Dienstag, 4. März 2014

Das Seil

Obwohl sich die Terrasse und der angrenzende Raum mit dem Zarbrett nach dem Gespräch über Monsterspinnen und klebrige Seile etwas leerten, gab es weiter zu tun für mich. Es traf noch ein fremder Krieger ein, den ich nun bedienen durfte. Da ich keine Kenntnisse darüber hatte, woher der Herr kam und wie weit und beschwerlich seine Anreise möglicherweise gewesen war, zählte ich ihm vorsorglich erst einmal auf, welche Getränke im Gasthaus ausgeschenkt werden. Oha, das war offensichtlich nicht nur überflüssig, sondern sogar unerwünscht, denn ich wurde umgehend angeherrscht, wie ich auf die absurde Idee kommen könnte, er würde etwas anderes trinken wollen als Paga.

Während der Neunzehenkrieger für mich in die Bresche sprang und dem angesäuerten Rarius erklärte, dass meine Nachfrage durchaus angebracht war, weil von den Kriegern in Jorts je nach Wachdienst gelegentlich auch mal ein nichtalkoholisches Getränk verlangt wird, beeilte ich mich schnell den bestellten Paga zu holen. Zum Glück waren immer noch keine freien Frauen anwesend, sodass ich mich beim Servieren erneut ins Zeug legen konnte und damit versuchte, den Herrn wieder wohlgesonnen zu stimmen. Es gelang tatsächlich, auch wenn ich mich bei diesem Fremden weit weniger rotseiden benahm, als bei den beiden Herren zuvor.


Ich bin mir jetzt nicht mehr sicher, ob der Fremde ein Söldner ohne Heimstein war und ob er überhaupt erzählte woher er kam, denn plötzlich nahm das Gespräch zwischen den beiden Rarii eine unangenehme Wendung. Eigentlich hatte sich der Krieger nur danach erkundigt, ob er sich auf der Terrasse der jortsschen Taverne befand. Leider benutzte er bei seiner Nachfrage hinsichtlich weiblicher Gäste jedoch das Wort „Weiber“, was der manchmal sehr heißspornige und außerdem auch noch in eine freie Frau verliebte Neunzehenkrieger als mangelnde Wertschätzung der weiblichen Bewohner seines Heimsteins interpretierte, sodass schließlich ein Wort das andere gab.

Da ich je nach Situation gedanklich manchmal ganz andere Bezeichnungen für Herrinnen benutze, fand ich „Weib“ eigentlich nicht besonders schlimm oder abwertend, hielt darüber aber tunlichst meine Klappe. Als der Ton zwischen den beiden Männern dann jedoch immer schärfer wurde und alles danach aussah, als würden die beiden Besserwisser ihre Meinungsverschiedenheiten womöglich in der Arena austragen, war für mich der Zeitpunkt gekommen, lieber das Weite zu suchen. Unter einem Vorwand bat ich daher um Erlaubnis, mich entfernen zu dürfen und sauste eilig nach Hause. Ein wenig in Gedanken und weil ich überhaupt nicht mit einem Besucher im Garten meiner Herrin gerechnet hatte, rannte ich leider fast den Hauptmann über den Haufen, der dort mit meiner Kettenschwester stand.

Nein falsch, der Hauptmann stand und unterhielt sich offensichtlich mit einer Kajira, die mal wieder herumzappelte und hin und her lief. Ihr Benehmen war vor einem Freien einfach ein Unding, vor allem wenn er ihr schon gestattet, nicht knien zu müssen. Einigermaßen ungehalten über ihre Unhöflichkeit kehrte ich nun ihre Erste heraus und herrschte sie an, sich neben mich vor den Hauptmann zu knien… mit Erfolg. Allerdings zückte der Hauptmann nun ein Seil, knotete es an beiden Enden zu Schlingen und legte uns diese mit dem Befehl um, sie bis zum nächsten Tag zu tragen. Danach durften wir den Strick dann abnehmen und zurückgeben. Na toll, ich wurde mal wieder als Kettenerste für den Mist einer anderen Sklavin mitbestraft und schlief wegen meiner Angst, die Schlinge könnte sich von mir unbemerkt im Schlaf zuziehen entsprechend unruhig.

„Juhuuu, ich bekomme noch Luft!“, war daher gestern mein erster Gedanke gleich nach dem Aufwachen. Da Katy offensichtlich ebenfalls überlebt hatte und nicht blau angelaufen, mit heraushängender Zunge neben mir lag, rollte ich das Seil schnell zusammen, um es möglichst noch vor der an diesem Tag anstehenden Heimsteinzeremonie zurückzugeben. Den Weg zum Haus des Hauptmanns konnte ich mir allerdings sparen, denn ich traf ihn unterwegs bei einem Kaissaspiel mit dem Urtkrieger und nutzte diese perfekte Gelegenheit, Lita das Seil für ihren Herrn auszuhändigen. Leider blieb es dort dann bei dem plötzlichen Aufbruch zur Zeremonie unbemerkt liegen, doch das wurde mir leider erst sehr viel später klar.


