Mittwoch, 15. April 2015

Ausgegeistert

Hach, so ungewohnt wie die leeren Gassen auch waren… irgendwie hatte Jorts als Geisterstadt auch etwas. Nachdem die wenigen Bewohner ebenfalls auf Reisen gegangen waren, die sich nicht der Handelsreise der freigelassenen Kajira angeschlossen hatten, verliefen sämtliche Wachen meines Herrn ohne Zwischenfälle und so ruhig, dass er mich gelegentlich sogar auf seinen Patrouillenflügen mitnahm, was ich natürlich immer sehr genossen habe. Leider stand für ihn gestern jedoch ein etwas längerer Flug auf seinem Tarn an und ich musste zuhause bleiben. Während ich wie oft seit fast einer Hand gemächlich durch die leere Stadt Richtung Marktplatz geisterte, drang plötzlich eine mir unbekannte männliche Stimme an mein Ohr, die sich mit wem auch immer über zu flache Brüste unterhielt. Huch… gab es außer mir etwa doch noch andere Geister oder hatte es sich womöglich sogar ausgegeistert in Jorts?


Vorsicht ist bekanntlich die Mutter der Porzellankiste… ich drückte mich also erst einmal an die Mauer vor der Terrasse und linste hinüber. Gleichzeitig war ich natürlich auf dem Sprung, um notfalls wegzulaufen, denn wer sollte mir zu Hilfe kommen, wenn sich im Gasthaus Gesindel mit unguten Absichten bezüglich des Eigentums meines Herrn breit gemacht hatte? Mit großer Erleichterung stellte ich jedoch fest, dass in Jorts anscheinend wieder Leben eingekehrt war. Der Brauereibesitzer und seine Kajira waren nämlich wohlbehalten zurück von ihrer Reise. Lediglich San’s Nase sah etwas angedengelt aus. Während ihr Herr gemeinsam mit einem anscheinend befreundeten fremden Krieger den Staub der Reise mit Ale und Paga hinunterspülte, erfuhr ich, dass sie anscheinend eine etwas unliebsame Bekanntschaft mit einer Terrorbond gemacht hatte… aber zum Glück war nichts gebrochen.

Nach und nach trudelten dann auch die restlichen Handelsreiserückkehrer ein. Der fremde Krieger äußerte übrigens gerade reichlich irritiert sein Unverständnis über die Freilassung einer Sklavin, denn er hatte inzwischen vom Brauereikrieger die Gründe für die Reise erfahren, als sich nun leider herausstellte, dass der nette Schmied unliebsame Bekanntschaft mit einer Pfeilspitze gemacht hatte… am Bein verletzt kam er nämlich mit blutdurchtränktem Verband angehumpelt. Dank Kanda und irgendeinem Pulver hatte er wenigstens kaum Schmerzen und auch der von mir servierte Kalana war bestimmt gesund, lief jedenfalls nicht gleich wieder im dünnen Strahl aus der Wunde heraus, obwohl er ihn ziemlich zackig hinunterstürzen musste. Weil seine Erstbehandlung anscheinend von einer fremden Heilerin durchgeführt worden war, drängelte ihn die jortssche Grüne jetzt nämlich zur Nachbehandlung in die Krankenstation, sodass der Schmied seinen Wein in einem Zug austrank und dafür ein erstauntes Kompliment von ihr erhielt.


Das Gespräch zwischen dem fremden Krieger und dem Händler wandte sich nun den in der Tahari lebenden oder doch nicht dort lebenden freien Frauen zu und ging mangels Interesse an dieser Spezies weitestgehend an mir vorbei. Schade fand ich nur, dass sich der Brauer noch um seine Kessel kümmern musste und der fremde Krieger das angebotene Gasthauszimmer ausschlug. Trotzdem wurden die Sitzkissen nicht kalt, denn nicht nur der Schmied gesellte sich wieder dazu, nachdem die Begutachtung seiner Wunde wohl ganz zufriedenstellend ausgefallen war, sondern auch mein Herr, der wider Erwarten früher zurück war und damit mein Kajiraherz einen freudigen Extrahüpfer machen ließ. Er hatte auf dem Rückflug anscheinend Rückenwind gehabt und nun natürlich Pagadurst, dem ich umgehend abhelfen durfte. 


Mein Herr war natürlich sehr erfreut darüber, dass der Händler und seine freigelassene Kajira gesund zurück waren und Letztere anscheinend gute Geschäfte gemacht hatte, sodass sie sich nun wohl der Hoffnung hingibt, in die Händlerkaste aufgenommen zu werden. Selbstverständlich sprach er auch noch einmal seine Irritation darüber an, von dieser Reise und dem Termin kaum etwas mitbekommen zu haben, bevor die Stadt schlagartig wie leergefegt war, nachdem sich der Staub hinter dem letzten abgereisten Boskkarren gelegt hatte. Doch muss ich gestehen, dass ich bei dem nun Folgenden über angebliche Nichtunterstellungen, bei wem sich diese Freie sicher fühlt und bei wem nicht, und dass man sich Vertrauen verdienen muss, meine Ohren auf Durchzug stellte. Erst als die Frau, die sich doch tatsächlich in einer Pattsituation mit meinem Herrn wähnte und nun behauptete, er würde die ihre Freilassung betreffende Entscheidung ihres ehemaligen Besitzers nicht respektieren... eines Mannes seines Heimsteins.... horchte ich wieder auf.


Mal sehen ob es vielleicht hilft, dass mein Herr nun vor einem weiteren Zeugen, nämlich nicht nur erneut vor dem Händler, sondern zusätzlich auch vor dem Schmied wiederholt hat, diese Freilassung bei seiner Ehre, seinem Kodex und seinem Heimstein aus vollem Herzen zu akzeptieren.

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