Mittwoch, 15. Januar 2014

Aderlass

Eine ganze Weile hatte ich am Hafen nach dem Schiff Ausschau gehalten, mit dem ich meine Herrin zurück erwartete. Leider hatte es offensichtlich Verspätung, sodass ich mich dann schließlich doch in die Stadt aufmachte, was wohl auch eine ganz gute Entscheidung gewesen war, um beim Servieren im Gasthaus zu helfen. Es sah nämlich fast so aus, als ständen die vielen Freien bereits Schlange für ein Getränk oder etwas zu Essen an. Die Sitzkissen waren kurz davor zur Mangelware zu werden, weil Ar anscheinend evakuiert worden war. Leider jedoch ohne Kajirae, sodass es wirklich reichlich zu tun gab und die arme Lita als einzige Sklavin an diesem Tag bereits mittelprächtig gestresst war. Ich konnte sie aus eigener Erfahrung wirklich gut verstehen, denn auch eine Sklavin ist nur ein Mensch und hat mal einen etwas dünnhäutigeren Tag beim Wickel. Doch da müssen wir durch. Ich versuchte sie daher ein wenig aufzumuntern und gemeinsames Leid lässt sich sowieso leichter ertragen. Zum Glück verschwanden einige Freie gerade wieder.

Tja, und dann hörte ich plötzlich eine Stimme, bei der mein Kajiraherz wild anfing zu klopfen. Sie ließ mich den Paga ziemlich schnell ohne jegliches Tamtam servieren, auch wenn ich dem gutaussehenden Bootsbauer selbstverständlich gerne noch ein bisschen schöne Augen gemacht hätte und der Hauptmann aus Ar noch gar nicht von mir begrüßt worden war. Aber auch eine Kajira muss manchmal Prioritäten setzen, insbesondere wenn ihre Herrin nach fast vier Hand nun endlich zurück ist. Wobei ich mich während ihrer Abwesenheit in der Obhut des Hauptmanns mehr als wohl und total beschützt gefühlt habe… egal wie sehr meine Füße wegen der in meinen Augen immer noch überflüssigen Stiefel qualmten und wie traurig es mich stimmte, von ihm nicht mehr Dina genannt zu werden. 


Meine Wiedersehensfreude war jedenfalls riesig und ich glaube, meiner Herrin ging es ähnlich, während ich vor ihr meine Stirn auf den Boden des Marktplatzes drückte. Als ich danach nämlich ihren Rocksaum mit meinen Armen umklammerte und zu ihr hinaufstrahlte, drückte sie lächelnd einen Kuss auf einen ihrer Finger und strich mir damit unendlich sanft über meine Lippen. Leider nur war sie vollkommen erschöpft und müde von der anstrengenden Reise, sodass sie sich früh zurückziehen musste. Aber Hauptsache, sie ist gesund zurück… alle Erzählungen würden nicht weglaufen. Dafür war am nächsten Tag immer noch Zeit genug. Außerdem war ich sowieso viel zu durcheinander für einen zusammenhängenden Bericht der wichtigsten Dinge, die in Jorts passiert waren und was ich alles erlebt hatte.

Viel Zeit darüber nachzudenken, dass ich auf dem Nachhauseweg aufpassen musste, nicht wieder ins Haus des Hauptmanns zu laufen, hatte ich jedoch nicht, denn der Baumkrieger benötigte nun meine Hilfe. Es ging schon wieder um Kinder… diesmal allerdings um die von Polly, seiner Kailla. Mir war zwar nicht klar, was meine Rolle dabei sein sollte, denn dafür war vor kurzem wohl eher das laut stöhnende, merkwürdige Balztöne ausstoßende Viech des Händlers zuständig gewesen. Der Krieger wies mich ohne weitere Erklärungen jedoch einfach an, aus der Herberge eine Schüssel mitzunehmen, korrigierte sich bei meiner Rückfrage wegen der Größe dann aber, dass eine Schale reichen würde. Trotzdem war mir immer noch nicht klar, was er von mir wollte.

Oh je, es wurde fast so schlimm wie bei den beiden Sleenangriffen, die ich nur unbeschadet überstanden hatte, weil ich zum Glück so schnell rennen kann. An Weglaufen war in diesem Fall jedoch nicht zu denken. Im Gegenteil, ich musste mich quasi direkt vor die Höhle des Ungeheuers begeben, nämlich unter sein Gebiss mit den gefährlichen Hauern. Einzig der Umstand, dass der Rarius seinem zähnefletschenden Kailla das nach mir schnappende Maul mit einigen Urts stopfte und es gleichzeitig mit einem festen Griff am Halfter hielt, rettete mir wahrscheinlich das Leben bzw. schützte mich vor hässlichen Narben. Aber ich will ehrlich sein, natürlich fühlte ich mich auch ein wenig geehrt, dass der Rarius mir diese schwierige Aufgabe zutraute.

