Mittwoch, 26. Februar 2014

Stadterkundungen

Nachdem der Maler aus dem Haus war und ich alle meine Aufgaben erledigt hatte, zog es mich in die Unterstadt, die sich durch Hafen, Gasthaus, Taverne und die vielen Besucher immer mehr zum Zentrum von Jorts entwickelt. Als Erstes fiel mein Blick auf einen großen Aushang, mit dem der Baumkrieger nach seinem seit dem Inferno verschollenen Kailla sucht… ein in meinen Augen nicht gerade erfolgversprechendes Unterfangen, da die meisten Goreaner doch nicht lesen können. Aber einen Versuch ist es wohl wert, zumal der Text ja mit einem Bild des Tiers auf dem Plakat ergänzt wird. In Anbetracht der Tatsache, dass ich seinerzeit dem gefährlichen Biest heldenhaft eine ganze Schüssel Blut abzapfen musste… oder war das etwa doch nur eine kleine Schale mit dem roten Saft gewesen?… hoffe ich natürlich sehr, es hat sich nur im Wald versteckt und findet irgendwann den Weg zurück, mal abwarten.

Mir war übrigens nicht gerade viel Zeit vergönnt, in Ruhe über den Aushang zu sinnieren. Eine mir sehr gut bekannte tiefe Stimme, zitierte mich erstaunlicherweise diesmal nicht brummend, dafür aber ziemlich laut und unmissverständlich zu sich, sodass ich diesem Befehl umgehend nachkam. Es war der Hauptmann, der sich für meine Kenntnisse über Zäune interessierte, insbesondere einen ganz bestimmten, der sich vor der Arena befand und den Weg zum Tor versperrte. Oha, wie gut dass er mich hatte… denn ich konnte seinen Wissensdurst umgehend stillen, indem ich ihn über die Zaunbauaktivitäten der Sängerin aus Lydius vor der Arena am Vortag informierte, einschließlich warum wieso und weshalb der Zaun überhaupt erforderlich war und dass ich nur knapp dem Unglück entgangen war, als Fischfutter zu enden.


Wahh… irgendwie wollte er meine Erklärungen nicht so wirklich hören und schon gar nicht, wie knapp ich durch mein Langstreckentauchen das Eigentum meiner Herrin gerettet hatte, denn vor kurzem waren erst ein paar Wasserleichen gefunden worden… nur dafür interessierte ich mich wiederum nicht, da ich ja noch lebendig war. Bei seinem unverändert verärgertem Gesichtsausdruck wurde mir sofort klar, dass ich mir den Versuch wohl sparen konnte, seine Laune mit ein wenig rotseidenem Getue aufzubessern, denn darauf reagiert er ja auch sonst nur in ganz wenigen Ausnahmefällen, wenn er in wirklich obersuperguter Laune ist. Nein, es ging ihm einzig um den Zaun und es führte vor allem kein Weg daran vorbei. Ich musste die Bretter umgehend einreißen, was bei dem klapprigen Ding relativ einfach und schnell ging. Zusätzlich wurde mir befohlen, die Sängerin darüber zu informieren, dass sie für ihren illegalen Zaunbau ein Bußgeld von 10 Kupfer zu zahlen hat.

Immerhin kam ich um diesen unangenehmen Bußgeldauftrag dann herum. Kaum hatte ich den Zaun nämlich in seine Einzelteile zerlegt und alles am Rand des Weges gestapelt, da gesellte sich nicht nur meine Herrin zu uns, die übrigens genauso empört über die Wegsperrung war wie der Hauptmann, da sie die Sängerin am Vortag noch ermahnt hatte, den Weg nicht dauerhaft zu sperren, sondern auch die Zaunerbauerin traf ein. Es war wirklich ein großes Glück für mich, den Zorn der Herrin über das Bußgeld nicht über mich ergehen lassen zu müssen. Ich denke, an mir wäre ihre Wut bestimmt nicht einfach so abgeprallt wie an dem Hauptmann, der stur auf der Strafzahlung beharrte, sodass der Sängerin letztendlich nichts anderes übrig blieb, als ihren Geldbeutel zu holen. 

