Donnerstag, 13. Februar 2014

Opfer für die Priesterkönige


Sämtlichen Freien und Unfreien in Jorts war mittlerweile klar geworden, dass die zurzeit herrschende Wetterlage, die an allen offensichtlich ganz schön zehrte, in Kombination mit der nach wie vor äußerst bedenklichen Wasserversorgung und dem über Nacht auf unerklärliche Weise komplett zerstörten Hafen, wirklich kein Zufall sein konnte. Irgendwer oder irgendwas, vielleicht der fremde Baumeister mit seinen mysteriösen Experimenten oder etwas ganz anderes musste anscheinend den Zorn der Priesterkönige auf diese Stadt am Vosk gelenkt haben. Nur was konnte man tun, um die hohen Herren im Sardar wieder milde zu stimmen oder war es dafür inzwischen womöglich zu spät und Jorts Fähre bereits dem Untergang geweiht?


Mit jedem weiteren Tag, der mir stets noch nebliger, kälter, dunkler und stiller als der vorherige erschien, wurde mir unbehaglicher zumute. Ich fror ständig, was für mich wirklich ungewöhnlich ist und meiner Herrin auch schon aufgefallen war. Obwohl wir Mitte der Hand hatten, war an diesem Tag auch nicht wie sonst der helle, metallische Klang der Schwerter zu hören, der mich vielleicht ein wenig aufgemuntert hätte, da ich den Rarii eigentlich immer gerne beim Waffentraining zuschaue. Musste das Training womöglich aufgrund der Wetterlage ausfallen, weil die Schwertübungen der Krieger vermutlich lediglich ein blindes Herumstochern im dichten Nebel gewesen wären und daher wenig bis überhaupt nicht effektiv? Während meine Herrin sich noch etwas anhübschte, lief ich schon mal vor zur Wiese vor der Festung, um Genaueres in Erfahrung zu bringen. Erstaunlicherweise hatten sich dort etliche Freie versammelt, die jedoch anstelle von Schwertern nun mit Fackeln oder Kerzen bewaffnet waren, was den dichten Nebel fast noch unheimlicher machte.


Hier erfuhr ich nun, dass der Hauptmann und der Händler offensichtlich beschlossen hatten, den Priesterkönigen mit der Tötung ihrer Kailla ein Opfer zu bringen, denn es war bereits alles dafür vorbereitet. Schade fand ich nur die Wasserverschwendung an das Händlerviech… dieses Fass hätte bestimmt gerne jemand anderes getrunken! Ich fand es jedenfalls nicht weiter verwunderlich, dass sich zu diesem besonderen Anlass so viele Bürger hier versammelt hatten. Wobei ich gestehen muss, ich hätte mich am Liebsten eigentlich gleich wieder verdrückt, da bei dem Töten der Tiere bestimmt viel Blut fließen würde, weil ihnen vermutlich die Halsschlagader durchtrennt werden sollte. Zum Glück fiel die Wahl des Hauptmanns zum Festhalten seines Kaillas auf Katy, sodass ich erleichtert meine Augen schließen konnte, was in dem herrschenden Dämmerlicht bestimmt niemandem weiter aufgefallen ist. Erst nach der zweiten leichten Bodenerschütterung schlug ich sie wieder auf und bemerkte, dass tatsächlich beide Tiere mit durchtrennter Halsschlagader auf dem Boden lagen und ihr Blut das Gras der Wiese tränkte. Danach wurde es dann aber leider noch richtig schrecklich.

Plötzlich hörte ich nämlich den Befehl von Darks Herrn, der nun mit lauter Stimme alle Kajirae aufforderte, schnell das Blut der beiden Tiere aufzufangen und es zum Altar zu bringen. Erst danach wäre dann das Opfer für die Priesterkönige endgültig vollbracht. Während irgendjemand nach einer Schale zum Auffangen rief, fühlte ich mich von der sich in mir schlagartig ausbreitenden Panik fast gelähmt. Außerdem rauschten meine Ohren verdächtig und meine Knie wurden verdächtig weich. Ich nahm meine Umgebung nur noch wie durch eine dicke Watteschicht wahr, muss mich aber ohne es zu merken trotzdem neben das Kailla des Hauptmanns gekniet haben, um mit meinen zu einer Schale geformten Händen das Blut aufzufangen. Es war warm und klebrig und verströmte einen eigenartig intensiven Geruch, der mir auf dem kurzen Weg zum Altar nun doch noch beinahe den Magen umdrehte.


Vor Entsetzen über das von mir geforderte Tun, muss ich wohl in eine Art Trance verfallen sein und weiß daher wirklich nicht mehr, wie ich es tatsächlich geschafft habe, nicht umzufallen, das Blut auf den Altar zu streichen und mich schließlich gemeinsam mit den anderen Kajirae zum Händewaschen in der Festung anzustellen. Das ganze Hin und Her über die Verschwendung von sauberem Trinkwasser zwecks erforderlicher Reinigung von Kajirahänden, obwohl nach Meinung des Wasseraufpassers doch auch vergiftetes genommen werden könnte, berührte mich daher nicht wirklich. Ich rang nach dem aufwühlenden Erlebnis zuvor nämlich immer noch um meine Beherrschung und bemühte mich nicht nur krampfhaft darum, den dicken Kloß inzwischen aufsteigender Tränen in meinem Hals herunterzuschlucken, sondern auch meine blutverschmierten Hände aus meinem Kopf zu verdrängen. 

Zum Glück war ich darin erfolgreich, fühlte mich aber erst allmählich wieder etwas besser, nachdem uns zum Waschen eine halbe Schale Wasser zugestanden worden war. Alle Kajirae durften sich unter den kritischen Blicken der Wasserbewacher nacheinander darin ihre Hände reinigen… aber selbstverständlich erst, nachdem der Hauptmann den Anfang gemacht hatte. Katy und ich waren jedenfalls die beiden letzten Kajirae, die sich in der inzwischen sicherlich rot gefärbten Minibrühe waschen durften, doch das war in dem funzeligen Licht zum Glück nicht zu erkennen. Daher war es auch nicht weiter verwunderlich, dass wir schließlich als Letzte bei unserer auf der Wiese auf uns wartenden Herrin eintrafen, während fast alle anderen Bewohner bereits wieder in die Stadt gezogen waren. Einzig der Händler stand noch neben ihr, wurde von dem Neunzehenkrieger nun aber für ein Krisengespräch in die Festung gebeten. Die halbe Schale Händewaschwasser hatte seine Wasserrationierungsüberlegungen anscheinend ziemlich über den Haufen geworfen.


Meine Herrin nutzte die plötzliche Stille vor dem Altar noch für ein spontanes Gebet:

„Mächtige und barmherzige Priesterkönige,
welche Verfehlung auch immer wir uns zuschulden kommen ließen,
ich erflehe eure Verzeihung und Vergebung.
Die Bürger dieser Stadt sind voll Ehrfurcht vor Euch 
und ergeben in ihrer Anbetung,
es sind gute Leute, die ihrer Arbeit nachgehen.
Priesterkönige, so wir gefehlt haben, 
gebt uns bitte ein Zeichen,
wie wir unsere Schuld sühnen können.
Bitte verschont den Heimstein und die Bürger von Jorts vor der Vernichtung.“


Danach zog es meine Herrin nach Hause, wo sie mit Katy und mir ein paar wichtige Dinge für den Notfall besprach, von dem wir natürlich hoffen, dass er nicht eintreten wird… die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. ;-)

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