Mittwoch, 13. November 2013

Ein Glückstag

Eigentlich schade, dass die Sängerin so nett war, mich richtig lange ausschlafen zu lassen. An sich ist Ausschlafen für mich immer ein Umstand, den ich wirklich zu schätzen weiß und wofür ich der Herrin natürlich auch total dankbar war, denn komischerweise schlafe ich morgens immer am Tiefsten. Dementsprechend hochmotiviert war ich nach dem Aufstehen natürlich, die erste der mir von der Herrin übertragenen Aufgaben sogleich in Angriff zu nehmen. Ich widmete mich daher gut gelaunt und leise vor mich hinsummend dem Sortieren der vielen Kleider der Herrin in die unterschiedlichen Kisten, die sie mir am Vorabend noch gezeigt hatte… eine für die warmen Sachen und eine andere für die eher dünneren Kleidungsstücke.
 
Als ich damit fertig war, flitzte ich sofort zum Hafen hinunter, denn ich wusste ja, dass dort an diesem Tag richtig etwas los war. Das neue Tarnschiff des Hauptmanns sollte getauft werden mit anschließendem Stapellauf. Dieses nicht gerade alltägliche Ereignis wollte ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Doch ich hatte Pech, mich offensichtlich vollkommen in der Zeit vertan… noch auf dem Hinweg zum Hafen kamen mir im Wald bereits die ersten Bewohner wieder entgegen. Schade, ich war leider zu spät dran… das Schiff war einfach ohne mich auf den Namen Eroberer getauft worden und schwamm inzwischen im Vosk.
 
Ich glaube, der Hauptmann muss ziemlich erleichtert darüber gewesen sein, dass alles so gut geklappt hatte, denn er war ausgesprochen gut gelaunt und erzählte, er habe als Schiffsnamen zuerst „Katy“ oder „Dina“ in Erwägung gezogen. Doch damit wollte er uns beide natürlich nur aufziehen… trotzdem eigentlich eine sehr nette Geste anstelle seiner sonst üblichen Kopfnüsse, die ich wirklich zu schätzen wusste, mir das aber selbstverständlich nicht anmerken ließ. Außerdem war sowieso keine Zeit mehr, um sich noch lange geehrt zu fühlen. Der Hauptmann wollte nämlich eine Probefahrt unternehmen und befahl mangels Kriegern, die alle wohl inzwischen das freudige Ereignis in der Herberge begossen, Katy und mich an die Riemen.
 
Wie gut, dass wir echte Naturtalente sind, auch wenn unsere Schiffsfahrt wohl eher als langsam zu bezeichnen war. Unser Kapitän war nämlich so mit dem Steuern beschäftigt, dass kaum ein Kommando von ihm zu hören war. Das war allerdings auch nicht weiter schlimm, da ich einfach die Schlagzahl vorgab und Katy sich perfekt meinem Takt anpasste. Selbst das backbord- oder steuerbordseitige Aufstoppen vor den jeweiligen Wenden bekamen wir ohne Probleme hin und legten schließlich mit Blasen an den Händen und ziemlich aus der Puste, aber ansonsten wohlbehalten wieder am Steg an. Übrigens, das sorgfältige Vertäuen seines Tarnschiffes lag dem Hauptmann ganz besonders am Herzen, denn er wollte natürlich sicherstellen, dass sein neues Schiff nicht gleich wieder abhandenkommt.
 
 
Während wir nun langsam den Steg zurück schlenderten, nutzte ich die Gelegenheit, um mich nach dem zweiten, allerdings noch nicht ganz fertig gestellten Schiff zu erkundigen, das erst vor kurzem mein Interesse geweckt hatte. Es war nämlich immer nur die Rede vom Schiffsbau für den Hauptmann gewesen war. Aber vielleicht hatte ich da auch irgendwas nicht richtig mitbekommen. Während ich jetzt neugierig… ach nee… wissbegierig an den Pallungen hinaufkletterte, um einfach mal schnell einen Blick ins Schiffsinnere zu werfen, erfuhr ich vom Hauptmann, dass der Besitzer dieses Schiffs der Kriegerbauer ist. Übrigens stellte ich dabei sofort fest, dass die beiden Tarnschiffe von gleicher Größe und Typ sind. Leider wurde ich sofort von dem Hauptmann gewarnt, mich ja nicht von dem Kriegerbauern erwischen zu lassen, da der es anscheinend überhaupt nicht mag, wenn eine wissbegierige Kajira auf seinem Schiffsneubau herumturnt.
 
Ups, nichts wie runter dachte ich sofort, denn ich wollte mein Glück natürlich nicht überstrapazieren, auch wenn mir besagter Herr zuvor auf seinem Rückweg in die Stadt entgegen gekommen war. Leider wurde mir jetzt jedoch erst bewusst, wie hoch ich mich auf dem Schiffsdeck über dem Untergrund befand. Ein Sprung schien mir echt zu gewagt zu sein, denn ich wollte natürlich keinen Knochenbruch riskieren. Mir blieb nichts anderes übrig, auch wenn ich befürchtete, dass dies nicht allzu elegant aussehen würde, als mich auf den Bauch zu legen. Nach einer Drehung wollte ich dann meine Beine außenbords hängen, um mich dann langsam an den Armen herabzulassen. Doch es kam ganz anders. Ich erwähnte ja schon, dass der Hauptmann gute Laune hatte. Falsch, er hatte sogar (selbstverständlich nur ausnahmsweise!) obersupergute Laune, breitete einfach seine durchtrainierten Kriegerarme aus und befahl mir zu springen… und fing mich auf! Hach, was für ein unbeschreiblich tolles Gefühl!!
 
Wobei… hatte ich anfangs wegen des verpassten Stapellaufs noch gedacht, ich hätte Pech, entwickelte sich dieser Tag nun zu meinem absoluten Glückstag und das nicht nur wegen der guten Laune des Hauptmanns und der Sicherheit in seinen starken Armen. Meine Herrin war nämlich inzwischen zurückgekehrt, war allerdings immer noch nicht wirklich gesund und hatte leider ebenfalls das Schiffsereignis verpasst. Ich vermute, so wie ihre Augen lächelten, freute sie sich darüber, wieder zuhause zu sein und nutzte auch gleich die Gelegenheit für ein immer noch ausstehendes Grundsatzgespräch mit Katy. Leider bleibt noch abzuwarten, ob sich alles zum Guten wenden wird… denn war nicht eigentlich ein Glückstag?
 
 
Ja, für mich war es wirklich ein Glückstag… für die beiden inzwischen schwer ramponierten, nicht gerade mehr frisch aussehenden Sahnekuchenüberraschungsstücke allerdings nicht, denn die mussten tatsächlich doch noch entsorgt werden und zwar leider im Mülleimer.

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