Montag, 17. Februar 2014

Es geht voran

 

Noch bevor die Männer vor einigen Tagen mit den Vorbereitungen für das Aufrichten des Altars in Gange waren, rief mich übrigens der Hauptmann zu sich und übergab mir eine nackte Sklavin für die Stadtkette, denn meine Herrin war für einige Tage auf ihren Landsitz gereist. Es war anscheinend ein Münzmädchen, deren Herr es vorgezogen hatte, vielleicht aus eigener Bequemlichkeit oder in Anbetracht des provisorischen Stegs am Vosk lieber an Bord des Schiffes zu bleiben, denn die Hafenanlagen von Jorts Fähre waren nach dem Inferno in so kurzer Zeit natürlich noch nicht wieder neu aufgebaut worden. Vorerst gab es einfach Wichtigeres zu tun. Selbstverständlich musste allerdings wie üblich auch bei dieser Kajira nun eine Hand abgewartet werden, ob ihr Besitzer letztendlich nicht doch noch an Land kommen würde, um sein Eigentum zurückzufordern. Erst danach wäre sie bis zur nächsten Skavenauktion endgültig an der Stadtkette von Jorts und somit in der Obhut meiner Herrin.

Da mit dieser Sklavin möglicherweise einiges an Arbeit auf mich zukam, musterte ich sie erstmal äußerst kritisch und plusterte mich dann ein wenig als Kettenerste auf, damit ihr gleich klar wurde was Sache war. Erstaunlicherweise nahm sie meinen Befehl, mich Herrin zu nennen, ohne mit der Wimper zu zucken hin, auch wenn in mir ein untrügliches Gefühl aufkeimte, dass dazu wahrscheinlich ein paar Kommentare in ihrem Kopf herumwirbelten. Aber ich kann ja zum Glück keine Gedanken lesen... war das in diesem Fall vielleicht sogar ein Segen? Mal abwarten. Diesen ersten Test, bei dem sich eigentlich sehr häufig bereits die Spreu vom Sa Tarna Korn trennt, hatte sie jedenfalls bestanden, denn sie ordnete sich mir unter, ohne einen Laut darüber von sich zu geben und war sich auch für keine der vielen anstehenden Aufräumarbeiten zu schade. Ach nee, die allererste Prüfung hatte sie ja schon bestanden, indem sie den Befehl des Hauptmann befolgt hatte, sich auszuziehen, was eine bestimmte Spezies von Reisekajirae übrigens meistens nicht tut und sich dann genauso schnell verdrückt wie sie angereist sind.

Über die Besitzverhältnisse einer anderen Sklavin hatte ich mich am Morgen nur oberflächlich erkundigt, weil ich eigentlich eine andere Aufgabe zu erledigen hatte. Sie war dem Baumkrieger zugelaufen oder vielmehr zugefallen, indem sie anscheinend von einem Tarn genau vor seine Füße geplumpst war. Oder war das doch ein Fall in den Vosk gewesen? Egal, die Art und Weise wie sie sich benahm, erinnerte mich ein wenig an eine frühere Sklavin dieses Herrn... aber solche Zufälle gibt es eben. Lustig ist, dass sie Ravi fast wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich sieht und die selben feuerroten Haare hat, wenn sie nicht rußverschmiert sind. Wobei ich glaube, Ravi findet das wohl nicht so lustig wie ich. Die Auskünfte der Kajira über ihren letzten Besitzer, der anscheinend keinem Heimstein angehört, und ihren mysteriösen Tarnflug mit ihm, waren jedenfalls mehr als verwirrend für mich, aber vielleicht auch darauf zurückzuführen, dass sie bei ihrem Sturz womöglich einen kleinen Dachschaden erlitten hatte? Doch auch dieses Mädchen war sehr willig, ließ sich von mir das Vorratslager in der Festung zeigen und kümmerte sich ohne zu murren um die nach dem Inferno leider immer noch ziemlich behelfsmäßige Versorgung der Freien.



