Sonntag, 16. Februar 2014

Nach dem Inferno

Obwohl alle mir wichtigen Personen und sonstigen Bewohner Jorts rußverschmiert und diversen abgesengten Haaren oder mit ein paar kleineren Verletzungen den schrecklichen Feuersturm überlebt hatten und ich darüber unendlich erleichtert war, schlief ich erneut schlecht in dieser Nacht. Vielleicht war es für mich einfach nur ungewohnt, zusammen mit so vielen mehr oder weniger laut schnarchenden Menschen in einem Kellergewölbe zu liegen, in das kein Laut von draußen hineindrang. Wahrscheinlich war es jedoch mein durch den eingeatmeten Ruß bedingter Husten, der mich schließlich nach oben schleichen ließ, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Außerdem wollte ich die anderen natürlich nicht stören.

Mein Blick von den Zinnen unserer zum Glück nicht allzu schlimm demolierten Festung, deren dicke Mauern uns alle hatten überleben lassen, zeigte mir eine von den drei Monden gespenstisch beleuchtete Landschaft, in der inzwischen die meisten Feuer erloschen waren. Während ich nun meine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte, die zwei nasse, glitzernde Rinnsale durch den Ruß auf meinen verdreckten Wangen zogen, wurde mir endgültig klar, dass es die hübschen Häuser von Jorts nun tatsächlich nicht mehr gibt. Mit dieser Erkenntnis ließ ich meiner Trauer nun ungehemmt schluchzend freien Lauf. Ich hatte ja auch nie verstanden, warum sich einige Bewohner immer wieder echauffiert haben, wenn Jorts Fähre von Fremden aufgrund der Bauweise und Anordnung seiner Häuser als Dorf oder Nest am Vosk bezeichnet wurde. Na und? Für mich war es seit inzwischen vielen Märkten mein Zuhause, auch wenn ich ständig aufpassen musste, mich nicht ab und an in den schmalen Gassen zu verlaufen. Aber was soll’s, ich bin nur eine unbedeutende Kajira, für deren Meinung sich außer vielleicht ihrer Besitzerin niemand interessiert.

Nachdem ich irgendwann keine Tränen mehr hatte und wieder einigermaßen klar sehen konnte, ließ mich mein nach der Zerstörung jetzt unverbauter Blick hinter der mehr oder weniger verkohlten Trainingswiese deutlich den Marktplatz mit seinem zerstörten Brunnen erkennen. Ich wurde neugierig, wie und ob das Haus meiner Herrin das Inferno wohl überstanden haben mochte. Auch wenn mir selbstverständlich klar war, dass mein Vorhaben von meiner Herrin nicht gut geheißen würde und ich mich auch von keiner Wache erwischen lassen durfte, schlich ich mich nun leise zur Festung hinaus. Zum Glück hatte sich mein Husten in der klaren Nachtluft inzwischen beruhigt, sodass mir mein Vorhaben tatsächlich unbemerkt gelang. Ich musste einfach Genaueres in Erfahrung bringen, vielleicht konnte ich sogar noch das Eine oder Andere aus dem Haus meiner Herrin retten? Selbstverständlich war mein Tun nicht ungefährlich, aber bald von einem kleinen ersten Erfolg gekrönt. Ich fand das Haus meiner Herrin recht schnell. Es war zwar eingestürzt, aber zum Glück nicht komplett verbrannt.

Mit allergrößter Vorsicht, um nicht von irgendwelchen vielleicht noch zusammenbrechenden Bauteilen getroffen und eingeklemmt oder sogar erschlagen zu werden, begann ich nun die Ruine zu durchstöbern. An einigen Stellen war der Boden sogar noch warm unter meinen nackten Fußsohlen, sodass ich gewaltig auf der Hut war, nicht in irgendwelche Glutnester zu treten. Mit großer Enttäuschung musste ich mir jedoch bald eingestehen, dass von den zertrümmerten und teilweise verkohlten Möbeln nichts mehr wirklich zu gebrauchen war. Es sah also ganz danach aus, als würde meine Suche vergeblich sein. Außerdem dämmerte inzwischen bereits der Morgen, sodass ich mich schon frustriert auf den Rückweg machen wollte, als mein Blick plötzlich auf einen Zipfel Stoff fiel. Er lugte unter einem merkwürdig geformten Teil hervor, das mich sehr stark an die Badewanne meiner Herrin erinnerte.

Es war zwar äußerst mühsam und wegen der Einsturzgefahr der Hausüberreste wahrscheinlich mehr als gefährlich, aber ich schaffte es nach einigen Mühen tatsächlich, ein verrußtes Kleid meiner Herrin hervor zu ziehen und einige größere Stoffreste, aus denen Katy und ich uns bestimmt noch etwas nähen konnten. Aufgrund meiner guten Erfahrungen in der Vergangenheit mit angeschwemmten Stoffballen und anderem Zeugs an den Ufern der Thassa oder des Vosk war ich nun jedenfalls reichlich optimistisch gestimmt, wickelte meinen Fund zu einem Bündel zusammen und machte mich schnell auf den Rückweg zur Festung. 


Oha, es war keine Ehn zu spät, denn schon vor der Festung kam mir Katy entgegen, die ich nun schnell einweihte, aber verdonnerte über mein Tun vorerst Stillschweigen zu bewahren, während ich mich nach einem guten Versteck für die Sachen umsah, das unter einer großen Baumwurzel schnell gefunden war. Ich wollte für mein Geständnis bei meiner Herrin nämlich einen Moment abpassen, in dem sie ganz besonders gute Laune hatte. Außerdem musste ihr Kleid gewaschen werden und das würde erst dann möglich sein, wenn wieder ausreichend Wasser zur Verfügung stand. Zusätzlich tauchten jetzt mit Äxten und Schaufeln bewaffnete Krieger auf und befahlen uns, bei den Aufräumarbeiten zu helfen. Ganz besonders wichtig war es natürlich, nicht nur Trümmer wegzuschaffen, sondern auch den Altar wieder aufzurichten, der zum Glück nicht zerstört worden war, sondern nur umgefallen. 


Während die starken Männer gemeinschaftlich das schwere Teil wieder in die Senkrechte brachten, kam es uns Kajirae zu, die Löcher darunter schnell mit Erde zu verfüllen, damit die Standfestigkeit des heiligen Bauwerks wieder gegeben war... eine Arbeit, die für uns Rotseidene natürlich kein Problem war, da wir uns ja mit Standfestigkeiten sehr gut auskennen!^^

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