Mittwoch, 21. Januar 2015

Immer noch kalt

Während ich den Alkoven noch wieder herrichtete und unser Gepäck verstaute, ging mein Herr nach draußen, um sich um das Futter für seinen Tarn zu kümmern. Ich gestehe, dass ich bei meinen Arbeiten ein wenig getrödelt habe, denn ich hatte es nicht gerade wahnsinnig eilig, zurück in die Kälte von Helmutsport zu kommen, auch wenn ich dadurch die erste Fischmahlzeit von Carolus beinahe verpasst hätte. Da der Tarn in dieser kalten, schneebedeckten Gegend vermutlich nicht genug Beutetiere findet, um satt zu werden, hatte der freundliche Dorfjarl sein Versprechen wahr gemacht und tatsächlich eine große Kiste mit Fischen angeliefert, über die sich der anscheinend sehr hungrige Tarn meines Herrn nun hermachte. Als ich vor die Tür der Hall trat, schauten der Dorfjarl und ein weiterer Bewohner jedenfalls fasziniert zu dem großen Vogel, der mit seinem roten Gefieder einen wunderschönen Kontrast zu der weißen Landschaft bildete.


Die bei unserer Ankunft bereits kennengelernte Gastfreundschaft setzte sich an diesem Tag mit einem leckeren Braten fort, zu dem der Dorfjarl meinen Herrn und den Lederarbeiter in die warme Hall einlud, nachdem Carolus seine großen Schwingen ausgebreitet hatte und davon geflogen war. Zurück in dem großen Raum bemerkte ich dann erschrocken, dass ich zuvor anscheinend an zwei Freien vorbeigelaufen war, die ich hinter den langen Tischen und den vielen dicken Fellen gar nicht bemerkt und vor allem auch nicht gehört hatte, da es bei diesen Nordleuten üblich zu sein scheint, zwischen einer sehr langen Flut von Worten eine noch viel längere Denkpause einzulegen. Zum Glück äußerte die Herrin aber nur ganz kurz ihren Unmut über meinen Fehler und zeigte dann auf die Küchentür, damit ich das warmgestellte Essen für meinen Herrn und den Lederarbeiter holen konnte. 

Während ich mich um die Versorgung mit Essen kümmerte, was logischerweise etwas mehr Zeit beanspruchte, da ich mich in diesem großen Gebäude und der Küche nicht auskannte, nutzte der Sattler die Anwesenheit des ortsansässigen Händlers, um sich wegen einiger Lederbeschaffungen schlau zu machen. Obwohl der Dorfjarl am Vortag ja bereits sein Desinteresse am Ankauf von gewissen Dingen kundgetan hatte, fragte mein Herr lieber zusätzlich noch nach den Möglichkeiten des Händlers, erhielt aber wie zu erwarten auch von diesem Herrn eine ablehnende Auskunft. Übrigens nicht nur ich, sondern auch der Lederarbeiter fand es lustig, dass mein Herr ihn wegen eines weiteren Tagessatzes ansprach, worauf dann prompt die Münzen den Besitzer wechselten. „Lucius, hast du Angst, du bekommst dein Geld nicht?" war die amüsierte Frage des Sattlers, während er meinem Herrn die Münzen zuschob. Doch dieser verneinte lachend, da er lediglich Angst hatte zu vergessen, wie viele Tagessätze zu je 5 Kupfer ihm nach der Reise zustehen. Pahh… dafür hat er doch mich, seine Erinnerungskajira!


Da mittlerweile sogar drinnen in dem großen Haus zu hören war, dass draußen anscheinend ein Sturm aufzog, entschieden sich die beiden zur Weiterreise nach Enkara. Als mein Herr nun erwähnte, so gut wie alles liegt von diesem kalten Dorf aus gesehen südlich, keimte natürlich sofort leise Hoffnung auf Wärme und weniger Kleidung in mir auf. Doch dieser Wunsch sollte noch nicht so ganz bald in Erfüllung gehen, denn auch in Enkara, dem nächsten Ziel der Reise, lag Schnee. Allerdings hatte wohl schon leichtes Tauwetter eingesetzt… zwischen den weißen Flächen kam an einigen Stellen nämlich der Boden schon wieder zum Vorschein. Der Lederarbeiter wurde dort übrigens von zwei Herrinnen überaus herzlich empfangen, die er wohl bei seinem letzten Besuch bereits kennengelernt hatte. Eine der beiden war die Wirtin des Gasthauses, was in Sachen Paga natürlich sehr praktisch war. Wobei sich mein Herr nach den Erfahrungen in Nadira natürlich als erstes nach dem Preis erkundigte. 


Ich bin mir nicht sicher, ob es an meinem Herrn und dem Lederarbeiter lag oder ob die Gasthauswirtin in Enkara immer so tüdelig ist, denn sie bekam ständig etwas durcheinander…verwechselte Tarskbits mit Kupfer, die weiße Seide einer Stadtkajira mit roter und mit den Zimmerschlüsseln tat sie sich auch irgendwie schwer. Doch das waren alles Dinge, die von der großzügigen Zimmereinrichtung und vor allem der herrlich weichen Matratze sofort verdrängt wurden, auf der ich in dieser Nacht eng an meinen Herrn geschmiegt schlafen durfte, sodass mir überhaupt nicht mehr kalt war! ;-))

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