Montag, 16. September 2013

Ruheständler

Als ich an diesem Tage auf dem Marktplatz eintraf, bekam ich gerade noch mit, dass der Händler im Begriff war wegen eines Handelsabkommens nach Enkara zu reisen und dass der Hauptmann für diese Reise einen der Krieger zu seinem Schutz abkommandierte. Nachdem die kleine Gruppe dann recht schnell Richtung Hafen verschwunden war, fragte mich der Hauptmann plötzlich, ob meine Herrin überhaupt schon mitbekommen habe, wer seit kurzem ihr neuer Nachbar ist. Huch, ein neuer Nachbar? Klar hatte sie das noch nicht mitbekommen… ich übrigens auch nicht. Aber wie hätte sie das auch bemerken können, sie weilt doch am Handende immer auf ihrem Landsitz!
 
Natürlich war ich ziemlich erstaunt nun zu erfahren, dass dieser neue Nachbar meiner Herrin der Hauptmann a.D. aus Kasra ist und erkundigte mich natürlich sofort erstaunt, warum denn der Kriegerbauer seinen Hof aufgegeben hatte. So wirklich vorstellen konnte ich mir ehrlich gesagt nicht, dass der Krieger vom Hof weggezogen sein sollte und auch nicht, dass der Hauptmann a.D. nun als Ruheständler in Jorts in die Landwirtschaft und Viehzucht einsteigen will, nachdem er sämtliche Ämter seines Heimsteins niedergelegt hat. Aber wer weiß, meine Herrin genießt es ja auch, als Blumenzüchterin ihrem Hobby zu frönen, nach ihrem Rückzug aus dem Sklavenhandel.
 
Tja, so kann es kommen, wenn ein jortsscher Hauptmann sich total unpräzise ausdrückt. Der Kriegerbauer war nämlich immer noch der Nachbar meiner Herrin auf dem Hof nebenan und kümmerte sich zusätzlich zu seinem Dienst für die rote Kaste weiterhin um die Landwirtschaft und die Viehzucht in Jorts. Meine Herrin hatte nämlich einen neuen Nachbarn zur anderen Seite bekommen, eben den besagten Hauptmann a.D., der sich nun wegen seines a.D. anscheinend seinem Hobby widmen will, allerdings weder der Landwirtschaft noch der Viehzucht, sondern er hat es mit Vögeln… also der gefiederten Art. Mit irgendwas muss sich ein Ruheständler ja beschäftigen, wenn sein Schwert dank einer Gefährtin stets gut geölt ist.
 
 
Um welche Spezies es sich bei den Gefiederten jedoch handelt, habe ich nicht so ganz verstanden, da ich von diesen zuvor noch nie etwas gehört hatte und mir den komischen Namen auch nicht merken konnte. Einer von den gefiederten Freunden war anscheinend sogar mal Eigentum des Hauptmanns von Jorts. Inzwischen sollen nun wohl drei weitere dazu gekommen sein, da ein Vogel alleine von Natur aus ja nun mal nicht ausreicht für eine Zucht. Wie viele Pieper es aber insgesamt werden sollen, wusste weder unser Hauptmann noch seine Gefährtin… nur dass sie den jortsschen Kriegern zukünftig wohl als lebende Zielobjekte für Bogenschießübungen dienen sollen.
 
Ehrlich gesagt bin ich jetzt gespannt, wann sich der erste Vogelschutzverein gründet, um das Vogelsterben zu verhindern, denn aus eigener Erfahrung weiß ich ja, wie gut die Krieger von Jorts mit dem Bogen umgehen und vor allem treffen können. Wer aus Pfeilen quer über die Wiese einen Zaun um mich schießen kann, trifft bestimmt auch einen Piepmatz. Na gut, ich war mangels Flügeln ein einfacheres Ziel, denn ich habe still am Boden gehockt und bin nicht durch die Luft geflattert. Selbstverständlich habe ich aus Selbstschutzgründen hierzu jedoch tunlichst meine Klappe gehalten, damit niemand auf die Idee kommt, anstelle von Vögeln könnten auch Kajirae herhalten. Hauptsache die Federviecher machen sich nicht über die Blumen meiner Herrin her, weil sich die wunderschönen bunten Blüten als Vogeldelikatessen entpuppen.
 
Ich gestehe, als kurz darauf der neue Nachbar meiner Herrin am Marktplatz mit seiner Gefährtin auftauchte, ging ich leicht hinter unserem Hauptmann in Deckung, denn ich habe noch sehr gut in Erinnerung, wie der Kasrate mir vor noch nicht allzu langer Zeit vollkommen unbegründet, dafür aber umso breiter grinsend eröffnet hatte, mich in eine Kiste verfrachten zu wollen, damit ich in irgendwelchen Pagakaschemmen diene. Für mich brach fast meine Gorwelt zusammen, denn diesen Herrn hatte ich eigentlich mal sehr gemocht! Wobei das Allerschlimmste übrigens seine Ankündigung war, mir vorher noch die Haare zu scheren.
 
Zum Glück konnte ich damals jedoch schnell Reißaus nehmen, weil unser Brauereikrieger gerade meine Dienste benötigte. Bei meiner Rückkehr eröffnete mir der Hauptmann a.D. jedoch sofort, dass seine Drohungen nur Spaß gewesen waren. Nicht weiter verwunderlich also, dass ich mich nun auf den Fingerzeig dieses Kriegers nicht gerade übereifrig vor ihm hinkniete. Mit riesengroßer Erleichterung bekam ich jedoch zu hören, dass er erneut richtig stellte, dass die Kistenverfrachtung wirklich nur ein Spaß gewesen war und ich keine Angst vor ihm zu haben brauche. Uff, ich glaube man konnte tatsächlich hören, welch ein riesiger Stein mir nun erneut vom Herzen fiel.
 
 
Leider war es mir jedoch nicht lange vergönnt die Nähe des Rarius aus Kasra zu genießen, weil plötzlich ein ziemlich zerlumpt aussehender Landstreicher auftauchte und ohne lange Vorrede mit grimmigem Gesicht sein Schwert gegen den kasratischen Hauptmann a.D. zog, sodass ich mich schnell weit hinter unserem Hauptmann in Sicherheit brachte. Merkwürdigerweise erkannte die Hauptmannsgefährtin aus Kasra die Gefahr jedoch nicht. Der heruntergekommene Fremde schien wegen Turmus, Cos, Ar und ich weiß nicht wegen was noch alles eine ziemliche Wut auf den Hauptmann a.D. zu haben, der es jedoch irgendwie schaffte, sämtliche Beleidigungen von sich abprallen zu lassen und mit einer Mischung aus geschickt geführtem Schwert und Diplomatie den Landstreicher soweit umzustimmen, dass letztendlich beide ihre Schwerter wieder wegsteckten.
 
Trotzdem blieb die Stimmung auf der Terrasse äußerst angespannt… so sehr sogar, dass sich der Lederarbeiter nachträglich noch sein Schwert holte und das soll wirklich was heißen. Falls dieser beleidigende Fremde nicht einen Doppelgänger hat, bin ich mir übrigens sehr sicher, ihn schon am früheren Heimstein meiner Herrin gesehen zu haben… meistens allerdings zusammen mit einem ebenso unangenehmen Kumpanen. Mal sehen, wann dieser zum Landstreicher heruntergekommene Söldner seine nächsten Beleidigungen loslässt und ob vor allem der jortssche Hauptmann weiterhin so ruhig bleibt.
 
 

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