Donnerstag, 19. Februar 2015

Opfer

Der Tag fing fantastisch an… mein Herr musterte mich nämlich von oben bis unten in einer Art und Weise, die mich den Weg seiner grauen Augen fast körperlich auf meiner Haut spüren ließ. Dann griff er mit einer Hand an den dünnen Stoff, des mich nur sehr knapp bedeckenden fast Nichts, schob dabei leicht seine Lippen vor, nickte langsam und schnalzte leise mit der Zunge, bevor er kundtat: „Was du da anhast meine Scharlachrote, gefällt mir sehr“. Es kam aber noch besser, denn mit kaum noch zu zügelnder Freude darüber, machte ich nicht nur einen kleinen Hüpfer, sondern drückte voller Dankbarkeit meine Lippen auf seinen Handrücken. Doch erst in diesem Moment wurde mir bewusst, was ich da tat, sodass ich schnell meinen Kopf tief senkte und um Verzeihung bat. Meinem Herrn gefiel offenbar aber meine Aufdringlichkeit, denn lachend forderte er mich nun auf, wenn ich schon seine Hand küsse, dann wenigstens richtig… ein Befehl, den ich mir natürlich nicht zweimal sagen ließ.


Leider nahte die Ahn des an diesem Tag angesetzten Waffentrainings viel zu schnell, sodass alles was mir gerade in den Sinn kam nun der Schwertkunst geopfert wurde. „Knapp aber gut“, „nur haarscharf daneben“ und „das war clever“ waren übrigens die anerkennenden Kommentare des kampferfahrenen Kriegers vom Hof zu der in meinen Augen wirklich tollen Leistung meines Herrn, auch wenn seine Tunika bei jedem Durchgang leider fast immer einen Grasfleck mehr aufwies, als die seiner Trainingsgegner. Aber für mich ist er ja eh der tollste Kämpfer weit und breit und der beste Herr sowieso. 

Vor lauter Begeisterung und Daumendrücken war mir jedoch komplett entfallen, zwischendurch in der Sattlerei nachzufragen, ob die in Auftrag gegebenen Armschienen vielleicht schon fertig sind. Zum Glück nahm mein Herr mir dieses Versäumnis jedoch nicht krumm und an der Sattlerei kamen wir auf dem Rückweg eh automatisch vorbei, nachdem er sein Training mit dem Hinweis beendet hatte, dass seine Stiefel für die inzwischen sehr milden Temperaturen definitiv zu warm waren. 


Der Sattler hatte mit der Anfertigung der ledernen Armschienen und der Reparatur des im Duell mit dem Hauptmann zerschnittenen Sandalenriemens der Handwerkerkaste von Jorts und seinem Heimstein jedenfalls mal wieder sehr große Ehre bereitet. Die Sachen waren nämlich nicht nur fertig und abholbereit, sondern waren auch ganz hervorragend gearbeitet. Den Sandalen sah man nämlich fast nicht an, dass einer der Riemen ausgetauscht worden war und für die Armschienen hatte der Lederarbeiter festes Boskleder verwendet, das aber trotzdem anschmiegsam war und sich dank der verstellbaren Schnallen perfekt an die muskulösen Unterarme meines Herrn anpassen ließ. Einen ziemlichen Schrecken bekam ich allerdings, als mein Herr den Sattler plötzlich nach etwas zum Hauen fragte. Mindestens genauso erstaunt wie ich erkundigte sich letzterer nach einem leicht irritierten Blick auf mich, ob mein Herr womöglich von einer Kurt sprach, denn sowas hat er als Lederarbeiter logischerweise immer da. 


Puhh, es ging zum Glück nur um den Test, ob die Armschienen richtig sitzen! Dafür war ein Besenstiel offenbar genau das Richtige, mit dem der Sattler nun versuchen sollte, den Kopf meines Herrn zu treffen. Vorher gab er dem Handwerker allerdings noch sein Wort, ihn für diesen Angriff nicht zu töten. Ich gestehe, als der Lederarbeiter mit dem Besenstiel ausholte, hab ich meine Augen ängstlich zugekniffen und auch erst wieder hingeschaut, nachdem ein lauter Knall zu hören war und mein Herr den Besenstiel plötzlich in seinen Händen hielt, den er nun dem Sattler breit grinsend mit den Worten zurückgab: "Entschuldige Val... Reflexe... die Armschienen sitzen perfekt". Ich bin jetzt übrigens gespannt, ob der Lederarbeiter seine an einer solchen Anfertigung interessierten Kunden auf dem Markt in Enkara zu meinem Herrn schicken wird, denn er will dort wohl ebenfalls hinreisen und ich darf mit!


