Donnerstag, 22. Januar 2015

Stiefel aus und weniger an

Da mein Herr es mag, wenn seine Kajira ausgeschlafen hat, wachte ich recht spät, aber leider alleine in diesem ohne ihn viel zu großen Bett im Gasthaus von Enkara auf. Anscheinend war er von seinem frühmorgendlichen Rundgang bereits zurück, denn ich meinte ihn unten im Gastraum zu hören. Sicher war ich mir allerdings nicht, da das laute Schnarchen des Sattlers im Nebenzimmer die Wände leicht wackeln ließ und eine eindeutige Identifizierung seiner Stimme daher nicht so ganz einfach. Nachdem ich mit meiner Morgentoilette einen Zacken zugelegt hatte, zog ich mir eilig etwas an und stopfte mir gegen meinen knurrenden Magen nebenbei schnell ein paar Kekse aus Sa-Tarna-Korn in den Mund, die ich anstelle des ekeligen und vor allem sehr matschigen Sklavenbreis für die Reise eingepackt hatte. Meine warmen Stiefel übersah ich total, was sich kurze Zeit später als nicht gerade vorteilhaft herausstellen sollte.

Mein Herr war tatsächlich unten in der Gaststube und frühstückte mit einem Stück Brot in der Hand herumfuchtelnd, während er sich mit einem leicht pikiert aussehenden Weib unterhielt, die sich später als die für die Stadtkette zuständige Sklavenhändlerin vorstellte. Das Gespräch drehte sich offenbar um die Stadtsklavin, die sich am Vorabend mit ihren weit gespreizten Schenkeln dem Sattler recht aufreizend angeboten hatte, obwohl sie angeblich noch von weißer Seide war. Allerdings wird die Kajira zurzeit wohl noch in irgendeiner Akademie ausgebildet, soll sich aber natürlich nützlich machen, wenn kein Unterricht ist. Soweit so gut, dagegen war nichts einzuwenden, nur warum man einem Mädchen keinen Gürtel verpasst, das noch keinen Sklavenwein bekommen hat, sich aber wie eine Rotseidene benimmt, war irgendwie sehr unlogisch.

Doch was soll‘s, die Sklavenhändlerin hatte anscheinend nicht vor, die weiße Seide dieser Kajira zu versteigern und nahm wohl sogar eine mögliche Schwangerschaft in Kauf… alles Dinge, die mich nichts angingen und mich eigentlich auch nicht sonderlich interessierten. Viel spannender fand ich nämlich, dass mein Herr sich nach Beendigung seines Frühstücks ein wenig in der Stadt umschauen wollte, vor allem nach einer hier wohnenden Händlerin, die von der Wirtin für den Kauf der im Besitz des Sattlers befindlichen Kostbarkeit empfohlen worden war. Zusätzlich zu den Spesen hatte der Lederarbeiter meinem Herrn für seinen Schutz während der Reise erfreulicherweise zugesagt, ihn zu zwei von zehn Teilen an dem Verkaufserlös zu beteiligen. Tja, hatte ich schon erwähnt, dass ich an diesem Morgen vergessen hatte meine Stiefel anzuziehen? Genau, ich muss jetzt leider eingestehen, wie schnell sich diese Nachlässigkeit draußen vor dem Gasthaus als Fehler herausstellte, auch wenn kneipen ja sehr gesund sein soll.

Ohne nachzudenken, war ich meinem Herrn bei seinem Aufbruch nämlich wie immer barfuß gefolgt, weil ich es bis auf ganz wenige Ausnahmen einfach nicht anders kenne. Etwas spät bemerkte ich daher nun, wie kalt es unter meinen nackten Sohlen war und schlagartig ganz besonders eisig wurde, als mein Herr stehenblieb, um sich die beeindruckenden Wehrtürme der Stadt anzuschauen. Während er die Bauten betrachtete und dabei über eine zweite Mauer innerhalb der ersten und die Uneinnehmbarkeit von Enkara fachsimpelte, blieb mir nichts anderes übrig, als möglichst unauffällig von einem Fuß auf den anderen zu trippeln, um zwischendurch zumindest eine Fußsohle nicht auf dem wirklich arg frostigen Boden zu haben. Meine Bemühungen mir nichts anmerken zu lassen, blieben jedoch nicht unbemerkt, sondern veranlassten meinen Herrn nach einem Blick auf meine Füße zu der Frage "Na, kalte Füße Kajira?".


