Dienstag, 12. November 2013

Stille

Es war keine völlige Stille, sondern ohne den Trubel und Lärm des vorangegangenen Markttages eher eine normale Stille, die gestern in Jorts herrschte und mich herrlich lange ausschlafen ließ. Sämtliche Händler hatten nämlich bereits am Vortag ihre Stände sogleich wieder abgebaut und waren mit ihren rumpelnden Wagen inzwischen weiter gezogen. Leider wurde mir recht schnell klar, dass die vermeintlich angenehme Stille für mich doch nur eine Art Ruhe vor dem Sturm gewesen war. Beim Aufwachen hatte ich noch nicht ahnen können, was dieser Tag noch mit sich bringen würde.
 
Mit freudiger Erwartung der Rückkehr meiner Herrin beschäftigte ich mich als erstes mit ihrer Überraschung und inspizierte die am Vortag gekauften Kuchenstücke, die ehrlich gesagt nicht mehr allzu frisch aussahen. In diesem Moment klopfte ein Bote an die Haustür und überbrachte mir leider eine schlechte Nachricht. Sämtliche Fröhlichkeit war schlagartig verflogen. Meine Herrin war auf ihrem Landsitz erkrankt und ihre Rückkehr nach Hause vorerst unklar. Selbstverständlich bin ich deswegen nicht gleich in Tränen ausgebrochen, denn es steht zum Glück nicht soooo schlimm um sie, hatte aber trotzdem leider erst mal ihr Fernbleiben zur Folge. Mist, und der Kuchen? Geistesgegenwärtig drückte ich dem Boten schnell eines der Stücke in die Hand, der mich daraufhin zwar etwas irritiert anschaute, letztendlich den sahnigen Schmadderkram aber doch mit Genuss verspeiste, nachdem er mir dargelegt hatte, dass ein Versandt von Sahnekuchen zum Landsitz meiner Herrin nicht in Frage kam. Mir blieb daher nichts anderes übrig, als ihn zu bitten, meiner Herrin als Ersatz eine Riesenportion liebe Grüße und Genesungswünsche von mir zu überreichen, ihr aber zusätzlich möglichst genau zu schildern, wie lecker der für sie gekaufte Kuchen geschmeckt hatte.
 
Tja, dann war ich wieder alleine… nun allerdings mit nur noch 2 Stücken Sahnekuchen und einem inzwischen nicht gerade kleinen Kloß Selbstmitleid im Hals, denn auf mich wartete mal wieder ein Tag, der ohne meine Herrin dem einer Stadtsklavin wohl nicht unähnlich sein würde. Auch wenn ich hoffe, weit von jeglichem Prinzessinnentum mit „Hutschigutschi mein Stern“ und „ich diene nur meinem Herrn“ entfernt zu sein und die Priesterkönige inständig darum bitte, nie an solch ein „Herrchen“ verkauft zu werden, ist es trotzdem nicht einfach für mich zuzusehen, wenn andere Sklavinnen sich an ihre Besitzer anschmiegen dürfen. Dabei genieße ich es andererseits manchmal sogar sehr, ohne meine Herrin nicht ständig mit Rücksicht auf ihre mir unverständlichen Freiefrauenbefindlichkeiten mein Sklavenfeuer im Zaum halten zu müssen. Aber eben nur manchmal… eine Kajira ist nämlich auch nur ein Mensch mit solchen und solchen Tagen.
 
Gestern war vermutlich mal wieder einer der anderen Tage, an dem ich niedergeschlagen wie ich war, besser zu Hause geblieben wäre, der mich jedoch wider besseren Wissens dennoch mit hängenden Schultern Richtung Marktplatz trödeln ließ. Aber ich wollte unbedingt die letzten beiden Kuchenstücke an den Herrn oder die Herrin bringen, denn es wäre doch wirklich schade, wenn sie vergammeln würden. Leider war nur mein Timing schlecht… sogar sehr schlecht. Ich kam nämlich nur bis vor die Terrasse, wo mir die Jägerin mit leisem „Pssst“ nach meiner Begrüßung sogleich bedeutete still zu sein. Aha, war sie da wieder… die Stille, die ich beim Aufwachen schon bemerkt hatte? Nein, keineswegs! Obwohl ich sofort meine Lippen schloss und keinen Piep mehr von mir gab, war es absolut nicht still. Der Kriegerschmied war nämlich auf der Terrasse in einem Gespräch mit zwei Fremden, denen er anscheinend seine gerade erst am Vortag ersteigerte Ware verkaufen wollte.
 
Na gut, dann eben kein Kuchen, dachte ich stumm und trat den Rückweg an, da mich diese Verhandlungen absolut nicht interessierten… wenn niemand meine Dienste benötigte, Schweigen konnte ich auch woanders. Eigentlich sollte zwar der Hauptmann mein zweites Kuchenopfer werden oder alternativ der Brauereikrieger, doch beide hatte ich nirgendwo entdecken können und vermutete daher, dass sie vielleicht Wachdienst hatten. Zu Hause angekommen, setzte ich mich neben dem Bienenstock unter dem großen Baum ins weiche Gras, um in Ruhe über meine Situation und insbesondere über die als Stadtsklavin nachzudenken. Untermalt vom Summen der emsigen Bienen hatte es etwas sehr Beruhigendes dem langsamen Drehen der Mühlenflügel zuzuschauen… leider nur solange, bis plötzlich eine drohende Männerstimme hinter mir mich aus meinen etwas trüben Gedanken riss und fragte, ob ich nichts zu tun hätte!
 
Tja, dumm gelaufen… ich hatte natürlich nicht bedacht, dass der Weg zum Hof des Kriegerbauern am Haus meiner Herrin vorbeiführte. Die Frage des mir unbekannten Herrn war eigentlich überflüssig gewesen, denn er hatte offensichtlich keinen Bedarf an meinen Diensten und ging dann nach einem mir unverständlichen Befehl auch sofort mit seiner Sklavin weiter. Ich gestehe, ohne Gelegenheit für eine Rückfrage, ignorierte ich die merkwürdige, mir vollkommen unklare Anweisung des Fremden einfach, dachte allerdings darüber nach, ob es nicht besser wäre, wenigstens einen Besen zum Laubfegen in die Hand zu nehmen, um einigermaßen beschäftigt zu wirken? Da ich inzwischen eine Entscheidung gegen das Verkriechen im Haus meiner Herrin getroffen hatte, entschloss mich, mir nun lieber einen unauffälligeren Platz zu suchen. Der Hafen schien mir ein durchaus geeigneter Ort zu sein, um meine Gedanken und Gefühle endgültig ins Reine zu sortieren, zumal ich es ja auch irgendwie mit Wasser habe und mit Schiffen sowieso. Außerdem wollte ich erkunden, wie weit das neue Tarnschiff inzwischen war, dessen Stapellauf ja kurz bevor stand.
 
Wahh, ich hätte eigentlich damit rechnen müssen, den Bootsbauer bei der Werft zu treffen und zwar natürlich nicht alleine, sondern mit seiner Angebeteten im Schlepp. Eigentlich hatte ich den Herrn anfangs ganz gut leiden können, doch seitdem auch er dieser zurzeit grassierenden „Gefährtenseuche mit konsequenter, mönchsartiger, total ungoreanischen sexuellen Abstinenz“ erlegen war, legte ich keinen allzu großen Wert mehr darauf, ihm zu begegnen. Aber eigentlich wollte ich sowieso niemandem begegnen… wollte ein wenig in Selbstmitleid zerfließen und vielleicht die eine oder andere Träne verdrücken… sollten sich die Herren doch von ihren Gefährtinnen bedienen lassen und die freien Frauen sich selbst! Wobei ich im Nachhinein gestehen muss, dass der Bootsbauer gestern nicht nur Augen für seine Fastgefährtin hatte… ab und an kam tatsächlich noch der Hauch eines goreanischen Mannes zum Vorschein, den er wegen seiner Angebeteten aber natürlich sofort perfekt unterdrückte.
 
Es war also vorbei mit meiner Stille am Hafen, bevor die überhaupt richtig begonnen hatte. Meine einzige Fluchtmöglichkeit vor den beiden Freien wäre ein Sprung vom Steg in den Vosk gewesen und darauf hatte ich nun überhaupt keine Lust. Wobei es aber sowieso nicht danach geht, worauf eine Kajira Lust hat… ihre Aufgabe ist es Freie zu erfreuen… stets ihr Bestes zu geben, auch wenn sie sich gerade mies fühlt. Inzwischen weiß ich, dass die Sängerin es jedoch nicht wirklich schlecht mit mir meinte, auch wenn sie mir Arbeit ohne Ende aufgedrückt hat. Nein, im Gegenteil! Ich vermute, sie wollte mit ihrem Versuch, mir das Gefühl zu vermitteln, dass sich jemand um mich kümmert wenn meine Herrin nicht da ist, zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Wobei sie natürlich hauptsächlich an sich selbst, ihre Kleider, ihre bevorstehende Feier und ihren herannahenden Umzug in den Norden gedacht hat, denn ich bin ja nur eine Kajira… ein Ding, nicht mehr als ein Gegenstand oder eines ihrer Kleider.
 
Übrigens ist der Hauptmann auch ein Kümmerer… wie er mir gestern zu vorgerückter Ahn wieder sehr deutlich gezeigt hat, nachdem ich noch einmal ganz leise das Haus der Herrin verlassen hatte, weil ich nicht einschlafen konnte. Allerdings steht der Komfort der Übernachtungsmöglichkeit im Hauptmannshaus ein wenig hinter dem der um einiges weicheren und viel besser gepolsterten Decke der Sängerin… aber er ist ein MANN und meine Füße kann ich im Körbchen der Herrin auch nicht ausstrecken… bestenfalls über den Rand hängen lassen! Mal sehen, ich denke das eine Stückchen Kuchen werde ich dem Hauptmann zukommen lassen und das andere dann der Herrin… sofern die Kuchen überhaupt noch genießbar sind. Es wird also unvermeidbar sein, sicherheitshalber in beide meinen Finger für eine kleine Überprüfung der Genießbarkeit zu tauchen! ;-))

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