Dienstag, 3. Dezember 2013

Helden sterben manchmal jünger als geplant

…doch in diesem Fall ist zum Glück noch einmal alles gut gegangen… so gerade eben!
 
Ein wenig knisternde Spannung lag in der Luft, als ich dem Anlass angemessen mit einer schönen roten Tunika bekleidet den Marktplatz erreichte. Wobei Rot schon immer meine Lieblingsfarbe gewesen ist und das wohl auch bleiben wird. Zum Glück hat meine Herrin damit kein Problem, zumal sie selbst ja auch einige rote Kleider besitzt. Doch an diesem Tag gab es für mich einen besonders wichtigen Grund, Rot zu tragen. Es wollten nämlich zwei Krieger, also Helden der roten Kaste auf den Heimstein von Jorts schwören.
 
Merkwürdigerweise war bei meinem Eintreffen in der Stadt jedoch nur einer der beiden zu sehen, der allerdings einen irgendwie nervösen Eindruck auf mich machte, sodass ich den anderen Herrn fast hinter einem Busch vermutete. Doch dem war nicht so, wie sich bald herausstellen sollte. Ich vermutete jedenfalls, dass sich der auf dem Marktplatz befindliche Rarius einen Bonbon nach dem nächsten in seinen Mund stopfte, um die Warterei bis zum Schwur und vielleicht auch seine innere Unruhe vor diesem wichtigen Ereignis irgendwie zu überbrücken, was allerdings nicht ganz ohne Folgen blieb. Nachdem das letzte klebrige Teil im Mund des Rarius verschwunden war, waren seine Hände anscheinend so klebrig, dass er befürchtete, beim Schwur auf den Heimstein daran mit seiner Hand kleben zu bleiben. Zum Glück konnte ich jedoch schnell Abhilfe schaffen, indem ich kurzerhand einen Eimer Wasser aus dem Brunnen hochkurbelte, damit der Krieger seine Hände spülen konnte.
 
Selbstverständlich war ich dabei sehr vorsichtig, damit die schöne Ausgehtunika des Herrn nicht aus Versehen nass wurde und er nicht wie ein begossenes Vulo vor Nässe triefend vor den Heimstein treten musste. Leider hatte ich jedoch nicht mit einem so lauten, wirklich markerschütternden Schrei gerechnet, der mich vor Schreck heftig zusammenzucken ließ, sodass sich vollkommen ungeplant, nämlich genau in dem Moment als der Krieger seine sauberen Finger in meinen Haaren abtrocknete, plötzlich ein ganzer Schwall Wasser aus dem Eimer ergoss… dummerweise auf die in Sandalen steckenden Füße des Herrn. Den Priesterkönigen sei Dank, sein Tunikarock war wenigstens verschont geblieben. Trotzdem war der Krieger selbstverständlich nicht gerade begeistert über die kalte Fußdusche und klopfte irgendwie demonstrativ und sehr schuldzuweisend an seinem wohlgemerkt trockenen Rock herum, während er mit argwöhnischen Blicken verfolgte, wie ich das restliche Wasser aus dem Eimer am Baum auskippte.
 
Zum Glück öffnete sich dann die Tür des Heilerhauses und der andere Heimsteinschwörer humpelte mit schmerzverzerrtem Gesicht und lautem Stöhnen heraus, sodass die leider ziemlich nassen Füße nun zur Nebensache wurden. Der verletzte Kriegerheld erzählte nämlich sofort seinem Kastenbruder mit gequältem Gesichtsausdruck, dass er morgen geopfert werden soll, stellte dann aber nach einigem Hin und Her richtig, dass nur die blauen Flecken an seinem Fuß geopfert werden sollen, die er sich wohl zugezogen hatte, weil er wegen vergessener Stiefel barfuß durch den Schnee in Vakur gelaufen war. Die Heilerin will die komischen Hautstellen nun anscheinend einfach opfernd abschnippeln… oder so… seine Zehen können aber wohl dran bleiben. Also eigentlich alles halb so schlimm, dachte ich mit großer Erleichterung, denn für diesen Herrn schlägt mein Kajiraherz manchmal ein wenig schneller… naja, auch für andere Helden. Jedenfalls wird dieser geheime Held also noch nicht sterben müssen.
 
