Dienstag, 28. April 2015

Odins Blut

Auf einem der Rundgänge meines Herrn, der logischerweise auch auf die Stadtmauer führte, ließ ich meine Blicke Richtung Unterstadt schweifen, während mein Herr er eine der Ballisten inspizierte. Dabei entdeckte ich zufällig den netten Schmied, der mit einem Horn in der Hand vor seinem Haus im Gras saß, neben ihm ein rotes Fass und machte meinen Herrn natürlich auf ihn aufmerksam. Mit „Kajira, der sieht ganz so aus, als ob er jemanden zum Mittrinken gebrauchen kann“ führte der Rundgang nun auf kürzestem Weg dorthin. Mein vorsorglicher Hinweis, dass es sich bei dem Inhalt des Horns sicherlich um Met handelte, also ein Getränk, mit dem mein Herr eigentlich eher auf Kriegsfuß steht, wurde von ihm jedoch mit der Bemerkung "aus Freundschaft tut man vieles“ einfach abgetan.

Erneut zeigte sich, welch eine Freundschaft die beiden Männer verbindet! Allerdings galt es nun erst einmal den Vorsprung von 3 Hörnern Met aufzuholen. Der gut gemeinte Hinweis des Schmieds, dieser Met kann einem schnell die Socken von den Füßen hauen… es war nämlich nicht irgendein Met, sondern ein dreimal so starker, ganz besonderer namens „Odins Blut“ aus roten Beeren, der nur zweimal im Jahr gebraut wird… wischte mein Herr einfach vom nicht vorhandenen Tisch, denn er trug ja Sandalen ohne Socken. Außerdem gab er sich beim Erwähnen der roten Beeren der Hoffnung hin, dass er von dieser Metsorte vielleicht nicht so viel braucht, bis es ihm schmeckt, da dieses Zeug eben viel mehr knallt, als der normale Met.

Mit dem Befehl „Kajira, nicht lange servieren… ich muss zusehen, dass ich hinterher komme!“ begann dann die Aufholjagd meines Herrn, bei der er mehrfach sein immer wieder neu gefülltes Horn in einem Zug leerte. Ok, anscheinend war diese Methode für einen Nicht-Met-Trinker mit einigem Rückstand vielleicht gar nicht so schlecht, denn mein Herr schaffte es tatsächlich, in relativ kurzer Zeit bis 3:4 aufzuholen. Die etwas undeutliche Frage seines Trinkpartners „na, dasch Zeusch haut rein, wasch?“ wurde auch prompt genauso undeutlich bestätigt „aiii, dasch keschelt!“, bevor sich ein kräftiger Met-Rülpser seinen Weg nach draußen bahnte. Selbstverständlich versuchte ich zwischendurch sowohl meinen Herrn, als auch den Schmied mit vollem rotseidenen Körpereinsatz ein wenig vom Saufen abzulenken, denn ich hatte natürlich Befürchtungen, dass ihre Köpfe irgendwann nicht mehr durch Türen passten. 

Doch leider gelang mir mein Vorhaben nicht so wirklich, auch wenn mein herausgerecktes Hinterteil bei meinem Herrn nicht unbemerkt blieb und mein zufällig verlorenes Gleichgewicht mit Landung auf dem Schoß des Schmieds, äußerst wohlwollend aufgenommen wurde. Leider wurde ich trotzdem weiter mit „Kaschiiraaa! Nisch schoooo lanschaaaam!“ angefeuert, die Methörner zu füllen, weil ein Nachteil bei Odins Blut wohl ist, dass man mit dem Trinken einfach nicht aufhören kann. Oder lag das an der Aussicht, am Morgen nach einem solchen Besäufnis angeblich den süßen Geschmack einer Kajira auf der Zunge spüren zu können, die eine ganze Nacht im Nadu auf dem Gesicht ihres Herrn gekniet hat? Egal, der Schmied hatte sowieso noch einen weiteren Grund für sein Gelage… oder sogar mehrere. 


Pure Unlust auf Arbeit rangierte an oberster Stelle, teilte er meinem Herrn lachend mit, bevor er ein weiteres gewaltiges Met-Bäuerchen von sich gab und dann mit ernster Miene hinzufügte, dass es um die Vorbereitung für ein Treffen mit seinen Ahnen ging, mit denen er anscheinend reden wollte. Oder ist diese Unterredung sogar ein Muss? Ich bin mir jetzt nicht mehr ganz sicher, denn in diesem Moment klatschte mir mein Herr plötzlich erneut übermütig auf den Po, sodass ich mich haltsuchend sehr eng an den Schmied drücken musste und logischerweise ziemlich abgelenkt war. Jedenfalls will er Richtung Norden aufbrechen, um in seinem ehemaligen Dorf auf einen Berg zu krabbeln, sobald sein Kopf nach der Feier zum Heimsteinschwur seines Mündels wieder klar ist. Ich glaube auch zu erinnern, dass der Herr dort auf dem Berg zusammen mit einem Priester seine Brüder erst verprügeln, danach mit ihnen reden und hinterher Kanda rauchen will… oder so.