Mit großer Erleichterung stellte ich fest, wie schnell es inzwischen eigentlich wieder bergauf ging, da alle irgendwo mit anpackten und viel zusätzliche Hilfe von außerhalb kam. Die Trümmer hatten kaum aufgehört zu schwelen, als auch schon die ersten Händler mit wichtigen Hilfsgütern eintrafen. Die Kunde vom Unglück in Jorts Fähre hatte sich in der Voskregion anscheinend sehr schnell herumgesprochen. Mit der Rückkehr des Neunzehenkriegers, der mit einem großen Handkarren diverse zusätzliche Lebensmittel beschafft hatte, die Katy und ich schnell abluden und im Lagerraum der Festung bei den anderen verstauten, war die Ernährung aller Bewohner für eine lange Zeit weiter sichergestellt. Ein Umstand, der mich wirklich aufatmen ließ. Nicht so toll fand ich genau wie der Krieger die Tatsache, dass einige Schwerter aus seinem Erbe nach dem Brand in den Trümmern seines Hauses nicht wiederzufinden waren. Noch viel schlimmer war aber, dass Elena immer noch vermisst wurde. An einem der ersten Tage bekam ich nämlich mit, wie sich der Lederarbeiter auf die Suche nach seiner Kajira machte.

Zum Glück waren die Priesterkönige inzwischen offensichtlich wieder milde gestimmt, denn schließlich wurde Elena gefunden… lebend, aber leider ziemlich schwer verletzt. Ihr Herr hatte sie mit schrecklichen Brandverletzungen auf dem Rücken unter den Trümmern eines Hauses entdeckt. Es sah überhaupt nicht gut mit ihr aus… sie war vor Schmerzen fast ohnmächtig und kaum ansprechbar. Hinzu kam, dass der Besitz eines Freien mit so schweren Wunden im Prinzip nichts mehr Wert ist, sofern er überhaupt überlebt. Dabei scheint der Lederarbeiter wohl gerade an dieser Kajira besonders zu hängen. Äußerst ungünstig war auch, dass ausgerechnet an diesem Tag die jortssche Ärztin nicht abkömmlich war, denn eine Sklavin steht in der ärztlichen Versorgungskette natürlich hintenan.

Kein Wunder also, dass ohne die Möglichkeit einer qualifizierten ärztlichen Betreuung nun ziemlich große Irritation darüber herrschte, ob man auf Brandwunden die Heilsalbe streichen sollte, die eine der hilfsbereiten fremden Händlerinnen großzügig anbot. Der Lederarbeiter vertrat jedoch die Meinung, im Zweifelsfall lieber nichts auf die Brandblasen zu streichen, bevor man damit etwas verkehrt macht. Er wollte daher lieber auf die Untersuchung einer Ärztin warten. Wegen der Heilsalbendiskussion ließ er jedoch trotzdem von Ravi Erkundigungen einholen, ob vielleicht jemand anderes etwas über die Behandlung von Brandopfern wusste, da die Händlerin nicht locker ließ und die gute Wirkung ihrer Salbe weiter anpries. Ich musste zwar ebenfalls eingestehen, keine Ahnung von der Behandlung solcher Verbrennungen zu haben, wurde jedoch sofort hellhörig, als sich herausstellte, dass die neue Stadtkettensklavin im Haushalt eines Heilers groß geworden war.



Sie hatte von ihrem damaligen Herrn anscheinend sehr viel gelernt und riet nun mit Nachdruck von einer Salbenbehandlung der Brandblasen ab, beachtete dabei jedoch, dass es einer Kajira selbstverständlich nicht zusteht, Freien zu widersprechen. Den Sattler überzeugte sie offensichtlich von ihrem Wissen, denn er schickte uns schließlich los, die von ihr vorgeschlagenen Blätter einer bestimmten Pflanze mit „P...“, deren kompletten Namen ich inzwischen leider vergessen habe, zum Behandeln der Verletzungen zu suchen. Wie gut, dass ich bei meinem kürzlichen Ausflug zum Haus meiner Herrin bereits entdeckt hatte, dass nicht der gesamte Wald von Jorts abgebrannt war, sondern nur der direkt an die Häuser grenzende Waldrand. Das ließ uns jetzt hoffen, diese Pflanze vielleicht zu finden. Wobei dies für mich nicht leicht war, denn ich wusste ja nicht mal, wonach ich suchen sollte und zeigte der Nackten jedes grüne Blatt, das ich fand. Andererseits gab es am Waldrand wie gesagt nur noch wenig Grün, was die Sache wiederum übersichtlich machte. Trotzdem wurden wir tatsächlich fündig und Elena ist jetzt hoffentlich auf dem Weg der Besserung! :-)



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