Ein Blick auf meine Herrin zeigte mir, dass sie inzwischen ihr Kreativgesicht aufgesetzt hatte und spielbegeistert wie sie ja immer ist nun anfing, über Alternativen für das Ballkullern nachzudenken. Hmmm… nach einem weiteren Tag mit einer Lederkugel stand mir eigentlich überhaupt nicht der Sinn, auch wenn ich ganz gerne mit Kugeln spiele… allerdings lieber mit viel kleineren, die nicht ins Wasser fallen. Ich bemühte mich jedoch, mir von meinen Gedanken nichts anmerken zu lassen, denn ich wollte meine Herrin natürlich nicht verärgern. Zu gut war mir noch im Gedächtnis, wie ungehalten sie auf mein unfreiwilliges Bad reagiert und was sie mir im Wiederholungsfall angedroht hatte.

Der Stadtrundgang des Neunzehenkriegers mit einem neuen Rekruten hätte daher zu keinem besseren Zeitpunkt an uns vorbeikommen können, weil die Überlegungen meiner Herrin nun durch das gegenseitige Vorstellen und Begrüßen unterbrochen wurden. Auch mich brachten die beiden gutaussehenden Männer natürlich sofort auf andere Gedanken, denn jetzt war natürlich erst einmal angesagt, meiner Herrin Ehre zu machen, indem ich mich mächtig ins Zeug legte, um dem neuen Krieger meinen wohlgeformten Körper von seiner besten Seite zu zeigen. Ich finde es einfach wichtig zu wissen, worauf und ob überhaupt Herren reagieren, denn es sind ja nicht alle wie der Hauptmann, der sich in der Öffentlichkeit und vor allem im Beisein von freien Frauen stets so oberperfekt beherrschen kann… leider.

Es liegt mir selbstverständlich vollkommen fern, mir auf meine Wirkung auf diese beiden Krieger etwas einzubilden. Trotzdem gefielen mir die inzwischen so gut bekannten Blicke des Neunzehenkriegers natürlich sehr, die mir jedes mal durch und durch gehen und es in mir kribbeln lassen… aber auch die des neuen Rekruten. Daher war ich total glücklich, als meine Herrin mir erlaubte, dass ich mir das Bad in der Unterstadt zeigen lassen durfte, von dem ich bislang überhaupt nichts wusste, geschweige denn wo es war. Na gut… ich gebe ja schon zu, dass mein Interesse wieder etwas über die Einrichtungen der Stadt zu lernen wegen besagter Blicke nicht so ganz uneigennützig war… obwohl mein Wissensdurst natürlich an erster Stelle stand.

Tja, es kam dann jedoch irgendwie gaaaaanz anders, auch wenn das Bad schnell gefunden war. Dem Krieger fiel anscheinend plötzlich ein, dass er meine Dienste für eine besondere Art von Tiefenreinigung dringend in seinem Haus benötigte, auf die ich natürlich sehr neugierig war. Ich gab zwar noch zu bedenken, dass meine Herrin auf mich wartete, gebe aber zu das wohl nicht so wirklich überzeugend rübergebracht zu haben. Auch wenn meine Herrin sich für die Details dieses Reinigungsdienstes sicherlich nicht interessiert, wird sie bestimmt begeistert sein zu erfahren, dass ich den Herrn so gut zufriedengestellt habe. Doch an diesem Tag konnte ich ihr davon nicht mehr berichten, da sie sich etwas eher zurückgezogen hatte. 


Ich lief nämlich auf dem Rückweg nach Hause erneut dem neuen Rekruten, der Gefährtin des Baumkriegers und einem Fremden über den Weg, die mich nun über meine Stadtführerkenntnisse aushorchten, auf die ich bei aller Bescheidenheit inzwischen doch ein wenig stolz bin. Auch wenn mir vieles leider immer noch unbekannt ist und ich mich oft verlaufe, bot ich selbstverständlich meine Hilfe bei einer Führung durch die Oberstadt an, die sich wegen der eigenartigen Fragen des Fremden nach und nach immer merkwürdiger gestaltete. Besonders sein ausgeprägtes Interesse für die jortsschen Wachen, Altar und Ratssaal, aber auch für den Kennel im Sklavenhaus ließ mich stutzen, sodass ich später nur ganz schlecht einschlafen konnte. Mir gingen einfach ein paar merkwürdige Gedanken über den Unterschied zwischen Interesse und Spionieren nicht aus dem Kopf, über die ich meine Herrin und vielleicht auch den Hauptmann wohl informieren sollte… oder mache ich womöglich aus einer Mücke ein Thalarion? Mal sehen… ;-)


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