Im Gegenteil, auch wenn die Ärztin wohl am liebsten gleich das Messer gezückt hätte, humpelte er nun erst einmal schwer auf den Bonbonesser gestützt zur Schreibstube, weil die Ahn des Heimsteinschwurs inzwischen geschlagen hatte. Alles war vorbereitet und auch der Heimstein bereits aus seinem Versteck geholt worden… sämtliche Krieger und ganz besonders der Hauptmann daher entsprechend angespannt. Ich verdrückte mich in den Hintergrund des Raums. Trotzdem gelang es mir einen guten Platz zu erwischen, sodass ich einen perfekten Blick auf den Heimstein, den Hauptmann und die beiden Rekruten hatte, die nun ebenfalls sehr ernst geworden waren und Haltung angenommen hatten. Ich war mir ziemlich sicher, so verkrampft wie mein verletzter Held dort stand, riss er sich bestimmt sehr zusammen, um sich die Schmerzen nicht anmerken zu lassen.
 
 
Dann hatte schließlich auch das nervöse Fußscharren des Hauptmanns ein Ende und er begann mit seiner natürlich mehr oder weniger gebrummten Rede, denn er brummt ja meistens. Er sprach bzw. brummte über das einzigartige Band zwischen den Menschen der Stadt Jorts Fähre, das man nicht geschenkt bekommt, sondern sich verdienen muss. Nichts verbindet die Gemeinschaft der Bürger mehr als der Heimstein ihrer Stadt, die solange existieren wird, wie es den Heimstein geben wird. Zwischendurch legte er immer wieder kurze dramaturgische Pausen ein, in denen man ein Blatt auf den Boden hätte fallen hören können, so gebannt lauschten alle Anwesenden seiner Rede. Er endete damit, dass er sich darüber freut, zwei weitere Krieger in der Stadt zu haben, denn dies bedeutet, dass Jorts immer stärker, wehrhafter und mächtiger wird, aber auch unabhängiger.
 
Nach einer einladenden Geste des Hauptmanns, traten die beiden Rekruten nacheinander vor den Heimstein und leisteten mit sehr bewegenden Worten ihren Schwur, bei denen sich wie immer wenn ich so ergriffen bin, einige Tränen in meine Augen schlichen… aber das hat zum Glück niemand bemerkt, denn plötzlich wurde es richtig dramatisch. Der verletzte Held war bei seinem Schwur zuletzt auf die Knie gesunken, während er gleichzeitig sein Schwert zog, um es vor dem Heimstein auf den Boden zu legen. Ich vermute, er wollte mit dieser Geste noch deutlicher machen, dass er eher sterben würde, als zuzulassen, dass den Bürgern der Stadt Jorts Fähre oder ihrem Heimstein ein Leid geschieht. Leider war dies ohne eine Vorwarnung geschehen, sodass sämtliche Krieger… der ganze Raum wimmelte übrigens von rot gekleideten Helden… reflexartig ihre Schwerter zogen, weil sie annahmen, der neue Krieger wollte ihrem Heimstein Böses. Doch dem war natürlich nicht so.
 
„Warne mich in Zukunft vor, denn ich hätte dich eben gerade fast aufgeschlitzt“, waren die knurrenden Worte des Oberhelden… also des Hauptmanns, bevor er das Zeichen an alle Krieger gab, ihre Schwerter nach dem falschen Alarm nun wieder in die Scheiden zu stecken, während Dark‘s Herr neben mir murmelte, dass Helden manchmal jünger sterben als geplant. Danach lobte er die guten Reden der beiden jungen Rarii. Nach ausgiebigen Rufen „Ta Sardar Gor, Ta Sardar Jorts Fähre“ stand dann einer ausgiebigen Feier mit reichlich Essen, Paga, Kalana und heißer Milch mit Honig nichts mehr im Wege... aber auch schwarzem Tee, denn einer meiner roten Helden durfte zu seinem Leidwesen wegen blauer Flecken an den Füßen keinen Alkohol trinken! ;-)
 
 

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