Leider hatte mein Herr nach einiger Zeit immer noch ein Horn Rückstand hinter seinem Freund, sodass ich weiter reichlich mit Nachfüllen zu tun bekam, denn zu viel Luft in ihren Trinkhörnern gefiel beiden Männern ganz und gar nicht. Der Schmied erzählte meinem Herrn übrigens, dass er sich auf seiner Reise in den Norden ein Mittel erhofft, mit dem er das Tattoo auf seiner Brust entfernen kann. Obwohl ich mir sicher bin, dass ich meinem Herrn von diesem Zeichen erzählt hatte, erinnerte er durch den Metnebel jedoch nicht mehr, dass es für das Haus des Schmieds stand. Jedenfalls ist das Bild des Vogels für den Herrn inzwischen nur noch ein Bild ohne Bedeutung und soll weg. „Dasch kann die Grüne beschtümmmmt wegmaschen… Kaschira… hol die Medischa! Sach ihr, der Schmied hat nen Vogel, der weg musch… schnell!“ war trotz schwerer Zunge ein eindeutiger Befehl meines Herrn, der mich sofort zum Gasthaus sausen ließ, weil ich dort die Gefährtin des Hauptmanns zu finden hoffte. Das laut hinter mir ertönende „schtoooohoooopppp!“ des Schmieds ignorierte ich einfach.

Ich hatte tatsächlich Glück und obwohl der Hauptmann irgendetwas über zu viel Met von sich gab, sprang die Herrin sofort auf… hatte ihr aber auch mitgeteilt, dass es sich um einen Notfall handelte. Immerhin hatte der Schmied einen Vogel, der weg musste! Wobei ich auf dem Weg zurück der Grünen selbstverständlich nicht verschwieg, dass der Vogelbesitzer zusammen mit meinem Herrn im Gras ein Vogelgelage mit reichlich Blut abhielt, nämlich dem von Odin und beide inzwischen diverse Methörner intus hatten… also den flüssigen Inhalt natürlich nur, der seine kesselnde Wirkung bereits voll entfaltet hatte. Ich bin mir ziemlich sicher, die beiden Herren waren tatsächlich sehr erfreut, als ich mit der Medica im Schlepp auftauchte. Der Schmied begrüßte mich nämlich rülpsend mit „öh… Düna da bische ja wieder“ und mein Herr rief: „Meddischa! Der Schmied hat nen Voschel, der den Prieschterköschigen eschal isch... desch is nischt einschaf...“

Tja, irgendwie hatte ich es geahnt… die Herrin konnte und wollte nicht, weder sofort noch später, das Vogeltattoo von der Brust des Schmieds entfernen. Nachdem sie einen Vortrag über Echtheit, sich über Folgen klar sein und mit ihnen leben, medizinisch nicht vertretbare Eingriffe und vorprogrammiertes Kopfweh gehalten hatte und ich weiß nicht mehr was noch alles, mit dem sie ihre Ablehnung an diesem Notfall kundtat, der in ihren Augen sowieso keiner war, sondern nur Betrunkenheit, wies sie auch noch die Einladung zu einer kleinen Kostprobe Odins Blut von sich und zog Richtung Gasthaus von dannen, während sich die beiden Männer darüber stritten, ob der Schmied nun leidet oder nicht. Mein Herr rief der Herrin nämlich hinterher „Medischa, der Mann leischet… aber schag dem Hauptmann, dasch die Kriescher hier gerade den Auschgleich erringen!“ und sein Freund behauptete das Gegenteil „isch leide doch nischt… isch werde erscht leiden, wenn kein Blut von Odin mehr da isch!“

Puhh, zum Glück war mein Herr nicht sauer auf mich, nachdem der Versuch mit der Grünen total fehlgeschlagen war. Im Gegenteil, er lobte sogar: "Hascht du schehr gut gemascht, meine Scharlaschrrrote“. Einige Hörner und zotige Witze später, aber auch ziemlich verwirrenden Worten über Weglängen und Abzweigungen zu Ahnen, sowie einer sehr ernsten Ermahnung meines Herrn an seinen Saufkumpan „wenn du nisch wieder kommscht, dann komm isch da hin wo du hingehscht und tret dir in den Arsch! Du kannscht uns hier nisch ohne Schmied hocken laschen... kannschu doch nisch einfasch!“ rappelte er sich dann zu meiner Erleichterung etwas ungelenk zwar, aber mit einigen Mühen trotzdem hoch, um breitbeinig und leicht schwankend den Nachhauseweg anzutreten, den er tatsächlich ohne meine Hilfe schaffte. 

Einzig am Hang vor seinem Haus schwächelte er etwas und an der Haustür konnte mein Herr sich nicht entscheiden, welche der beiden Türen er diesmal nehmen sollte. Dafür schaffte er die Treppe ins Obergeschoss nach kurzem Anlauf mit wildem Schrei im Sturm und reckte oben angekommen seine Faust triumphierend in die Höhe. Was für ein Mann… sogar mit nicht gerade wenig Odins Blut in den Adern!!!

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