Mittwoch, 18. März 2015

Einwand mit Begründung

Mein Herr saß vorgebeugt brütend über einem anscheinend noch leeren Pergament, als ich mich zu ihm gesellte, nachdem ich meine häuslichen Aufgaben erledigt hatte. So wie er dabei grummelte, war er offenbar nicht wirklich bester Stimmung. Meine Vermutung, dass er sich gerade damit befasste, seinen Einspruch gegen den demnächst anscheinend anstehenden Heimsteinschwur des Grünen aus Ko-Ro-Ba zu formulieren, war daher nicht nur logisch, sondern sogar richtig. Weit war er allerdings noch nicht gekommen, doch immerhin stand bereits fest, dass sein Text mit "E I N W A N D" beginnen sollte, denn diese Überschrift zirkelte er jetzt langsam, begleitet von einigem Gemurmel auf das Schriftstück. Selbstverständlich zeigte ich sofort entsprechende Begeisterung für seine Leistung, denn die erste Zeile war damit schon mal fertig und ich weiß ja, wie schwer sich mein Herr mit dem Schreiben tut.


Im Gegensatz zu allem Schriftlichen ist das Reden und Formulieren allerdings total sein Ding. Nach dieser Überschriftenanstrengung legte er jedenfalls erst einmal eine Schreibpause ein und sprang auf, um mir zwei Punkte zu erläutern, mit denen er seinen Einwand gegen den Schwur dieses korobanischen Medicus oder zumindest eine Verzögerung begründen wollte. Der erste lag klar auf der Hand, denn dieser Herr gehört dem Heimstein von Ko-Ro-Ba an, also einer Stadt, die seinerzeit den Zorn der Priesterkönige auf sich gezogen hatte und von ihnen zerstört worden war. Auch wenn sie inzwischen zwar wieder aufgebaut ist, weiß man wohl nicht, wie die Priesterkönige jetzt zu dieser Stadt und ihren Bewohnern stehen. Es wäre daher natürlich fatal, mit dem Schwur dieses Ko-Ro-Baners ihren Zorn auf Jorts Fähre zu lenken, denn das Inferno liegt noch nicht sehr lange zurück und sitzt vielen Bewohnern noch tief in den Knochen. 

Tja, und der andere Punkt war, ob dieser Herr aus grüner Kaste es eigentlich wert ist, auf den Heimstein von Jorts Fähre zu schwören. Meinem Herrn war vor seinem Schwur nämlich auferlegt worden, sich erst einmal durch eine Aufklärungsmission nach Nadira zu beweisen, auf die er mich damals ja mitgenommen hatte. Es muss auch bedacht werden, dass der Ko-Ro-Baner von hoher Kaste ist und daher nach seinem Schwur Anspruch auf einen Sitz im Rat erheben könnte. Meinem Herrn war jedenfalls unklar, ob er sich bislang überhaupt schon für Jorts verdient gemacht hat oder sich nur ständig verlaufen? Mir fiel ehrlich gesagt kein Verdienst dieses Herrn ein. Stattdessen erinnerte ich mich an die merkwürdigen Experimente des Grünen mit diesem fiesen Pulver, was für die Brauereikajira mit Sicherheit nicht witzig gewesen war. Wobei ich nicht weiß, ob der Experimentierfreudige vorher die Genehmigung ihres Eigentümers eingeholt hatte.


"Also, du weißt noch was ein Absatz ist Kajira und wirst dir jetzt eine geeignete Unterlage suchen, auf der du schreiben kannst." Selbstverständlich… warum sollte ich Absatz schreiben, wenn ich einen machen sollte? Das hatte ich mir damals nach dem ersten Diktat meines Herrn wirklich gemerkt. Nach seinen Worten drückte er mir das Pergament und den Stift in die Hand, während ich mich für die Kiste als geeignete Unterlage entschloss und dann ging es auch schon los mit dem Diktieren... reden und formulieren kann er wirklich total gut finde ich, aber das erwähnte ich ja schon… wobei ich etliche Worte davon nur in einem anderen Zusammenhang kenne, z.B. Begehren. Kompliziert wurde es übrigens bei der Aufzählung seiner Gründe für den Einwand. Erst wollte mein Herr sie nummeriert haben, sprach aber vom ersten Punkt der Aufzählung, der sich letztendlich dann doch als Nummer herausstellte und "I" geschrieben werden sollte, wie anscheinend in Ar üblich.

