.
 
Ehrlich gesagt wusste ich nicht mehr wirklich, wie es mir letztendlich gelungen ist, das Ganze zu überstehen, als ich irgendwann draußen vor der Tür wieder frische Luft einatmen durfte. Naja, in Anbetracht der Boskfladen war die Luft zwar frisch, gleichzeitig aber auch bäuerlich aromatisiert. Doch zum Schnuppern und Erholen blieb mir kaum Zeit, da der Hauptmann offensichtlich auf mich gelauert hatte, damit ich ihm zusammen mit Katy beim Zurücktreiben der Herde zum Hof helfe. Er hatte mit meiner Herrin diesbezüglich inzwischen schon alles geklärt, sodass mir lediglich einige Ehn blieben, um meine Herrin wenigstens kurz auf der Terrasse zu begrüßen und mich zu versichern, dass sie dort bestens versorgt war.
 
Ich glaube, Katys Herr meinte es gut mit uns, als er uns anwies, wir sollten zwei Boskkühe übernehmen, während er zusammen mit einem Krieger den Bullen und die restliche Herde zurück treiben wollte. Eigentlich dachte ich „nichts leichter als das“, denn auf den Reisen unserer Theatertruppe hatte ich ja schon einige Erfahrungen mit einem vor unseren Wagen gespannten Bosk sammeln können. Leider muss ich mit der jortsschen Boskkuh jedoch ein total zickiges Exemplar erwischt haben, die ihren dicken Hintern einfach nicht hoch bekam und seelenruhig liegen blieb, obwohl ich ihr ein Seil um den Hals gebunden hatte und sie damit fast erwürgte, so kräftig wie ich daran zog.
 

Pah… ich habe es schließlich aber doch geschafft! Die Kuh trottete tatsächlich irgendwann los, legte sich zwar ständig wieder hin, sobald ich etwas locker ließ, bequemte sich dann aber doch weiter. Dummerweise kam das dicke Viech am Hang ins Trudeln, konnte nur knapp von mir um die Ecke des Hauses meiner Herrin in Richtung Hof und haarscharf an den Bienen vorbei bugsiert werden, landete dann jedoch mit ihrem voluminösen Hintern direkt auf den Blumen meiner Herrin. Leider ausgerechnet auf der neuen Rose, die sie seit einigen Tagen hegt und pflegt… ein Geschenk des Händlers! Ich war nicht gerade zuversichtlich, dass an dem jungen Trieb noch etwas zu retten war, auch wenn ich den dünnen Stiel schnell wieder gerade gebogen habe, nachdem der Hauptmann die Kuh zurück hinters Gatter verfrachtet hatte.
 
 
Oh Schreck, ich kann gar nicht beschreiben, wie sehr mir davor graute, meiner Herrin dieses schreckliche Unglück zu gestehen und wie sie diesen Schicksalsschlag aufnehmen würde. Zumindest war der Pfeffer nicht in Mitleidenschaft gezogen worden. Trotzdem erschien es mir äußerst wichtig, vor einer solchen Schreckensnachricht unbedingt etwas für die Nerven meiner Herrin zu tun, ihr also am besten mehrere Löffel Honig einzuverleiben. Nur genau dieses wurde sich erheblich schwieriger als angenommen. Wegen der anhaltend sommerlichen, herrlich warmen Temperaturen trinkt meine Herrin nämlich seit einigen Tagen keine Milch mehr, sondern ausschließlich Saft mit mehr oder weniger Wasser oder Wasser mit einem Spritzer Saft. Alles leider immer ohne Honig.
 
Das Verabreichen der Nervennahrung für meine Herrin gestaltete sich gestern leider besonders kompliziert, da sie nur ein weiteres Wasser mit einem Spritzer Larmasaft bestellte und bei meinem hoffnungsvollen Vorschlag, ihr gerne auch noch den einen oder anderen Löffel Honig in dieses Wasser zu rühren, sehr eindeutig das Gesicht verzog…zumindest den Teil, den man über ihrer Gesichtsgardine sehen kann. Sollte ich meine Beichte über die geplättete Rose etwa ohne die beruhigende Süße von Honig bei larmasaurem Wasser wagen? Lieber nicht! Ich legte mich daher noch etwas mehr ins Zeug meiner Herrin den Honig doch noch schmackhaft zu machen und machte mich damit offensichtlich naschverdächtig.
 
Meine Herrin weiß nämlich, wie gerne ich den Honiglöffel ablecke und bestellte schließlich mir zuliebe zwei mit Honig beschmierte Brote. Ich bin mir nämlich ziemlich sicher, dass sie gar keinen Hunger hatte. Ach, wenn es doch nur ums Naschen gegangen wäre! Mir war richtig weh ums Herz, während ich den Honig so dick auf die Brote schmierte, dass er in breiten goldenen Rinnsalen seitlich wieder herunter lief. Es war natürlich naheliegend, in den Wunsch für meine Herrin beim Servieren ihres Wassers auch die Boskkuh und die Rose einzuschließen… dies allerdings nur gemurmelt, denn das olle Viech mit dem dicken Hintern ist dabei nicht allzu gut weggekommen… und meiner Herrin dann vor allem starke Nerven zu wünschen für meine bevorstehende Beichte.
 
Ok… ich gebe zu, ich habe die Schreckensnachricht unnötig lange hinaus gezögert und bin wie ein Gianni mit meiner Beichte um den heißen Brei herumgeschlichen. Irgendwann führte jedoch einfach kein Weg mehr daran vorbei, mit der Katastrophe herauszurücken, zumal meine Herrin mich bereits mehrfach aufgefordert hatte, endlich auf den Punkt zu kommen. Tja, schließlich war es heraus und meine Herrin erst ungläubig erstarrt und dann wutschnaubend, weil ihre Blumen schon einmal als Delikatesse auf dem Bosk-Speiseplan hatten herhalten müssen.
 
„Ich spende der Stadt einen Bosk am Spiess wenn es DIESES Vieh ist!“ rief sie mit bebenden Nasenflügeln aus und kündigte sogar an, dem Bauern 50 % über dem normalen Preis geben zu wollen, Hauptsache es ist die Kuh, die auf ihrer Rose gesessen hat. Danach sprang sie auf, um den Schaden höchstpersönlich in Augenschein zu nehmen. Sie schob den Teller mit den Honigbroten einfach weg, da ihr der Appetit gehörig vergangen war… mein gut gemeinter Versuch, ihre Nerven vorab ein wenig zu stärken, war also restlos gescheitert.
 
 
Leider bestätigte meine Herrin dann traurig seufzend meine Befürchtung, dass mein Geradebiegen des geplätteten und geknickten Rosentriebs nichts gebracht hatte. Dennoch gab es auch ein wenig Hoffnung, als sie einen kleinen unversehrten Zweig abschnitt und mich anwies, ihn in einen Krug mit Wasser zu stellen, damit er Wurzeln austreibt. Wenn das hoffentlich klappt, hat meine Herrin wieder einen neuen Ableger. Irgendwie bin ich mir sicher, das klappt bestimmt… muss einfach!!! ;-)

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