Mittwoch, 28. August 2013

Ungenutzte Chance

Kaum entdeckte mich der Hauptmann am nächsten Tag, bekam ich auch schon den Auftrag, im Kennel nachzuschauen, ob die Halbtote bereits wach war oder inzwischen ganz tot, damit ich der Heilerin wegen der ärztlichen Versorgung Bescheid sagen konnte. Ob die Kajira noch atmete, interessierte mich natürlich ebenfalls. Wobei ich immer noch annahm, dass sie ihren angeblichen Bauchschuss dramatisiert hatte. Vielleicht um sich wichtig zu machen und mehr Aufmerksamkeit zu erlangen? Keine Ahnung, ich hatte ihr Benehmen an der Handelskette meiner Herrin zwar noch gut in Erinnerung, aber seitdem sie weggelaufen war, war sehr viel Zeit verstrichen.
 
Da die Sklavin tatsächlich noch atmete und an diesem Tag auch bei Bewusstsein war, offensichtlich jedoch Schmerzen hatte, sauste ich schnell wie befohlen zum Heilerhaus hinüber und erfuhr, dass die Ärztin zwar noch den Lederarbeiter in der Mangel hatte… ihn versorgte, wollte ich natürlich sagen… sich danach aber um die Kajira im Kennel kümmern wollte. Dem Hauptmann gefiel diese Auskunft anscheinend nicht so wirklich, da er sich für seinen Sleen wohl einen Extrahappen erhofft hatte, meine Herrin wirkte jedoch nicht allzu überrascht und erkundigte sich, ob bereits jemand Anspruch auf das Mädchen erhoben hatte, was aber nicht der Fall war.
 
 
Da sich gestern für meine Herrin keine Gelegenheit mehr ergeben hatte, sich selbst ein Bild zu machen, begab sie sich nun zum Kennel, um ihre entlaufene Kajira nach langer Zeit nun erstmalig in Augenschein zu nehmen… ich folgte ihr selbstverständlich. Das Gespräch zwischen den beiden begann gleich mit einigen Widerworten der Sklavin wegen ihres Namens und setzte sich mit der sturen Wiederholung, sie sei gar nicht weggelaufen fort. Dem Hauptmann unterstellte sie erneut, er habe sie vergiften wollen. Warum sie den Ekeltrank aus Lebertran und Salz weiter als Gift bezeichnete, erschloss sich mir immer noch nicht, dafür aber, dass das Mädchen offensichtlich etwas wirklich Grundlegendes immer noch nicht kapiert hatte. Einer Kajira bleibt nichts anderes übrig, als die Befehle von Freien zu befolgen, egal was ihr befohlen wird… wenn sie also eine Lebertran-Salz-Spezialmischung trinken soll, dann hat sie das zu tun.
 
Die Erklärungen meiner Herrin wurden durch die inzwischen eingetroffene Heilerin unterbrochen, die sich nun den angeblichen Bauchschuss genauer ansehen wollte. Sie diagnostizierte ihn letztendlich als Streifschuss, desinfizierte die Wunde, versorgte sie mit etwas Heilsalbe und beendete ihre Behandlung mit einem frischen Verband und dem Hinweis, dass die Kajira bald wieder wie neu ist und ihrem Verkauf dann nichts mehr im Wege steht. Vom möglicherweise bevorstehenden Durchschneiden der Kniesehnen oder dem Töten des Mädchens als klassische Strafe für wiederholtes Weglaufen, wusste die Herrin natürlich nichts und somit auch nicht, dass sich eine Versteigerung damit erübrigen würde.
 

Meine Herrin entschied, an diesem Tag ihre Milch… es war übrigens mal wieder ein Extralöffel Honig zur Beruhigung ihrer Nerven angebracht… vor dem Kennel zu trinken, um sich die Geschichte ihrer entlaufenen Sklavin anzuhören. Auf meinem Weg in die Herberge, begegnete ich übrigens noch ganz kurz dem Lederarbeiter, der mit seinem neuesten Verkaufsprodukt Richtung Fähranleger unterwegs war, um das ungewöhnliche Teil bei seiner hochkastigen Auftraggeberin abzuliefern. Wie gut, dass er weder mich noch mein Schmunzeln gesehen hat und auch nicht, wie sehr dem Hauptmann dieses Modell offensichtlich zusagte… jedenfalls fand ich, dem Lederarbeiter stand das Ding nicht besonders.
 
Als ich mit der dampfenden Milchschale zu meiner Herrin zurück kam, erkundigte sich Shani gerade, wie es mit der Entlaufenen nach einem so schweren Vergehen denn nun weiter gehen wird und erörterte mit meiner Herrin dann, was für eine Kajira wohl die schwerste Strafe ist. Ich hoffe eigentlich, dass die Sklavin genau zugehört hat, auch wenn sie mit zur Wand gedrehtem Kopf teilnahmslos auf der Pritsche lag und keinerlei Regungen zeigte. Meine Herrin entschied letztendlich, keinen Anspruch auf sie zu erheben und wünschte ihr viel Glück, vielleicht irgendwann zu sich selbst zu finden.
 
 
Dem Hauptmann erklärte meine Herrin, kein Interesse an Grausamkeit zu haben. Würde sie ihren Anspruch geltend machen, müsste sie die Kajira verstümmeln und damit wäre niemandem gedient. Wäre das Mädchen reumütig und einsichtig gewesen, hätte meine Herrin wahrscheinlich einen Weg gefunden. Diese Chance hatte die Sklavin mit ihrer kaum geänderten Einstellung nun jedoch verpasst. Der Spezialtrunk war jedenfalls ein ziemlich gutes Mittel gewesen um zu zeigen, ob diese Kajira etwas dazu gelernt hatte oder nicht.

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