Montag, 10. Februar 2014

Vergiftetes Wasser

Wie immer wenn meine Herrin nicht zu Hause ist, frönte ich lange einem ausgiebigen Schönheitsschlaf, bis mich schließlich dann aber doch der Hunger aus ihren herrlich warmen Fellen trieb. Der Blick aus dem Fenster ließ mich sofort frösteln, denn es war immer noch so neblig wie am Vorabend oder hatte der Nebel sogar noch zugenommen? Ich zog mir jedenfalls schnell eine selbstgestrickte Tunika an, die ich eigentlich eher selten bis nie trage, weil ich normalerweise kaum friere, außer der Hauptmann verordnet mir das und befiehlt mir sogar Stiefel zu tragen. An diesem Nebeltag war es jedenfalls anders. Ich fröstelte tatsächlich und beschloss etwas Wärmeres anzuziehen, sodass ich mich für eine uralte, wirklich in die Jahre gekommene Stricktunika entschied, die eher an einen Satarnasack erinnerte und in meinen Augen wirklich nicht gerade kleidsam ist… finde ich jedenfalls… aber warm, denn an diesem feuchten Tag war warmhalten angesagt.

Der restliche bereits am Vorabend angerührte Sklavenbrei schmeckte leider wie immer, also zum K…, war über Nacht jedoch noch mehr aufgequollen und reichlich klebrig, sodass ich ihn noch schlechter herunterbekam als sonst. Aber es nützte ja nichts, ich hatte wirklich Hunger und verdünnte ihn mir daher einfach mit einem kleinen Schuss Wasser. Als Ausgleich für einen besseren Geschmack rührte ich großzügig noch etwas Honig hinein. Bähhh, das Zeug schmeckte trotzdem so eklig wie noch nie, mehr als ein paar Happen bekam ich davon echt nicht herunter. Nur schade, dass ich den Honig nicht gleich pur gegessen hatte, anstatt ihn in der schrecklichen Breipampe zu verschwenden, die ich nun kurzerhand einfach wegwarf, auch wenn mir vor Hunger mittlerweile ganz schlecht geworden war und es in meinem Magen ziemlich rumorte. Zum Glück fiel mein Blick auf ein kleines Stückchen Käse und etwas Brot, das meine Herrin vor ihrer Abreise nicht mehr gegessen hatte. 

Selbstverständlich weiß ich, dass ich mich nicht einfach an dem Essen meiner Herrin vergreifen darf. Da wegen ihrer Abwesenheit jedoch zu befürchten war, dass bei ihrer Rückkehr das Brot mittlerweile total trocken und der Käse verschimmelt sein könnte, machte ich mich über die beiden Leckereien her. So etwas wegwerfen zu müssen wäre wirklich ein Jammer. Ich bin mir nicht sicher, ob es die drei Löffel Brei waren oder inzwischen mein schlechtes Gewissen, weil ich etwas Unerlaubtes gegessen hatte, irgendetwas lag mir wirklich reichlich schwer im Magen. Zusätzlich wurde ich plötzlich von einer so großen Müdigkeit gepackt, dass ich einfach die Treppe wieder nach oben lief, um mich in die zum Glück immer noch warmen Felle zu kuscheln. Obwohl ich doch wirklich lange und vor allem ausgeschlafen hatte, muss ich dann noch einmal richtig tief eingeschlafen sein. Dabei kam mir offensichtlich jegliches Zeitgefühl abhanden, denn als ich wieder wach wurde, war es draußen schon wieder dunkel und merkwürdig still, der Nebel allerdings noch dichter. Eigentlich bin ich ja nur selten bis fast nie bange, doch in diesem Fall war mir so unheimlich zumute, dass ich mich schleunigst in die Stadt aufmachte, um unter Menschen zu kommen.


