Freitag, 3. April 2015

Steine versenken

Anscheinend muss es ein Missverständnis gegeben haben zwischen dem Bauern und seinem Boten, der doch tatsächlich in der Stadt verkündet hatte, dass sich alle Männer zur 8. Ahn auf der Kriegerwiese versammeln sollten. Da mein Herr um diese Zeit Wache gehabt hatte, war dieser Aufruf für ihn natürlich nicht weiter von Interesse gewesen. Später stellte sich allerdings heraus, dass der Kriegerbauer offenbar so ungefähr die 17. Ahn gemeint haben muss. Mein Herr hörte nämlich auf einmal laute Kommandos, die von der Wiese herüberschallten. Um die Sicherheit seines Heimsteins besorgt, unternahm er selbstverständliche einen zusätzlichen Kontrollgang dorthin, auch wenn ihm eigentlich gerade der Sinn nach etwas anderem stand. Ein Krieger muss selbstverständlich Prioritäten setzen und nach dem Motto „erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ stellt er sein persönliches Vergnügen natürlich immer hinten an.


Wie immer war ich überglücklich, ihn begleiten zu dürfen, auch wenn sich schnell herausstellte, dass ich wenig tun konnte bei der anstehenden Aktion. Der Rat von Jorts Fähre hatte mittlerweile anscheinend erkannt, dass die merkwürdig bemalten Steine im Wald dem Heimstein nicht gut tun und entfernt werden müssen… darum ging es also. Der Bauer und Hauptmannsvertreter zog daher mit seinem dicken Boskbullen und einem Bündel Seile beladen in den Wald und der Schmied hatte diverse Eisenstangen dabei. Andere Krieger waren schon vor Ort und hatten bereits die Erde um einen der großen Steine weggegraben und auch den einen oder anderen Baum gefällt, sodass Richtung Wasserfall eine Schneise entstanden war. Die Steine sollten nämlich nicht zerstört und auch nicht den Priesterkönigen geweiht werden, um keine nordischen Götter zu erzürnen, sondern in die Tiefen des Sees vor dem Wasserfall versenkt werden.


Ich fand die ganze Aktion ziemlich spannend, hielt mich aber möglichst dezent im Hintergrund und beobachtete das Gewusel der Männer… der Bauer befestigte ein Seil um einen der Steine und zog ihn mit seinem Bosk weg. Der Schmied hebelte an einem anderen herum, allerdings mit Sinn und Verstand, denn er hatte sich für eine bessere Hebelwirkung vorher noch einen Baumstamm besorgt und ein weiterer versuchte seine Kräfte an einem der kleineren Steine zu messen, bei dem auch der eine oder andere Tritt dabei war. Mein Herr fasste für den etwas später eintreffenden Lederarbeiter das Gewusel der Männer eigentlich perfekt zusammen und gab das Brecheisen, das ihm der Schmied gerade in die Hand gedrückt hatte damit auch sogleich weiter: „Dein Kastenbruder redet nordisch, sagt zwischendurch aber was von lockern… du weißt bestimmt, was damit gemeint ist.“ Danach schaute er den beiden Handwerkern fasziniert zu.


Ich hielt mich ja wie schon gesagt etwas im Hintergrund und trat noch weiter zurück, nachdem der besorgte Schmied mich auf die Gefahr hinwies, dass einer der gelockerten Steine, der bei dem Gehebel der Männer mit ihren Brecheisen schon schmatzende Geräusche von sich gab, möglicherweise gleich wegrollen könnte. Besonders interessant oder eigentlich ziemlich irritierend fand ich dann die Überlegung, einen Stein erst aufzurichten, um ihn dann wegzurollen und konnte mir die Bemerkung nicht verkneifen, dass ich längliche Steine nicht hochkant, sondern lieber flach kullern würde. Zum Glück bekam mein Herr meine vorlaute Bemerkung nicht mit, da er gerade etwas abseits gegangen war und in seine Tarnpfeife hineingeblasen hatte, um Carolus herbeizurufen. Dennoch wurde ich zurechtgewiesen: „Dina, belehre die Herren nicht… das war schließlich ein Vorschlag vom Ersten Steinträger Jorts“. Puhh… die Priesterkönige müssen echt ein Einsehen mit mir gehabt haben, denn der Rarius konnte sich bei seinen Worten nur knapp das Lachen verkneifen.


Ein anderer Tarnreiter meinte übrigens, sein Tarn sei ein Kriegstarn und würde keine Steine transportieren, aber da hatte er natürlich nicht damit gerechnet, wie gut Carolus meinem Herrn gehorcht. Während der schlaue Schmied nun Überlegungen anstellte, warum man überhaupt einen der Steine mühsam gelockert hat, auf dem gar keine merkwürdigen Zeichen drauf waren und der Lederarbeiter die Frage stellte, wer überhaupt den Durchblick… ähmm… das Kommando bei dieser Aktion hatte, bekam ich doch noch etwas zu tun. Ich durfte meinem Herrn nämlich die Seile holen, mit denen er schließlich einen weiteren Stein per Tarn mit lautem Platschen im See versenkte… die solide Sattelanfertigung des Lederarbeiters hielt jedenfalls bestens… während die anderen Männer inzwischen schweißgebadet auf das Kommando „zugleich“ weiter am nächsten Stein herumackerten, bis dieser ins Kullern kam und ebenfalls im Wasser landete. Sie hatten sich übrigens doch noch auf „erst umkippen und dann rollen“ verständigen können.


„Gesehen, Männer? So macht das der Tarnreiter!“ war der lachende Hinweis meines Herrn nach diesem erfolgreichen und wenig schweißtreibenden Versenken, auf den der Kriegerbauer jedoch erwiderte, dass bei dieser Methode bald keine Seile mehr da sind. Tja, mit solch unwichtigen Details gibt sich ein Tarnreiter selbstverständlich nicht ab und schon gar nicht, wenn er mit seinem Eigentum noch anderes vorhat als Steine zu versenken. Da er wegen der Seile aber wohl doch ein Einsehen hatte, war „Dina komm“ ein Befehl, den ich mir nicht zweimal sagen ließ, sodass ich eiligst hinter ihm auf seinen Tarn krabbelte, bevor er freundlich „frohes Schaffen noch Männer“ rief und mit mir davon flog… erst die Arbeit, dann das Vergnügen… die Arbeit war für ihn jedenfalls getan.;-))

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