Dienstag, 11. Februar 2014

Sand und Kies

Ich habe allmählich das Gefühl, dass die momentane Wetterlage in Jorts mit ständig dickem Nebel und kaum Tageslicht, die Ursache für ein erhöhtes Schlafbedürfnis bei mir ist. Erneut hatte ich nämlich nicht nur lange, sondern vor allem so tief geschlafen, dass ich überhaupt nicht mitbekommen hatte, wann meine Herrin nach Hause gekommen war. Ihr Rufen nach mir ließ mich jedoch erschrocken aus ihren Fellen hüpfen und nach unten sausen, wo ich mit Erstaunen feststellte, dass schon wieder Besuch da war. Diesmal ging es jedoch nicht um Nähgarn und zum Glück auch nicht um eine Beschwerde über von mir unbeabsichtigt in die Welt gesetzten Gefährtenschaftsgerüchte, obwohl es sich bei dem Besucher um den darüber verärgerten Fastgefährten der Bäckerin handelte. 

Nein, es ging um Sand, den Katy und ich für eine Wasserfilteranlage beschaffen mussten, mit der die Heilerin unser vergiftetes Trinkwasser reinigen will. Ihre Experimente für eine provisorische Wasserversorgung von Jorts waren anscheinend erfolgreich gewesen. Sie benötigte dafür zwar auch noch Holzkohle, bei deren Herstellung ich Shani eigentlich hatte helfen sollen, doch dies war der Plan vom Vortag gewesen, der inzwischen offensichtlich geändert worden war. Ich gestehe, ich war ziemlich erleichtert, dass Katy zur Sandbeschaffung mitkommen sollte. Gemeinsam war es vielleicht nicht so unheimlich im düsteren, bis an den Fluss reichenden Wald, wo der Nebel vermutlich noch viel dicker war als in der Stadt. 


Leider zeigte sich der dunkle Wald sogar noch unheimlicher als befürchtet. Ständig hörte ich mir unbekannte Geräusche, die mich immer wieder anhalten und nach hinten schauen ließen. Besonders schlimm wurde es, wenn es irgendwo laut im Unterholz knackte und ich mir vor Angst fast in die Hosen machte… wobei ich ja gar keine anhatte. Noch zu gut hatte ich leider in Erinnerung, dass genau an der schilffreien Stelle, wo wir statt Matsch und Modder schließlich Sand fanden, mir mal ein Sleen aufgelauert hatte, vor dem ich mich nur knapp auf einen Hochsitz hatte retten können… allerdings bei erheblich besseren Sichtverhältnissen. An diesem dunklen Nebeltag war es nämlich so dunstig am Vosk, dass man das andere Ufer nur schemenhaft erkennen konnte und daher wirklich zu befürchten war, dass ich den rettenden Hochsitz im Notfall vermutlich nicht wiederfinden würde.


Doch anscheinend war dem Sleen der Appetit auf Kajirafleisch vergangen, denn wir schafften den Sand tatsächlich unbehelligt in die Stadt, wo wir ihn dann aber noch aufwändig durchspülen mussten, weil er ja mit dem vergifteten Flusswasser kontaminiert war. Auf dem Marktplatz hatten sich wie immer einige Freie versammelt, allerdings erheblich weniger als sonst, da viele aufgrund des Wetters anscheinend in ihren Häusern geblieben waren. Es war hier übrigens doch nicht weniger Nebel als im Wald. Im Gegenteil, er war wegen der Rauchschwaden bei der Herstellung von Holzkohle sogar schwärzer, sodass sich zwei Herrinnen bald wieder verdrückten. Wahrscheinlich hatten sie Angst, ihre kostbaren roten Roben oder die feine Gaze ihrer Gesichtsgardinen mit Rußpartikeln zu verschmutzen.