Auch wenn ich zugeben muss, ich tat mich etwas schwer mit meiner Antwort, siegte letztendlich meine Ehrlichkeit und ich gestand ihm leicht verlegen ein, dass meine Füße tatsächlich ein bisschen kalt sind. „Ich habe keine Lust, dir am Ende noch einen oder sogar mehrere Zehen abschneiden zu müssen Kajira... lauf und zieh deine Stiefel an!“ waren eindeutige Worte, die mich wie der Blitz sofort zurück ins Gasthauszimmer laufen ließen, auch wenn ich überhaupt nicht verstehen konnte, warum mein Herr zusätzlich von sich gab, dass er es nicht leiden kann, wenn meine Füße in seinen Fellen kalt sind. Das sind die nämlich noch nie gewesen. Im Gegenteil, da glühen sie eigentlich immer… und nicht nur die!

Da auch nach meiner Rückkehr besagte Händlerin in der gesamten Stadt leider immer noch nicht aufzutreiben war, gingen wir letztendlich bestiefelt, jedoch unverrichteter Dinge zurück ins Gasthaus, was meinem Herrn wegen der schwindenden Aussicht auf zwanzig Prozent Beteiligung an einem lukrativen Verkauf logischerweise nicht wirklich gefiel. Immerhin hatte der Sattler inzwischen sein Schnarchkonzert beendet, um sich gut gelaunt und bestens ausgeschlafen ein üppiges Frühstück servieren zu lassen, sodass mein Herr mit ihm nebenbei die weitere Reiseplanung besprechen konnte. Wir waren nämlich bereits den vierten Tag unterwegs und er hatte für seinen Hauptmann im Wachbuch hinterlassen, dass er sich spätestens nach fünf Tagen melden wird.


Die Gaststube füllte sich übrigens schon wieder mit freien Frauen. Dieses Geschlecht scheint in Enkara wohl ziemlich in der Überzahl zu sein. Nachdem ich dann auch noch mitbekam, dass ein Herr sich sogar zwei Gefährtinnen gleichzeitig nimmt, kam mir logischerweise in den Sinn, dass dies vermutlich eine Folge der weiblichen Überpopulation ist. Aber darüber habe ich selbstverständlich nichts von mir gegeben. Außerdem verstehe ich das seit einiger Zeit so in Mode gekommene Gebalze um freie Weiber sowieso nicht und noch weniger, wenn es sich auch noch um Frauen niederer Kasten ohne jeglichen politischen Einfluss und ohne Vermögen handelt. Die Mittellosigkeit der beiden Fastgefährtinnen wurde nämlich schnell klar, nachdem mein Herr bei ihnen sein Händlerglück versuchte, um sich doch noch seine Anteile am Erlös der sattlerschen Kostbarkeit zu sichern.

Leider war sein Schleimen über die Freude des Gefährten über ein Geschenk seiner beiden Zukünftigen… die Freude dieses Mannes mit so gewaltiger Begierde und Manneskraft, dass er gleich zwei Frauen schützt… dieses offensichtlich so reichen Mannes, dass er zwei Weiber versorgt… dieses mit Sicherheit sehr glücklichen Mannes, der zusätzlich zu beiden Gefährtinnen-Juwelen mit diesem Geschenk seiner Auserwählten gleichzeitig noch einen dritten Edelstein bekommt… immerhin eine Kostbarkeit von solcher Reinheit, wie sie mein Herr selbst in Ar, der Mutter aller Städte noch nicht gesehen hat…… vergeblich. Auch die Sklavenhändlerin lehnte einen Kauf ab, war nicht in der Lage, ihren Gewinn beim Weiterverkauf zu erkennen, dafür aber immerhin die Besonderheit dieses teuren Stücks.


Zumindest den Sattler hatte mein Herr mit seiner pathetischen Rede beeindruckt, denn dem Herrn stand danach tatsächlich der Mund offen, auch wenn immer noch kein Verkauf in Sicht war. „Val, ich glaube in dieser Stadt werden wir deine Kostbarkeit nicht so bald oder gar nicht los. Lass uns zurück nach Jorts Fähre reisen, neue Vorräte besorgen und dann in den nächsten Tagen weiter, vielleicht nach Süden…“ war ein Vorschlag, auf den der Lederarbeiter sofort einschlug und Ravi und mich unser Gepäck eilig aus den Zimmern holen ließ. 

Hach, von der Aussicht beflügelt, nach einer so langen Zeit endlich wieder nach Hause, ins grüne, herrlich milde Jorts ohne Schnee und Kälte zu kommen… vor allem aber endlich die Stiefel aus- und wieder viel weniger anzuziehen, war ich so schnell mit Packen fertig wie schon lange nicht mehr… aber die Stiefel hatte ich ja auch schon an. :-)))

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