Mittwoch, 1. April 2015

Nicht mein Tag

Es fing damit an, dass ich mich komplett verzettelte und mein Herr lange vor mir sein Haus verließ, um auf Rundgang zu gehen. Auch wenn ich später dann immer noch etwas neben der Spur war, raffte ich mich dennoch auf, denn ich wollte natürlich bei ihm sein. Ohne wirklichen Plan, wo und ob ich ihn überhaupt finden würde, schaute ich mich suchend um und entdeckte eine blonde Kajira, die sich neben der Schmiede herumdrückte. Da auf ihrem Kragen kein Name stand und sie mich als Bond bezeichnete, erkundigte ich mich nach ihrem Besitzer… vielleicht gehörte sie ja zu den Nordleuten vom Vortag. Doch dem war nicht so. Durch hartnäckiges Nachfragen erfuhr ich schließlich, dass die Blonde einem der jortsschen Krieger gehört. Was dieses Mädchen an meinem Namen sonderbar fand… ich hatte ihr erzählt, dass mein Herr mich meistens Kajira, Dina wenn es zu Verwechslungen kommen kann oder oft auch anders nennt… bekam ich nicht mehr heraus, denn ich hatte ihn inzwischen auf dem Marktplatz entdeckt und den Herrn der Kajira ebenfalls. 

Da ich mich nun beeilte, zu ihm zu kommen, war leider nur Zeit für einen kurzen Gruß des Schmieds und des Brauereikriegers, die sich anscheinend übers Zelten und Mobilschmieden unterhielten… glaube ich jedenfalls. Dem Besitzer der Blonden kam ich anscheinend ganz recht, denn merkwürdigerweise fragte er meinen Herrn gleich nach meinem Eintreffen, ob er mich für zwei Ehn entbehren kann, damit ich seiner Kajira die Schneiderei zeige. Tja, leider habe ich nur noch nie gewusst, wo sich die befindet, war dort nämlich noch nie gewesen und habe in der Oberstadt ja eh nichts mehr zu suchen… außer ich darf meinen Herrn auf einem Rundgang begleiten, der aber meistens auf die Stadtmauer führt und dann zum Tarnturm. Da er erstaunlicherweise jedoch selbst noch in die Oberstadt wollte, erklärte er sich bereit, das Mädchen mitzunehmen.

An der Kreuzung, an der es geradeaus zum Haus des Hauptmanns geht und rechts zum Ratssaal, begann er dann mit einer Oberstadtführung für Anfänger. Ab und an finde ich ja, dass meinem Herrn etwas Akademisches anhaftet, nämlich immer dann, wenn er mit dem Dozieren anfängt… so auch in diesem Fall. Leider hatte er bei seinen Erklärungen jedoch nicht bedacht, dass die Blonde zwar das rote Banner am Hauptmannshaus sehen konnte, aber keine Ahnung hatte, was ein Tarnturm ist. Naja, ein paar Dinge möchte ihr Herr, der ja ebenfalls Krieger und Tarnreiter ist wie meiner, seiner Neuen bestimmt auch gerne selbst erklären, denn jetzt ging es vorrangig doch nur ums Zeigen der Schneiderei. Dabei war es egal, ob sich das Mädchen das Sklavenhaus und das Händlerhaus merken konnte. Dies erschien mir sowieso fraglich, denn es ist eigentlich normal, sich anfangs in der Oberstadt zu verlaufen… das ging bislang allen Freien und Unfreien so, die neu in der Stadt waren.

Als wir schließlich vor der Schneiderei standen, wollte ich meinem Herrn eigentlich gestehen, dass ich dort zwar noch nie gewesen war, mir das Banner allerdings durchaus hätte auffallen können… falls ich auf dem Weg in den Ratssaal oder zum Altar mal zur Seite geschaut hätte. Leider hatte ich es meistens jedoch entweder ziemlich eilig gehabt oder musste zuletzt ein etwas störrisches Verr davon überzeugen, wie ehrenvoll es ist die Stufen hochzulaufen, um auf dem Altar den Priesterkönigen geopfert zu werden. Doch zu diesen Erklärungen erhielt ich keine Gelegenheit, denn kaum dort angekommen behauptete mein Herr einfach, dass ich schon bei der Schneiderin gewesen bin und verbot mir danach das Sprechen. Nagut… Freie haben immer Recht… es war ja wie gesagt eh nicht mein Tag… ich verstummte also und kniete nieder, denn die Aufmerksamkeit meines Herrn galt wieder der Blonden.

Leider zeigte sich das Mädchen wenig auskunftsfreudig und vergesslich. Sie wusste angeblich nicht, wie lange sie schon an der Kette ihres Herrn ist. Wie kann eine Kajira solch ein Erlebnis vergessen??? Die Krönung war allerdings, sie fragte meinen Herrn doch tatsächlich, warum sie zur Schneiderin sollte! So unsicher, wie sie ihn zuletzt aber anschaute, und zwar nachdem er ihr die Ehre eines leichten Poklatschers erteilt hatte, konnte man sogar fast glauben, sie ist noch von weißer Seide, denn ein wenig verklemmt wirkte sie schon. Viel spannender fand ich übrigens ihren verwirrten Gesichtsausdruck, als mein Herr sie zurück in die Unterstadt schickte… nämlich alleine! Vor allem ihre Frage „wo bitte ist links und rechts“ nach meiner wie ich fand sehr einfachen Wegbeschreibung „geradeaus... links... rechts… ein paar Stufen hinunter und dann durchs Tor“ hatte großen Unterhaltungswert… nur war die Kajira irgendwann tatsächlich nicht mehr zu sehen. Vielleicht sollte mein Herr seinen Kursus „Oberstadt für Anfänger“ noch mal überdenken? Doch diese Bemerkung verkniff ich mir selbstverständlich, denn es war ja wie gesagt nicht mein Tag.

Warum hätte mein Herr auch mein Aussehen bemerken sollen, wenn sein Augenmerk und vor allem seine Gedanken ganz woanders sind? Nachdem er sich zu meinem Erstaunen jedoch auf der Bank am Kaissabrett in der Oberstadt niedergelassen hatte, konnte ich nicht anders, als meinen Rücken etwas mehr durchzudrücken und wurde wenigstens mit einem grinsenden „ach, heute oben ohne…“ belohnt. Gedanklich war er anscheinend immer noch bei der Schneiderin, bestätigte mir aber dann, dass er die Frau immer ohne mich besucht hatte. Oh oh… bei seinen genauen Beschreibungen ihres unten befindlichen Ladens und der darüber liegenden Wohnung, in der er mit ihr „verhandelt“ hatte, dämmerte mir nun auch der Grund für seinen Weg in die Oberstadt und diese Bank. 


Zu spät, nämlich erst bei „Kajira rede keinen Unsinn“, wurde mir dann klar, dass mein Herr mir eine Frage zum Schutz einer Freien, der ein Strafkragen droht, gestellt hatte, auf die er überhaupt keine Antwort hören wollte und die sich sowieso erübrigte. Nach dieser Erkenntnis zog ich es vor, lieber zu schweigen oder wenn es nicht anders ging, mich bestenfalls vage zu äußern… hinterher ist man schlauer. ;-)

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