Zum Glück verstand ich sofort, welches Zeichen mein Herr da in die Luft malte, sodass ich den Punkt schnell zu diesem Strich verlängerte und mein Fehler überhaupt nicht mehr auffiel. Nicht ganz so einfach zu kaschieren war leider ein kleiner Ausrutscher, der mir passierte, weil mein Herr mir zwischendurch einen festen Schlag auf meinen Po gab. Ich glaube, es war ein Klatscher zur Erinnerung an meine Schreibaufgabe… oder hatte ich zu viel gefragt? Egal… jedenfalls forderte die anschließende sanfte Massage meiner leicht brennenden Pobacke mir einiges an Konzentration ab und seine weiter wandernde Hand eine gehörige Portion Beherrschung.

Kein Wunder also, dass meine Gedanken bei dem Befehl „Absatz und drei Aufzählungsstriche, Kajira!“ dann sonst wo waren, nur nicht so wirklich mehr bei dem Schriftstück. Leise keuchend unter den von meinem Herrn in mir erzeugten Gefühlen malte ich nun jedenfalls "- - -" und wurde prompt angeherrscht: "Was ist denn das hier, Kajira?! Das sollten Striche sein wie oben, nur jetzt drei!" Wie gut, dass in diesem Moment gerade künstlerische Kreativität in mir aufkeimte, sodass ich aus den waagerechten Strichen schnell drei senkrechte "III." machte… allerdings ziemlich dicke. Doch ich fand, sie gaben diesen sehr wichtigen Worten sogar noch eine zusätzliche Gewichtung und mein Herr kommentierte mein Kunstwerk dann auch nicht weiter. Einzig mein Aussehen schien ihm nicht zu gefallen.


Mir vollkommen unerklärlich befahl er mir, mein Gesicht und besonders meinen Mund zu waschen, bevor er dann mit dem unterschriebenen Dokument das Haus verließ, um sich ein Ratsmitglied zu suchen, dem er die Begründung seines Einwands überreichen konnte. Da auf dem Marktplatz eine kleine Kriegerversammlung war und darunter sogar zwei Ratsmitglieder, war dieses Unterfangen recht einfach. Wobei der Hauptmann die Annahme verweigerte, weil es noch keinen offiziellen Aushang über das Gesuch auf Heimsteinschwur gab. Außerdem legte er meinem Herrn nahe, sich seinen Einwand noch einmal zu überlegen, weil er seinerzeit immerhin auch mit offenen Armen in Jorts aufgenommen worden war. Komisch, dass der Hauptmann sich nicht mehr an den Einwand gegen den Heimsteinschwur meines Herrn erinnerte und dass mein Herr sich erst hatte beweisen müssen. Aber egal, der Hofkrieger nahm das Dokument an sich und wollte es so lange ungesehen verwahren, bis der Grüne tatsächlich seinen Antrag gestellt hat.


Um das Dokument erleichtert, setzte mein Herr seinen Rundgang schließlich fort und traf am Hafen auf den Sattler und den Brauereikrieger, der jedoch kurz darauf zurück an seine Kessel musste, sodass der Platz mit der guten Aussicht nun für meinen Herrn frei wurde und ein Paga zur Verbesserung dieser Aussicht natürlich auch nicht fehlen durfte. Die aus dem Norden zugereiste Sklavenhändlerin gesellte sich ebenfalls dazu und informierte die Männer, dass sie die neue Wirtin des Gasthauses ist. In Anbetracht diverser spurlos verschollener Wirtinnen, warnten die Herren nun vor Waldspaziergängen… wobei ich merkwürdige Geschehnisse in der Waldhütte eigentlich viel gefährlicher fand.


Lustig war übrigens, wie ähnlich sich mein Herr und der Sattler in ihren Ansichten sind, denn sie sagten mehrfach fast das Gleiche. Ich glaube, als dies zum dritten Mal passierte, lachte mein Herr: "Es ist wunderbar... da hat man kaum einen Gedanken ausgesprochen, schon wird einem klar, dass ein anderer gerade das Selbe tat!"

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