Freitag, 11. Oktober 2013

Ausnahmen

Ein vor der Herberge abgestellter Karren zog sofort mein Interesse auf sich, nachdem ich den Hauptmann und seine Gesprächspartner freundlich gegrüßt hatte. Es befanden sich nämlich einige Kisten, Körbe und Säcke mit überaus lecker aussehenden Kalanatrauben darauf. Kein Wunder also, dass sich meine Hand sozusagen automatisch ausstreckte, um ausnahmsweise eine dieser Trauben zu mopsen. Dank meiner guten Erziehung habe ich dann selbstverständlich von einer Verkostung Abstand genommen, denn mir ist ja bekannt, welch grauenvolle Strafe auf Diebstahl steht.
 
Außerdem wurde ich sowieso abgelenkt, weil der gut aussehende, stattliche Brauereikrieger hinzu kam und von einem mir unbekannten Fremden mit "Bruder" angesprochen wurde. Aha, der Brauereibesitzer hatte also Verwandtschaftsbesuch. Wobei sich die beiden Brüder überhaupt nicht ähnlich sahen und sich offensichtlich auch nicht so nahe standen, um gemeinsam im Haus des Brauereikriegers zu übernachten, denn der Bruder und seine Gefährtin ließen sich schließlich von Shani einige Mietshäuser zeigen.
 
Nachdem ich dem Brauereikrieger ein Ale servieren durfte, erzählte er mir auf meine Frage zu seinem Bruder und dessen Gefährtin schmunzelnd, dass der Fremde gar kein Verwandter von ihm ist, sondern nur ein Schwertbruder, der bislang im Norden gewohnt hatte. Ups, da war mir ja mal wieder ein Patzer unterlaufen, denn in Jorts sprechen sich die Krieger nicht mit "Bruder" an, nur weil sie der gleichen Kaste angehören und die gleichen Waffen tragen. Deswegen hatte der Herr also auch nicht eingesehen, die beiden Nordleute in seinem Haus einzuquartieren!
 
Inzwischen hatte sich der Händler ebenfalls auf der Terrasse niedergelassen, allerdings ohne Shani, sodass ich mich zu der höflichen Frage verpflichtet fühlte, ob ich ihm an diesem Tag ausnahmsweise mal seinen Paga servieren durfte oder ob er lieber auf seine Sklavin warten wollte. Komischerweise forderte er mich auf, erst einmal das "ausnahmsweise" zu erklären und mir wurde klar, ihm war überhaupt nicht bewusst, dass ich dies für mich wirklich eine absolute Ausanahme war und ich dies in Jorts noch nie getan hatte... glaube ich jedenfalls. 
 
Warum auch, er hat schließlich eine eigene Kajira, die auch an diesem Abend natürlich gleich wieder da sein würde. Trotzdem durfte ich ihm nun einen Paga servieren. Ich ließ dabei aber lieber sämtliches Tamtam weg, um Shanis Platz schnell wieder zu räumen. Meine Herrin brauchte meine Dienste nämlich inzwischen ebenfalls und auch der Lederarbeiter wartete auf ein Getränk, da er ja immer noch ohne Kajira ist, nachdem der Händler sein Vorkaufsrecht vernachlässigend einfach eine Sklavin in den Norden verkauft hatte. Naja, ein Vorkaufsrecht besagt noch nicht, dass der Lederarbeiter das Mädchen auch tatsächlich gekauft hätte. Außerdem gab es da noch einige andere Gründe für.
 
Dem seit einigen Tagen durch die Gaststube streichenden kleinen Gianni schien meine Bedienreihenfolge übrigens nicht so ganz zu passen, denn in der Hoffnung auf etwas zu essen mauzte es herzergreifend und wuselte nicht nur um meine Füße herum, sondern sprang sogar auf die Anrichte, um sich selbst zu bedienen, wo ich es natürlich schnell herunter scheuchte. Kein Wunder also, dass es selig schnurrte und sich zufrieden an mich schmiegte, als es irgendwann dann doch ausnahmsweise etwas Fleisch bekommen hatte, denn es wird noch eine Menge lernen müssen, vor allem das Jagen von Urts, wenn es nicht demnächst als Muff enden will.
 
 

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