Donnerstag, 12. Februar 2015

Lieber spät als nie

…nicht jeder Ko-Ro-Baner ist tatsächlich einer.

Trotz der vielen Spätwachen in den letzten Tagen war es meinem Herrn selbstverständlich wichtig, am Waffentraining teilzunehmen, sodass er sich relativ früh schon Richtung Wiese auf den Weg machte. Ich kam gestern jedoch erst eine Weile nach ihm dort an und schnappte gerade noch den Rest seines Gesprächs mit dem Hauptmann auf, der sich zuvor anscheinend noch eine kleine Vortrainingsstärkung gegönnt hatte. Besonders interessant fand ich eigentlich die Vermutung meines Herrn, dass diese Stärkung dem Hauptmann wohl dazu dienen sollte, das Gras besser zu vertragen, das er ihm zum Nachtisch beim Training zukommen lassen wollte. Doch dann flog auch schon sein Umhang auf mich zu und das Schwertfuchteln der beiden Krieger begann, während ich den Umhang wie eine Kostbarkeit hütete und ihn an mich drückte, damit ich ihn nicht wieder vergesse.


Es war übrigens ein sehr ausgewogener Trainingskampf, der beim 7:6 für den Hauptmann allerdings durch den grünkastigen Herrn plötzlich unterbrochen wurde. Ziemlich verwirrt um sich blickend, gab er mittelprächtig resigniert und laut stöhnend von sich, dass die Krankenstation wohl nicht auf der Wiese ist… er hatte sich offensichtlich verlaufen. Naja, und von Kriegertrainings scheint er auch keine Ahnung zu haben, glaubte er doch tatsächlich, es finde wegen einer Meinungsverschiedenheit ein ernstzunehmender Kampf statt. Während ich den orientierungslosen Verirrten natürlich schnell über das Waffentraining aufklärte, erkundigte sich mein Herr bei dem Hauptmann, ob der Grüne tatsächlich aus Ko-Ro-Ba stammt. Als in Ar Geborener ist er bekanntlich nicht gerade gut auf Ko-Ro-Ba zu sprechen, auch wenn sein Heimstein inzwischen Jorts Fähre ist. Später hat er mir noch genauer erklärt, dass die Feindschaft zwischen Ar und Ko-Ro-Ba wohl schon fast so lange wie Ko-Ro-Ba besteht, wobei Ar, die Mutter aller Städte, ja schon viel früher entstanden ist als Ko-Ro-Ba.

Insofern war es nicht weiter verwunderlich, dass mein Herr sich beim Hauptmann auch erkundigte, ob dem Grünen Schutz durch das Gastrecht gewährt wird. Durchaus verständlich, dass er bei der bejahenden Antwort seines Vorgesetzten nun wegen der Niederlassungsabsichten des Grünen äußerst abfällig brummte: "Ko-Ro-Baner... überall machen sie sich breit!" Ich glaube, er knurrte auch noch etwas über den zwar erhabenen, aber dennoch unverständlichen Willen der Priesterkönige, der Ko-Ro-Ba nicht durch die Kohorten Ars zu Staub und Asche hatte werden lassen… oder so ähnlich. Ach ja, und dem orientierungslosen grünkastigen Herrn machte er klar, dass ich sein Eigentum bin und nicht für Wegweisungen zur Krankenstation zur Verfügung stehe. Er wünschte nämlich, dass ich ihm mit meiner Anwesenheit weiter an der Wiese diene. Der Grüne musste sich also eine andere Führerin suchen oder den Weg selbst finden, was eigentlich nicht sonderlich schwer war.

Außerdem ist eine Wegbeschreibung „durchs große Stadttor und dann immer nur links“ doch wirklich total einfach zu verstehen… dachte ich jedenfalls. Tja, falsch gedacht, denn es gibt ja leider nicht nur links, sondern auch noch das andere, nämlich falsche Links, sodass man im Wald oder vor dem Händlerhaus landet! Wie gut, dass mit der Hauptmannsgefährtin Rettung eintraf und die Herrin ihren verirrten Kastenbruder nun unter ihre Fittiche nahm, um ihn sicher in die Oberstadt zu geleiten. Mein Herr und der Hauptmann konnten also endlich mit der zweiten Runde ihres Waffentrainings fortsetzen, die erneut mit 7:6 endete… diesmal allerdings für meinen Herrn. Bevor ich mich wieder voll auf die beiden Krieger konzentrierte, hörte ich übrigens noch den Grünen zur Hauptmannsgefährtin sagen, dass mein Herr besonders fleißig seine Fähigkeiten im Sticheln gegen Feinde Ars trainiert. 


Wobei der Herr natürlich nicht ahnen konnte, was nach dem Auftauchen des korobanischen Kriegers passieren würde. Beim Nähern hatte der Rarius anscheinend mitbekommen, dass es im Gespräch meines Herrn mit dem Hauptmann um Ko-Ro-Ba ging, denn er verdrehte nicht nur genervt seine Augen, sondern knurrte meinen Herrn sogleich an, er habe bei seiner Erzählung vor etlichen Hand über seinen Werdegang ungefähr so gut zugehört wie immer, nämlich offenkundig gar nicht. Vor Schreck über diesen sich erneut anbahnenden Disput zwischen den beiden Männern, wagte ich jetzt kaum noch zu atmen. Doch mein Herr erwiderte vorerst nur ruhig: „Tharkan, du hast mir gesagt, dass du aus Ko-Ro-Ba stammst und dort ausgebildet wurdest... mehr nicht. Ich erinnere mich sehr gut daran und danke immer noch den Priesterkönigen für meine Selbstbeherrschung!“ Ohje… und nun? Es kam mir so vor, als würde die Luft zwischen den beiden Männern vor Anspannung knistern.


Doch gemäß dem Motto „lieber spät als nie“, nämlich jetzt, nachdem jede Menge Wasser den Vosk hinunter geflossen war, stellte sich endlich heraus, welch ein Missverständnis zwischen meinem Herrn und dem korobanischen Krieger bestand. Der Rarius wurde nämlich gar nicht in Ko-Ro-Ba geboren, sondern dort lediglich ausgebildet und hatte dort auch nie seinen Heimstein!! Während sich in mir ein Gefühl breit machte, als ob mein Herz vor Spannung gleich zerspringen würde, ging mein Herr langsam auf den Nicht-Ko-Ro-Baner zu. Dicht vor ihm hob er erst seine Faust an die Schulter und streckte danach dem Krieger seine offene Hand entgegen, um sich zu entschuldigen: „Es tut mir von Herzen leid, dass ich dich für einen Ko-Ro-Baner hielt und dich damit beleidigt habe, Tharkan… nimm meine Entschuldigung an.“ 

„Ich wurde in Ko-Ro-Ba ausgebildet und in die rote Kaste aufgenommen. Ich habe keinen Anlass schlecht von dieser Stadt zu denken… im Gegensatz zu Ar, deren Legionen mir allen denkbaren Grund gegeben haben, es nicht zu mögen. Wenn du das akzeptieren kannst, vergesse ich gerne was die Luft zwischen uns verpestete.“ Nach dieser Antwort erwiderte mein Herr, wie fern es ihm liegt, einem Krieger vorzuschreiben, wie er über etwas zu denken hat, genauso wenig, wie er sich sein Denken von einem anderen vorschreiben lässt: „Tharkan, du hasst Ar, ich hasse Ko-Ro-Ba… daran wird sich nichts ändern. Aber wenn Ko-Ro-Ba nicht dein Heimstein ist und Ar nicht mehr meiner, sondern inzwischen Jorts Fähre, dann ist das kein Grund für einen Konflikt zwischen uns.“ Ich denke, ich muss nicht weiter erläutern, wie unendlich erleichtert ich nach diesen Worten war. Schade nur, dass das andere „D“ sie nicht gehört hat.


Nach den vielen Spätdiensten, dem tollen Training und vor allem nach der Beendigung dieses schrecklichen Konflikts hatte mein Herr sich nun einen besonders hingebungsvoll servierten Zuhausepaga jedenfalls mehr als verdient. Das entspannende Fußbad danach, kombiniert mit einer sehr sanften Fußmassage durch die zarten Finger seines Eigentums natürlich sowieso. Allerdings wurde mein Wellnessprogramm vor der Tür mittendrin plötzlich von einem ungewöhnlich lauten Platscher im Vosk unterbrochen. Selbstverständlich reckte ich sofort meinen Hals, sah jedoch außer einigen sich kreisförmig kräuselnden Wellen erst einmal nichts, bis sich meine ursprüngliche Vermutung, dass ein großes Fluss-Thalarion im Wasser Luftsprünge gemacht hatte, schließlich als Schmied entpuppte, dessen Kopf nun prustend an der Wasseroberfläche auftauchte.


Hach, was für ein Anblick… auch wenn der gut aussehende Herr es nach seinem Bad irgendwie viel zu schnell schaffte, sich nass wie er war in eine Hose zu zwängen. Von mir aus hätte das nicht sein müssen. Die beiden Männer hätten sich auch gerne noch eine Weile über die Länge von Schwertern unterhalten können. Doch leider musste der nette Metallhandwerker mangels Sklavenheizung noch Holz holen, denn trotz tagsüber milden Temperaturen sind die Nächte immer noch sehr kalt, vor allem wenn man alleine ist. Was das bedeutet kann ich wirklich gut nachvollziehen und war daher sehr froh, meinen Herrn später vor dem Einschlafen noch schläfrig murmeln zu hören: „Ich sollte mehr zuhause sein.“ Oder habe ich das nur geträumt?

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