Vor der Tür entdeckte ich, dass die wilden Vulos leider nicht mehr da waren oder vom Nebel verschluckt, denn der war so dick, dass ich auch kaum noch bis zum Hof oder zum Haus des zu euchzenden Kriegers schauen, geschweige denn dort etwas erkennen konnte. Da diese Häuser relativ dicht am Fluss liegen und vor allem in einer Senke mit einem kleinen Nebenarm des Vosk, gab ich mich nun der Hoffnung hin, dass in der Stadt bestimmt keine so dicke, ungemütliche, feuchtkalte Nebelsuppe herrschte und sah zu, dass ich dort hinkam. Leider wurde ich enttäuscht, konnte aber immerhin vage von draußen erkennen, dass einige Freie auf der Terrasse saßen und kniete mich zu ihnen. Leider kam es dann jedoch richtig schlimm und mir wurde schon wieder schlecht, nachdem ich hörte, worüber die Herrschaften gerade sprachen. Allerdings hielt ich mich mit meinen Mitteilungsgelüsten über meinen rumorenden Magen bei der Aussicht auf eine möglicherweise bevorstehende ärztliche Untersuchung gewaltig zurück. Meine Erfahrungen mit der grünen Kaste sind nämlich nicht die besten, sodass ich den Weg ins Heilerhaus meide wenn ich kann.


Das Thema auf der Terrasse war nämlich stark verunreinigtes, möglicherweise vergiftetes Wasser… und zwar sowohl im Brunnen von Jorts als auch im Vosk. Die Heilerin hatte zuvor anscheinend Proben untersucht und war zu dem schrecklichen Ergebnis gekommen, dass sämtliches Wasser gesundheitsgefährlich war und nicht getrunken werden durfte, auch nicht wenn es abgekocht wird. Kein Wunder also, dass mir bei der Erinnerung an den kleinen Schuss Wasser in meinem Brei erneut schlecht wurde… das war aber bestimmt nur psychosomatisch gewesen. Jedenfalls konnte ich den Hauptmann und auch die Ärztin nach reichlichem Hin und Her dann davon überzeugen, dass ich wirklich nicht krank bin und daher absolut keine Untersuchung benötigte. Den kleinen Minischuss vergiftetes Wasser, falls es denn überhaupt vergiftetes gewesen war, hatte ich mangels Appetit auf den ekeligen Brei ja nicht wirklich zu mir genommen. Mein bestes Argument gegen eine Untersuchung war jedoch mein Eingeständnis über den verspeisten Käse. Außerdem sah man mir bei diesem dicken Nebel sowieso nicht an, dass es mir nicht so ganz gut ging wie sonst und ich möglicherweise etwas blass um die Nase war. Vor allem, was war schon die zu vernachlässigende leichte Unpässlichkeit einer Sklavin gegen die wirklich wichtigen Dinge, die geregelt werden mussten? 


Während die Heilerin Versuche durchgeführt hatte, wie man das verunreinigte Wasser wieder trinkbar machen kann, war der Rat der Stadt ebenfalls nicht untätig gewesen und hatte in einer Notstandsverordnung beschlossen, dass ab sofort Wasser einzusparen ist und ausschließlich für existenzielle Dinge verwendet werden darf. Die Nutzung des Badehauses wurde natürlich bis auf weiteres strikt untersagt. Umgehend war der Neunzehenkrieger zusammen mit dem Sattler und seinen Kajirae aufgebrochen, um irgendwo in der Voskregion zwei Wagenladungen Fässer mit sauberem Trinkwasser zu beschaffen. Dieses Vorhaben war zum Glück recht schnell von Erfolg gekrönt worden, denn plötzlich rumpelten tatsächlich zwei mit Wasserfässern beladene Wagen vor dem Gasthaus auf den Marktplatz. Erstaunlicherweise hatte der Krieger den einen ganz alleine gezogen und war nun offensichtlich fast am Ende seiner Kräfte, sodass ich das letzte Stück bis in die Festung ebenfalls schieben musste, was ich natürlich gerne tat, alleine schon um zu beweisen wie fit ich war. 


Alles, was danach dann jedoch im Hof der Festung geschah, bleibt ein Geheimnis zwischen dem Krieger und mir, das ich hier tunlichst nicht ausplaudern werde, auch wenn etwas später aus dem Heilerhaus sein Schrei so laut durch Jorts schallte, dass es seitdem wohl keines mehr ist. Ich war dem Hauptmann an diesem Abend jedenfalls sehr dankbar, dass ich einigermaßen frühzeitig nach Hause durfte, denn ich wollte noch die Pumpe im Haus meiner Herrin mit einem um den Schwengel herumgewickelten Seil so blockieren, dass sie nicht mehr benutzt werden kann. Ich kenne nämlich Knoten, die nicht mal ich wieder aufbekomme. Nicht auszudenken, wenn meine Herrin noch in der Nacht nach Hause kommen sollte und einen Schluck vergiftetes Wasser trinkt!!


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