Nach einer kurzen Unruhe mit einigen Irritationen über eine spazierengehende Freie, deren Heimstein irgendwo zwischen Belnend und einer für ihre ekelhafte Suppe mit oben drauf schwimmenden Fischaugen bekannten Stadt am Fayheen lag, was mir geografisch übrigens total unklar war, und dem Versprechen der Frau, zuhause nichts über die sicherheitsrelevanten Enthüllungen jortsscher Abneigungen gegen besagte Stadt und ihre fiese Suppe zu verraten, bevor sie sich eilig Richtung Hafen verdrückte, ging es dann weiter zu einem Trainingsabschlusspaga auf die Gasthausterrasse. Thema dort waren anscheinend erneut die merkwürdigen Steine im Wald und ihre Beseitigung. Es geht natürlich vor allem darum, nicht die Priesterkönige zu verärgern, wenn dies eine Opferstätte für andere Götter sein sollte, die wiederum aber auch auch nicht verärgert werden durften, sodass die Versenkmethode am Wasserfall letztendlich als die sicherste erschien. Die Steine bleiben dabei unversehrt, die Zeichen behalten jedoch ihre Kraft, sofern sie überhaupt sowas haben und die Götter merken den kleinen Höhenunterschied wahrscheinlich nicht, sofern die überhaupt irgendetwas mit dieser Stätte zu tun haben. 


Aber mal sehen, wie der Rat dazu entscheiden wird. Inzwischen war es spät geworden und die Nacht hatte sich über Jorts gesenkt. Genau wie die anderen Krieger zog es auch meinen Herrn schließlich nach Hause, da er am nächsten Tag wieder eine anstrengende Spätwache vor sich hatte. Während seine Atemgeräusche recht schnell in leises Schnarchen übergingen, hatte ich merkwürdigerweise jedoch ziemliche Probleme mit dem Einschlafen. Und um ihn mit meinem hin und her Wälzen nicht zu stören, entschloss ich mich spontan, noch ein wenig Frischluft am Voskufer zu schnappen. Tja, hätte ich geahnt, dass ich mich dort noch fast eine Ahn aufhalten würde, hätte ich mir bestimmt etwas übergezogen… wobei mir ja auch so, dank der Fürsorge eines netten Herrn nicht kalt wurde. 


Ich traf am Fluss nämlich den Schmied, der anscheinend ein ähnliches Bedürfnis gehabt hatte wie ich und sich durch meine Anwesenheit auch nicht gestört fühlte. Im Gegenteil, er erzählte mir, dass er dort oft am Wasser sitzt und den tollen Blick genießt, vor allem wenn die Wasseroberfläche des Vosk so wunderschön glitzert, weil sich unendlich viele Sterne darin spiegeln. Leider erzählte er mir aber auch, dass er diese Schönheit nach dem Markt in Enkara eine Weile nicht sehen kann und deswegen jetzt auf Vorrat schaut. Durch das Gespräch im Gasthaus über die mysteriösen Steine war ihm anscheinend klar geworden, dass es für ihn wohl an der Zeit ist, seinen nordischen Göttern zu opfern und ihnen die nötige Aufmerksamkeit zu schenken, die ihnen gebührt. Außerdem scheint er sich danach zu sehnen, mal wieder eine Weile im Freien zu leben, zu jagen und mit der Natur eins zu sein. 

Warum er einen kleinen Stein als Opfergabe ins Wasser geworfen hat, damit der Fluss mich beim Baden nie verschlingen möge, habe ich irgendwie kaum verstanden, denn ich bin doch nur eine Kajira und habe außerdem Badeverbot von meinem Herrn… aber davon wusste er natürlich nichts. Bei seinem Erwähnen eines Hemds ohne Taschen muss ich inzwischen aber wirklich wohl zu müde gewesen sein. Mein letzter Gedanke beim Einschlafen war jedenfalls, hoffentlich sorgen die Götter dieses Herrn dafür, dass er wie geplant den Weg aus den Wäldern zurück nach Jorts findet.

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