Jedenfalls ließ ich nach reichlich Bitten, Betteln und Gemecker, allerdings ohne die von mir erhoffte Wirkung, dafür vor Angst zitternd das Biest namens Polly dann tatsächlich zur Ader, indem ich die Schale wie befohlen unter den Hautschnitt drückte, den ich dem Kailla zuvor mit einem Messer verpassen musste. Mein Trick, die Augen zu schließen während die rote Suppe langsam in die Schale lief, war vermutlich genau richtig gewesen. Denn dadurch gelang es mir, meine Angst ein wenig auszublenden und das verdächtige Rauschen in meinen Ohren in den Griff zu bekommen, damit ich bei dieser Sache nicht in Ohnmacht fiel. Ich habe also tatsächlich überlebt, zwar ein wenig weiß um die Nase und mit weichen Knien, aber immerhin! Den Baumkrieger interessierte mein Befinden natürlich kein Stück, da er es plötzlich sehr eilig hatte, mit der Schale das Haus der Ärztin anzusteuern, um das Kaillablut untersuchen zu lassen.


Am nächsten Tag schlich ich mich übrigens recht früh aus dem Haus meiner Herrin, um für sie ein paar Kajirakringel bei der Bäckerin zu erstehen, denn ich weiß ja wie gerne sie Süßes isst… genau wie mein Obhutherr. Auch wenn meine Herrin später zwar behauptete, die Anzahl der Kringel sei von mir so gewählt worden, dass für mich genug übrig blieb, fand ich die Menge eigentlich genau richtig für alle Eventualitäten, die dann allerdings doch nicht eintrafen… aber egal. Es war auch etwas schwierig gewesen die Bäckerin überhaupt aufzutreiben, doch letztendlich kam sie des Weges, gefolgt von einem Minitarsk, das sie Hugo nennt und wohl ihr ein und alles ist. Zum Glück verscherzte ich es mir nicht ganz mit der Herrin, denn sie verkaufte mir trotz einer etwas abfälligen Bemerkung über den Minibraten dann doch das Gewünschte. 

Gut im Sinne von obersuperlecker war übrigens, dass ich noch einen zusätzlichen Kringel auf Rechnung des zu euchzenden Herrn erstanden hatte, den er mir nach meinen Diensten im Alkoven der Taverne geschenkt hatte. Komischerweise muss sich dieser Kringel schon auf dem Heimweg in Luft aufgelöst haben, denn als ich zu Hause ankam war er plötzlich weg. Nur meine Finger klebten verdächtig. Aber es kam sowieso ganz anders, als ich mir vorgestellt hatte. Meine Herrin bekam als Erstes Besuch von dem netten Neunzehenkrieger. Er nimmt die Erziehung seines Neuerwerbs sehr ernst, macht sich viele Gedanken deswgen und wollte sich nun mit meiner Herrin beraten, weil sie jahrelange Erfahrungen mit der Ausbildung von Kajirae hat. Höflich und um Anstand bemüht, weigerte sich der Krieger jedoch Platz zu nehmen, sodass sich keine Gelegenheit ergab, ein Getränk oder einen Kringel anzubieten. 

Nach diesem Gespräch war es eigentlich höchste Zeit für eine Honigmilch im Gasthaus. Doch irgendwie wurde ich zur Quasselstrippe, sodass es später und später wurde, bis es schließlich zu spät war. Die Kringel blieben unangetastet, werden am nächsten Tag aber mit Sicherheit immer noch schmecken… zumindest mir. Da ich so früh wie meine Herrin noch nicht einschlafen konnte, weil mir so viel durch den Kopf ging, drehte ich noch eine kleine Runde durch die Stadt und landete schließlich vor der Festung, um dem Hauptmann und zwei weiteren Kriegern bei einem späten Training zuzuschauen. Ich tat zwar so, als ob mein Auftauchen Zufall war, aber eigentlich hatte ich nach dem Hauptmann Ausschau gehalten. 

Leider hatte die Herrin aus Ar, die mich seit ihrem Eintreffen mit ständigen Kistenschleppaufträgen triezt, die gleiche Idee gehabt. Wobei ich ihren letzten Befehl schlau gelöst hatte, indem ich einen der Hafenarbeiter ein wenig bezirzte, sodass er im Gegenzug für mich die Schlepperei der Einkäufe dieser Herrin auf ihr Zimmer übernahm. Die Dame hatte mir ja nur aufgetragen, mich um ihre Kisten zu kümmern. Der Hauptmann fand meine Erledigung dieses Auftrags ebenfalls schlau, nur die olle Oberzicke behauptete nun, sie hätte mir befohlen die Sachen persönlich zu tragen… was aber überhaupt nicht stimmte. Hach, was war der Schutz meines Obhutherrn für ein schönes Gefühl und neben ihm knien zu dürfen… leider nur so lange, bis er sein Training fortsetzte. Diese Gelegenheit nutzte die Rote nun, um mir ihre Krallen in die Kopfhaut zu drücken. Es tat wirklich ganz schön weh, auch wenn es dabei nicht zum Aderlass kam. Aber es ist mir gelungen, der Gnädigsten nicht die Genugtuung zu geben, ihr meine Pein zu zeigen, sodass sie bald den Spaß an der Quälerei verlor und wegging.

Obwohl es inzwischen spät geworden war, harrte ich noch einige Ehn aus, denn ich hatte ja den gleichen Heimweg wie der Hauptmann… nagut, zumindest ein Stück. Es war für mich übrigens ein eigenartiges Gefühl, an seinem Haus vorbei- und nicht wie in den letzten Hand hineinzulaufen, denn mein Schlafplatz ist ja nun wieder bei meiner Herrin. Trotzdem rief mich mein Obhutherr, für den ich anscheinend weiter Dita bin, noch zu sich ins Haus und duldete sogar, dass ich mich beim Gutenachtsagen kurz an ihn anschmiegte. ;-))

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