Im Gegensatz zu dem Sleen hatte ich inzwischen übrigens ganz gewaltigen Hunger, da ich wegen meines Fastverschlafens vor dem Sandeinsatz nichts mehr gegessen hatte. Mist war nur, dass dies noch einige Zeit warten musste. Katy und ich wurden von der Heilerin nämlich erneut losgeschickt, diesmal allerdings nicht zur Beschaffung von Sand, sondern von Kies in unterschiedlichen Körnungen. Zum Glück gab die Herrin uns einen Tipp, wo wir das steinige Zeug finden konnten, auch wenn es mir nicht wirklich behagte, mit der Fähre nun sogar zum anderen Ufer des wirklich übel riechenden Vosk übersetzen zu müssen. Dementsprechend erleichtert war ich natürlich, nachdem wir unsere schweren Eimer endlich zurück geschleppt hatten nicht noch einmal losgeschickt zu werden, denn ich war inzwischen noch viel hungriger als zuvor und fühlte mich mangels sauberem Wasser kurz vor dem Verdursten.

Ich denke, mir ist noch nie so wirklich bewusst gewesen, wie oberköstlich unvergiftetes Wasser schmecken kann. Meine Lebensgeister kamen nach einer Schale dieser leckeren Flüssigkeit jedenfalls sofort zurück und mein Magen beruhigte sich ebenfalls, nachdem er damit gefüllt war. Danach war natürlich wichtig, mich um meine Herrin zu kümmern, die ich den ganzen Tag nicht mehr gesehen hatte. Doch sowohl Marktplatz als auch Terrasse waren menschenleer. Wie gut, dass die Ärztin nicht nur das Sagen über die Wiederherstellung der Trinkwasserversorgung in Jorts hatte, sondern auch wusste, dass die von Katy und mir gesuchte hinter dem Haus Holzkohle schaufelte. Eigentlich hätte ich mir dies auch denken können, da ich sie ja schon etwas länger kenne und weiß, dass meine Herrin sich nie zu fein ist mit anzupacken… und schon gar nicht in einer solchen Notlage. Eigentlich praktisch, dass sie im Gegensatz zu Shani und ihrem Herrn dunkel gekleidet war, sodass der Ruß an ihr kaum auffiel.


Leider ging es noch nicht gleich nach Hause, nachdem endlich genug Holzkohle in den dafür vorbereiteten Fässern war. Meine Herrin hatte sich mit der ungewohnten Arbeit an beiden Händen dicke, mit Sicherheit sehr schmerzhafte Blasen zugezogen, die von der Heilerin noch behandelt werden mussten. Da ich mich jedoch mittlerweile kaum mehr auf den Knien halten konnte und im Behandlungszimmer mehr und mehr in mich zusammensackte… Katy war vermutlich auch nicht fitter als ich… wurden wir von unserer Herrin schließlich nach Hause geschickt. Eine weise Entscheidung, denn ich hatte auf dem Rückweg das Gefühl, obwohl es bergab ging kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen zu können, was sich leider mit einer ungeplanten Bauchlandung dann auch bestätigte. Vermutlich aus Unachtsamkeit war ich über ein Sitzkissen im Haus meiner Herrin gestolpert. Wenigstens konnte ich mich einigermaßen schnell wieder berappeln und somit diesen kleinen unwichtigen Zwischenfall als nicht weiter erwähnenswert abhaken.

Kommentare:

  1. Deine Herrin hat sich sogar extra zum Kohle schaufeln umgezogen, deswegen war das mit dem Kleid auch so praktisch. ;-)

    AntwortenLöschen
  2. Du bist wirklich schlau meine Herrin... flexibel in den Farben deiner Kleidung und denkst oberpraktisch! *schaut dich bewundernd an und versucht dabei total uneigennützig auszusehen*

    Shani hat jedenfalls mein volles Mitgefühl bei der Reinigung der weißen Klamotten ihres Herrn, der einfach nicht so praktisch veranlagt ist wie eine Frau! ;-)

    AntwortenLöschen