Freitag, 13. Februar 2015

Nicht der Hellste

Auf meinem Weg in die Oberstadt, ich vermutete meinen Herrn nämlich im Kastenhaus der Krieger, beschloss ich nicht den direkten Weg am Hafen entlang zu nehmen, sondern einen kleinen Minischlenker über den Marktplatz zu machen. Ich wollte schauen, ob der Schmied vielleicht in seiner Werkstatt war oder mein Herr möglicherweise sogar schon zurück und auf der Gasthausterrasse saß. Doch beides war nicht der Fall. Stattdessen traf ich die Brauereikajira und überredete sie nach einem kleinen Klöhnschnack, mich in die Oberstadt zu begleiten, da sie sich dort noch kaum auskennt und die Brauereikessel ihre Aufsicht momentan nicht brauchten.


Aus unserer Stadtbesichtigung wurde jedoch nichts, da ich gleich hinter dem großen Stadttor meinen Herrn im Gespräch mit dem Hauptmann und dem Grünen entdeckte. Anscheinend unterhielten sie sich schon wieder über das andere Links. Diesmal ging es dabei offenbar um den Arm meines Herrn, denn er korrigierte den Grünkastigen gerade: „Nein, das ist mein rechter Arm! Solltest du mir meinen Schwertarm jemals amputieren, egal ob du ihn für den linken oder den rechten hälst, dann erwürg ich dich mit dem anderen, das verspreche ich dir!“ Leider schien sich der Medicus vor seiner Antwort jedoch nicht überlegt zu haben, welche Reaktion er damit bei einem Krieger auslöst, denn er behauptet doch tatsächlich, mein Herr habe keine Kraft in seinem linken Arm, weil er ja immer nur den rechten, nämlich seinen Schwertarm benutzt und trainiert.

Zusätzlich forderte er meinen Herrn nun höhnisch auf, ihm eine Kraftprobe seines Nichtschwertarms zu demonstrieren. Damit hatte er jetzt wirklich eine Grenze überschritten, denn sogar der vorher noch zögerliche Hauptmann gab meinem Herrn nun die Erlaubnis zum Durchschütteln des Grünen. Das Schütteln fiel jedoch anders aus, als der Hauptmann es sich anscheinend vorgestellt hatte. Mein Herr machte nämlich einen Satz nach vorne und holte gleichzeitig mit der linken Faust aus, um einen zielsicheren Treffer am grünen Unterkiefer zu landen, bei dem der Kopf des Grünen zwar ganz schön durchgeschüttelt wurde, der Herr aber erstaunlicherweise nicht zu Boden ging. Lediglich seine Wange hielt er sich, als er erneut meinen Herrn anstachelte, ob das etwa schon alles war, was mein Herr mit seinem Anlauf zustande bekommt.


Nachdem der Hauptmann meinen Herrn nun anmeckerte „nicht schlagen, sondern hochheben“, gab dieser schließlich nach und packte den grünen einfach an seinem Gewandkragen, um den Inhalt des grünen Gewands nun mit seinem linken Arm hochzuheben, was für einen so durchtrainierten Krieger wie ihn natürlich keine große Sache war. Aufgrund gewisser Erfahrungen mit diesem Herrn vermute ich, dass nun mindestens ein angespitzter grüner Fingernagel zum Einsatz kam, denn der Grüne griff an den Oberarm meines Herrn, allerdings ohne damit bei ihm irgendeine Reaktion zu erzeugen… wobei ich nur den Hinterkopf meines Herrn sehen konnte, vielleicht war sein Gesicht ja auch schmerzverzerrt. Da sich das Gemecker des Hauptmanns inzwischen zum Gebrüll verstärkt hatte, gab der Klügere, nämlich mein Herr schließlich nach und setzte seinen Trainingspartner äußerst sanft wieder ab, strich ihm sogar noch den leicht zerknitterten Kragen glatt.


Tja, irgendwie hatte der Grüne aber immer noch nicht genug, denn er setzte seine Beleidigungen fort mit "ein ganz Starker bist du, also körperlich meine ich… nur geistig scheint dem wohl nicht so zu sein". Während ich nun ernsthaft darüber grübelte, wer hier tatsächlich nicht der Hellste ist, drohte er zusätzlich noch mit Konsequenzen, weil mein Herr seine Hand gegen eine höhere Kaste erhoben hatte. Das Ganze endete schließlich mit einem wutschnaubenden Hauptmann, der Richtung Gasthaus davon stapfte und einem immer noch überheblichen Grünen, der offensichtlich nichts dazu gelernt hatte und seinen mittlerweile anschwellenden Unterkiefer vermutlich zur Krankenstation bewegte. Wobei ich keine Ahnung habe, ob er sich auf dem Weg dorthin wieder verlaufen hat. Mein Herr steuerte nämlich für einen Paga die Taverne an, vor der sich bereits ein anderer Krieger niedergelassen hatte und den schönen Blick über den Hafen genoss.

Sehr erfolgreich war übrigens der Besuch meines Herrn einen Paga später beim Lederarbeiter, bei dem er sich eine besonders lange Peitsche kaufte, mit der er auch vom Tarn aus eine gute Reichweite hat. Da das Klima inzwischen immer milder wird, war es nun auch an der Zeit endlich die zerschnittenen Riemen der kaputten Sandale reparieren zu lassen, die ich schnell noch von zuhause geholt hatte.

Wie immer in der Werkstatt des Sattlers, musterte mein Herr die ausgestellten Lederanfertigungen, denn er interessiert sich wohl schon eine Weile für lederne Armschienen in der Art, wie sie der Sattler meistens trägt, auch wenn die Meinungen in der Kaste darüber wohl etwas auseinander gehen. Da Tarnreiter jedoch dafür bekannt sind Leder zu tragen und der Lederarbeiter perfekt geeignetes Leder sogar vorrätig hatte, war die Entscheidung schnell getroffen und die beiden Männer sich über den Gesamtpreis für Peitsche, Sandalenreparatur und Armschienen einig.


Mein Herr fand es wohl ganz interessant, dem Sattler noch beim Maßnehmen für die Ledersachen zuzuschauen, die er an der nackten Brauereikajira Ende nächster Hand auf dem Markt in Enkara zeigen will. Er hat mit ihrem Herrn nämlich vereinbart, sie als Modell auszuleihen. Und da mein Herr außerdem gerne noch die Einschätzung dieses Nichtkriegers zu dem Vorfall mit dem Grünen hören wollte, ließ er sich von dem freundlichen Handwerker zu einem weiteren Paga in der Sattlerei einladen. Tja, der Lederarbeiter ist zwar von niederer Kaste, aber wirklich nicht dumm, sondern ziemlich helle. Obwohl sehr muskulös gebaut, sagte er nämlich, dass er seine Stärke nie mit einem Krieger messen würde und sich auch nicht anmaßen würde, über die mangelnde Intelligenz des Kriegers herum zu tönen und schon gar nicht, nachdem er bereits mit seiner Faust Bekanntschaft gemacht hat… außer er möchte ums Leben kommen.

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