Der erste Heimsteinschwur nach dem Wiederaufbau von Jorts fand tatsächlich in dem am Vortag inspizierten Saal statt, der nun mit den vielen Menschen übrigens gar nicht mehr so riesig wirkte. Eigentlich lief auch alles wie geplant, zumindest bis zu dem ungeplanten Aufruf einer Schreiberin zur erneuten Volkszählung, der jede Menge Unmut unter den Anwesenden erzeugte, insbesondere bei dem Kriegerbauern, sodass die eigentlich festliche Stimmung nach dem Schwur schlagartig kippte. Wie sich die Wogen dann schließlich doch wieder glätteten, bekam ich leider nicht mehr mit, da meine Herrin es vorzog, vorher das Weite zu suchen. Immerhin hatte sie dadurch noch die freie Auswahl unter allen Plätzen auf der Terrasse, die sich erst zögerlich, dann aber doch schnell füllte, sodass ich schließlich sogar noch zusätzliche Sitzkissen holen musste. 

Aufgrund der vielen durcheinander wabernden Stimmen war ich ehrlich gesagt nicht traurig, als sich die Runde im Gasthaus irgendwann auflöste. Da ich leider noch einige der herbeigeholten Kissen wieder verstauen musste, blieb mir nur, mit noch größerem Abstand als sonst hinter meiner Herrin nach Hause zu laufen. Unterwegs traf ich auf den Hauptmann, der sich bei mir über sein noch fehlendes Seil beschwerte. Schuldbewusst wurde mir sofort klar, dass es vermutlich beim Kaissabrett liegengeblieben war. Ich versprach ihm daher schnell, es später noch vorbeizubringen, sobald meine Herrin mich nicht mehr benötigte. Übrigens hatte ich ihr nach ihrer Rückkehr vom Landsitz noch nichts von dem Seil erzählt, denn ich wollte erst mal abwarten, ob meine Kettenschwester damit herausrücken würde. Doch wie erwartet tat sie das natürlich nicht. 

Nachdem unsere Herrin eingeschlafen war, war Katy mit einigem Hin und Her aber wenigstens bereit, mit mir zusammen das Seil zurückzubringen. Allerdings löste sich ihre Motivation bereits am Stadttor schlagartig wieder in Wohlgefallen auf. Weiterer Diskussionen darüber inzwischen überdrüssig, blieb mir nichts anderes übrig, als es nun doch alleine zurückzugeben. Da es sich ja eigentlich nicht um meine Strafe gehandelt hatte, hob sich meine Laune durch das Kneifen von Katy natürlich nicht gerade. Aber gut, erst mal musste ich den Hauptmann zufriedenstellen, danach wollte ich mir überlegen, wie ich dieser sturen Drückebergerin die Leviten lesen konnte. Leider kam es dann jedoch etwas anders als geplant.

Die Zeugmeisterin grummelte mich sofort an, kaum das ich vor dem Hauptmann kniete, sodass ich annahm, sie sei sauer über mein Auftauchen, weil ich sie bei ihrem Vieraugengespräch mit ihm gestört hatte. Tja, und der Hauptmann brach ebenfalls nicht gerade in Begeisterung über den Erhalt seines Stricks aus, sondern bestätigte meine Vermutung unerwünscht zu sein noch, indem er mit dem Seil auf eine Art und Weise herumwedelte, als wolle er mich wegscheuchen. Diese Hinweise waren in meinen Augen eindeutig genug, dass ich eiligst zusah, mich nach einem kurzen Gruß schnell zu verdrücken… dummerweise zu schnell, denn die beiden Freien kamen hinter mir her und stellten mich wütend über mein ungebührliches Benehmen zur Rede. Ich hatte die angeblichen Hinweise leider gänzlich missverstanden.

Und was macht die Meisterin im Verdrücken? Kaum hatte der Hauptmann uns erreicht, rannte sie mal wieder weg, sodass ich nicht nur für mein eigenes Fehlverhalten, sondern auch erneut für das meiner Kettenschwester den Unmut des Hauptmanns kassierte. Kein Wunder also, dass ich inzwischen wirklich kurz vor dem Platzen war, als sich sie zu Hause schließlich zur Rede stellte und dafür dann von ihr mal wieder angebrummt wurde. Zack, mit dem Ausrutschen meiner Hand hatte sie vermutlich nicht gerechnet, brummte jedoch weiter. Da auch die zweite Ohrfeige nicht half, bin ich nun gespannt, ob ihr die nächsten drei Tage mit Knebel eine Warnung sind und ihr helfen, ihr schlechtes Benehmen zu verbessern. Mal abwarten, irgendwie bin ich da äußerst skeptisch… das Seil hatte jedenfalls keinerlei Erziehungserfolg. ;-)

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