Mittwoch, 29. April 2015

Aufläufe

Auf dem Marktplatz waren die letzten beiden Tage mal wieder Menschenaufläufe, während die Terrasse des Gasthauses ausgestorben war. Keine Ahnung, ob dies vielleicht mit der immer noch auf Reisen befindlichen Wirtin zusammenhing? Trotzdem war die Verpflegung durstiger Freier natürlich kein Problem und auch dem möglicherweise knurrenden Magen einiger Herrschaften konnte abgeholfen werden, durch ein gestern von San gekochtes Tagesgericht namens Überraschungsragout. Wobei ich nicht mehr herausbekam, worin die Überraschung bei diesem Essen bestand und auch nicht mehr nachgesehen habe, ob es der Urt im Gasthaus noch gut ging und hoffe, dass sie nicht aus schlagartig einsetzender, oberaktiver Verdauungstätigkeit mit unangenehmer Konsistenz bestand. Zu denken gab mir nämlich, dass San offenbar Fleisch verarbeitet hatte, das anscheinend weg musste. Zum Glück zog mein Herr es gestern jedoch wie meistens vor, zuhause zu essen, wo es sowieso immer am besten schmeckt. 

Genau wie mein Herr, der leider mal wieder eine sehr anstrengende, lange Wache gehabt hatte und entsprechend müde war, verspürte ich übrigens auch keinen allzu großen Drang zu einem Rundgang in die Stadt. Aber um mich geht es natürlich nicht und eine kleine Runde war natürlich nie verkehrt, zumal man vom Sitzplatz vor dem Haus meines Herrn sehen konnte, dass sich der Marktplatz zunehmend mit Menschen füllte… ich vermute allerdings, es war nicht wegen dem Ragout, sondern einfach aus Geselligkeit. Das vorherrschende Thema bei unserem Eintreffen war übrigens die Händlerkaste, die kurz davor ist weiter anzuwachsen. Wobei das Verhältnis von Kriegern zu Händlern dadurch Gefahr läuft, in leichte Schieflage zu geraten, weil demnächst die Heimsteinschwüre von zwei Händlerinnen anstehen… zum Bedauern des Hauptmanns übrigens beide am gleichen Tag, sodass er nur einmal umsonst essen und saufen kann.

Die Idee meines Herrn, dass einfach zwei Krieger die beiden Händlerinnen gefährten, um die Frauen danach in die rote Kaste aufzunehmen, damit das Verhältnis Krieger zu Händlern wieder zugunsten der Krieger in die erforderliche Unausgewogenheit verschoben wird, fand der Hauptmann anscheinend ganz toll, ich jedoch weniger. Einer der ledigen Krieger mit zukünftiger Händlergefährtin sollte nämlich leider mein Herr sein und ein solches Weib in seinem Haushalt, gefiel mir natürlich kein Stück, war ich doch die drohende grüne Gefahr erst vor kurzem losgeworden. Wie gut, dass mein Herr dieses Thema schließlich damit beendete, dass er erst einmal lediglich dazu bereit ist, darüber nachzudenken, eigentlich aber nicht interessiert ist. Puhh, trotzdem kommt einer ausgeklügelten rotseidenen Ablenkung in nächster Zeit wohl eine große Bedeutung zu… zumindest kann dies nicht schaden.


Inzwischen waren die Händler und die neue Baumeisterin aufgetaucht, die zusätzliches Stimmengewirr erzeugte, zumal sie ja auch alle Anwesenden um einiges überragt. Sie unterhielt sich nämlich mit einem der Krieger, gleichzeitig aber auch mit dem ersten Händler quer über den Platz über irgendein Bauprojekt, bevor sie sich schließlich doch neben den Händler stellte. Der geplante Umbau eines Hauses wurde von den Rarii nun aufgriffen, um über eine durchaus interessante Möglichkeit für ein zusätzliches Kriegertraining zu sprechen, die sich durch ein leer stehendes Haus womöglich auftun könnte… aber mal abwarten. Während die Baumeisterin weiter über ihr Bauprojekt redete, bei dem es anscheinend um ein neues Bad in der früheren Bäckerei ging, berichtete mein Herr dem Hauptmann über seine Sondierungen in Enkara, die er vor kurzem… leider ohne mich… wegen der demnächst anstehenden Reise der neuen Sklavenhändlerin vorgenommen hatte. 

Er hatte dort vor Ort zwar nicht mit dem Kommandanten sprechen können, aber in dem Schmied von Enkara offenbar einen kompetenten Ansprechpartner gefunden. Mithilfe dieses lokalen Führers, der das Umland von Enkara anscheinend genauso gut kennt, wie mein Herr mich… ach nee, ich glaube er sprach von meinem Hinterteil... kann dieses etwas knifflige Geschäft der neuen Sklavenhändlerin wohl funktionieren. Ein wohlwollender Blick der Priesterkönige auf diese Unternehmung sollte aber bestimmt trotzdem nicht schaden, egal wie gut die Rückzugsmöglichkeiten sind. Ich befürchte nur, dass ich wieder nicht mit darf… vielleicht aber wenigstens bis Enkara? Mal abwarten, ob und wie ich meinen Herrn von der Wichtigkeit seiner rotseidenen Mobilheizung auf dieser Reise überzeugen kann. 


Merkwürdig fand ich übrigens, als der Hauptmann meinen Herrn neugierig danach fragte, ob er mich demnächst womöglich verkauft, wenn sich herausstellt, dass sein Investitionsgeschäft schlecht läuft. Doch mein Herr erwiderte zu meiner Erleichterung lediglich breit grinsend, dass er keine Schwierigkeiten bekommen wird. Der Vertrag über seine Kapitalanlage bei der neuen Sklavenhändlerin war nämlich am Vortag tatsächlich unterzeichnet worden. Allerdings nicht auf dem Marktplatz, weil dort ein ähnlich großer Auflauf an Bewohnern gewesen war wie gestern. Obwohl der erste Händler bekanntlich vor lauter Arbeit immer total gestresst ist… ich würde mir ja niemals nicht anmaßen, diesen stets laut verkündeten Umstand auch nur mit einem einzigen Piep in Frage zu stellen… hatte er das Dokument über die Geldleihe aufgesetzt, sodass mein Herr mit seiner Begeisterung über diesen Fleiß natürlich nicht hinterm Berg hielt.

Beim Durchlesen des Schriftstücks bemerkte er leider jedoch, dass anscheinend noch ein Missverständnis vorlag… das vorliegende Dokument entsprach jedenfalls nicht den Vorstellungen meines Herrn. Es ging also noch einmal um die Gepflogenheiten bei Kreditgeschäften, Zinssätze, Rückzahlung, Strafzinsen, Sicherheiten, Bürgschaft und, und, und… alles allerdings weitestgehend an mir vorbei. Erst als eine Einigung erzielt und alle Klarheiten beseitigt waren… ähmm, Unklarheiten meine ich natürlich… durfte ich den Geldbeutel meines Herrn holen und für die Änderungen Tinte und Feder, aber auch Tinte und Feder wieder wegbringen und beides erneut holen, nachdem schließlich allen Beteiligten klar war, wie viele Unterschriften auf sämtlichen Schriftstücken erforderlich waren. 

Mein Kontakt mit dem Tintenfass hinterließ diesmal erstaunlicherweise übrigens so gut wie keine Spuren an mir, im Gegensatz zur Anziehungskraft, die ich sonst auf Tinte ausübe. Naja, ein paar wirklich zu vernachlässigende Miniflecke waren natürlich doch an meiner Hand, die ich aber geschickt verbergen konnte. 

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