Donnerstag, 30. April 2015

Nicht wie immer

Es war Mitte der Hand und somit wie immer Waffentraining. Da mein Herr also demnächst Richtung Wiese aufbrechen wollte, war ich jedoch total glücklich, dass seine Wache an diesem Tag etwas früher geendet hatte, sodass er noch etwas Zeit hatte, um ein wenig auf seiner Bank vorm Haus auszuruhen und die Aussicht über Stadt und den Hafen zu genießen, während ich vor ihm kniete. Insgeheim wünschte ich mir natürlich, dass die Anzahl der trainierenden Krieger für das an diesem Tag geplante Flaggentraining zu gering war und sich das Training auf relativ kurzes Schwertfuchteln auf der Wiese beschränken würde. Später stellte sich jedoch heraus, das jede Menge Krieger zum Training erschienen waren, mein Wunsch ging also leider nicht in Erfüllung… doch damit muss eine Kriegerkajira nun mal leben und das kann ich auch.

Ganz und gar nicht wie immer war an diesem Tag übrigens, dass netter Besuch vorbeikam. Es war der Schmied, der sich nach dem Befinden meines Herrn erkundigte. Im Gegensatz zu meinem Herrn hatte er anscheinend etwas länger gebraucht, bis Odins Blut seinen Kopf wieder verlassen hatte. Kein Wunder eigentlich, denn zu dem recht frühen Zeitpunkt, als mein Herr schwankend seinen Heimweg in Angriff nahm, hatte das Metfass noch eine ordentliche Menge von Odins Zeug enthalten und der Schmied hockte ja genau daneben, sodass er sein Horn einfach immer nur wieder einzutauchen brauchte. Da Odins Blut wohl tatsächlich nicht ohne ist, zumindest nicht bei großem Durst und komplizierten Ahnenvorbereitungen, hatte er im Gegensatz zu meinem Herrn etliche Hörner später anscheinend den Kampf mit seinen vielen Haustüren verloren… zumal er ja leider auch mich nicht hatte, die ihn sicher durch eine davon hindurch bugsiert hätte.


Nachdem sich die Herren noch ausgiebig über die Auswirkungen anderer Saufgelage ausgetauscht hatten und wie sehr Stahlhelme scheppern, wenn man mit ihnen gegen nicht vorhandene Türöffnungen läuft… die Erfahrungen der beiden Männer waren übrigens erstaunlich ähnlich… fiel meinem Herrn ein, dass er seinem Freund Grüße von einem Kollegen aus der Kaste der Metallhandwerker aus Enkara bestellen sollte, über die der Schmied sich offensichtlich sehr freute. Mein Herr betonte natürlich sofort, dass er nicht fremdgegangen war, sondern den Schmied aus Enkara dort nur zufällig getroffen hatte. Beim Erwähnen seines Tarnflugs dorthin, kam ihm übrigens ein ganz anderer Tarnreiter in den Sinn, nämlich die Kaissa-Spielfigur und weil mein Herr dieses anspruchsvolle Spiel gelegentlich gerne spielen mag, war es nur logisch, dass er sich erkundigte, ob der Schmied vielleicht ebenfalls Kaissa spielt, was aber leider nicht der Fall war.

Kurz bevor mein Herr dann zum Waffentraining aufbrechen musste, kam die Sprache erneut auf die bald bevorstehende Abreise des Schmieds, sobald er nach dem Heimsteinschwüren der Händlerinnen wieder einen klaren Kopf hat. Probleme mit dem Kopf werden meinen Herrn nach dieser Feier sicherlich nicht gefährden, denn er muss schon wieder auf eine längere Patrouille und ist daher nicht an seinem Heimstein, kann also weder an der Zeremonie noch am anschließenden Umtrunk teilnehmen… sehr bedauerlich, aber nun mal nicht zu ändern. Irritierend fand ich , dass der Schmied überlegt, nach der Rückkehr von seinen Ahnen den Schmiedehammer nicht wieder in die Hand zu nehmen und sich etwas anderes zu suchen, vielleicht sogar im Baugeschäft. Mir war natürlich sofort klar, wer möglicherweise dahinter steckt. Doch das geht mich selbstverständlich nichts an, zumal es einer Kajira eh nicht zusteht, über Freie zu urteilen… meine Gedanken und Gefühle kann mir aber trotzdem niemand nehmen. Und ob ein Mann durch Gefährtenschaft überhaupt in eine hohe Kaste wechseln kann, habe ich zwar noch nie gehört, geht mich jedoch ebenfalls nichts an.

Nicht wie immer war gestern übrigens auch, dass ich einfach ungefragt auf dem Marktplatz bei San stehenblieb, während mein Herr mit den anderen Kriegern zur Trainingswiese strebte… vermutlich beschäftigte er sich gedanklich inzwischen schon mit Schwertfuchteln, sodass ihm mein Fehlen nicht mal auffiel. Mich interessierte nämlich, wie die Sache mit dem Überraschungsragout am Vortag ausgegangen war und erfuhr von San, dass ihr Herr und der Hauptmann zwar überlebt, allerdings nicht erraten hatten, wer im Essen verarbeitet worden war. Ach ja, das Urteil des Hauptmanns über das Ragout war „zäh“, obwohl er eigentlich hätte froh sein müssen, dass die Urt unter dem Teppich im Gasthaus immer noch lebt… San hatte nämlich Mitleid mit dem kleinen Viech gehabt.


Hach, endlich mal wieder etwas Tratsch, denn es ist für Kajirae natürlich sehr wichtig, sich ab und an über Freie auszutauschen… z.B. über Schutzmaßnahmen gegen grobmotorische Veranlagungen, die ab und an erfreulicherweise aber auch in Wuscheln übergehen oder lächerliche Verbote wegen möglicherweise geschmolzener Gehirnzellen, vermutlich aufgrund von ständigem Helmtragen. Beim Thema Obhut, das San merkwürdigerweise nicht so ganz zu behagen schien, habe ich ihr natürlich vorgeschwärmt, wie toll ich es immer fand, wenn mich ein Herr in selbige genommen hat, weil ich mich dadurch nicht mehr so alleine fühlte. Der eine oder andere Kopfditscher ist dann auch gar nicht mehr so schlimm, zeigt er doch, dass ich nicht Luft bin, sondern wahrgenommen werde und bei angestautem Bewegungsdrang nützlich bin.

Ich hatte übrigens Glück, dass außer dem plötzlich und von mir leider vollkommen unbemerkt auftauchenden Herrn von San… ich hatte mich strategisch dummerweise etwas ungünstig platziert und ihn nicht aus der Brauerei kommen sehen… niemand mein Geplapper über behelmte Matschbirnen mitbekam und es daher ohne Folgen blieb. San bemerkte natürlich sofort meinen erschrockenen Gesichtsausdruck und beruhigte mich lachend, nachdem ihr Herr zum Training davongeeilt war: „Dina, mein Herr nimmt vieles nicht so krumm“, was ich wirklich bestätigen konnte… außer kalte Füße! Von der Bedingung ihres Herrn, mich nicht mit kalten Füßen an ihn zu kuscheln, wenn er mir manchmal befohlen hatte, seine Felle zu wärmen, wusste San übrigens nichts. Aber warum auch, ihm ist natürlich sehr schnell klar geworden, dass die Füße Rotseidener gar nicht kalt sein können! ;-))

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen