Mittwoch, 8. April 2015

Unruhe in der Stadt

Leider hatte mein Herr auch am nächsten Tag wieder einen sehr doofen Dienst erwischt. Ich glaube, wenn nicht ständig laute Rufe und irgendein merkwürdig klingendes, rollendes Bollern zu hören gewesen wären, hätte ich meine Nasenspitze nicht vor die Tür gestreckt und mich wahrscheinlich zuhause verkrochen. Selbstverständlich bin ich nicht neugierig, doch in diesem Fall ging es darum, mich über die eigenartigen Vorgänge in der Stadt zu informieren, um später meinem Herrn nach seiner Rückkehr davon zu berichten.

Die Quelle des Lärms war recht schnell geortet, denn kaum hatte ich den Marktplatz erreicht, musste ich mich auch schon an die Mauer vor der Schmiede drücken, damit mir der heftig rumpelnde Boskwagen des Bauern nicht über die Füße fuhr. Irgendjemand brüllte noch laut „Achtung!“ und ein anderer Herr vermutete, dass hier anscheinend gerade jemand seine Kutscherprüfung ablegte oder es zumindest versuchte. Der Schmied hatte seine Füße jedenfalls wohl auch nur durch einen beherzten Sprung zur Seite retten können, als der Wagen zuvor durch die engen Gassen der Oberstadt gefahren war, weil der Kriegerbauer der neuen Baumeisterin anscheinend eine große Warenbestellung für ein Fest oder so liefern wollte. Schade, ich hatte offensichtlich eine Menge Interessantes verpasst Außerdem blieb mir leider vollkommen unklar, wie ein solches Gefährt überhaupt in die Oberstadt gelangen konnte.

Während sich der Marktplatz nun zunehmend mit weiteren Freien füllte und gleichzeitig Überlegungen angestellt wurden, ob der Schmied als Zehenschutz gegen Zerquetschen durch schwere Wagenräder Stahlkappen für Stiefel anfertigen kann, rief der Hauptmann plötzlich meinen Namen und schnippte eindeutig mit seinen Fingern, sodass ich mich beeilte, in seine Nähe zu kommen. Wobei ich natürlich unter Berücksichtigung seiner Armlänge auf die nötige Distanz zu ihm achtete, denn ich kenne ja leider die unangenehme Neigung dieses Herrn zu fiesen Kopfpatschern. Er wollte merkwürdigerweise von mir wissen, warum ich mich an die Mauer gedrückt hatte und unterstellte mir doch tatsächlich zu lügen, weil er vermutete, dass ich etwas angestellt hatte. Pahhh… erstens sage ich immer die Wahrheit und außerdem hatte ich mich wirklich nur gegen die Mauer gedrückt, um nicht zerquetscht zu werden, als der schwerbeladene Wagen des Bauern an mir vorbei rumpelte. Zum Glück ignorierte die freigelassene Kajira aber seine Frage, was man mit Sklaven macht, die lügen.

Die Neuherrin war nämlich viel zu sehr damit beschäftigt, ihre demnächst anstehende Handelsreise zu organisieren, von der sie sich wohl nicht nur erhofft, sich einen Namen als Sklavenhändlerin zu machen, sondern auch gut zu verdienen. Bei allem Vertrauen, das ihr ehemaliger Herr anscheinend in sie setzt, muss sie ja trotzdem irgendwie beweisen, dass sie es wert ist, in die Händlerkaste aufgenommen zu werden, um vielleicht irgendwann mal auf einen Heimstein schwören zu können... wenn sie überhaupt frei bleiben will und sich nicht doch wieder unterwirft. Da offensichtlich ganz Jorts mit auf Reisen geht, was wohl auch der Grund für die Unruhe in der Stadt war, erkundigte sich der Hauptmann jetzt nach meinem Herrn. Zusammen mit dem Kriegerbauern soll er in dieser Zeit nämlich seine Augen besonders offen halten. Um mir möglichst keinen weiteren Kopfditscher einzuhandeln… was aber trotzdem nicht klappte… verkniff ich mir lieber die Bemerkung, dass ein Krieger seine Augen selbstverständlich immer offen hält. Die nun folgenden Überlegungen, wer wo auf welchem Wagen, ob bei dem Brauereikrieger oder ob doch noch bei dem Schmied Platz ist, obwohl dort ja auch sein Mündel mitfährt, gingen mangels Interesse dann weitestgehend an mir vorbei.

Aufgehorcht habe ich erst wieder, als der Schmied die Vermutung äußerte, mein Herr würde ebenfalls mitreisen und noch mehr, als der Hauptmann der „nun auf dem Weg zur Sklavenhändlerin“ vorschlug, meinen Herrn wegen meines Verkaufs anzusprechen. Bei ihren Antworten an den Hauptmann „ich gehe dem Krieger aus dem Weg, solang er sich nicht beruhigt“ und zum Schmied gewandt „du glaubst nicht ernsthaft, dass ich einen Krieger in der Eskorte brauche, der so auf mich reagiert oder? Von Schutz kann man da nicht reden, das ist mir zu riskant“ konnte ich mir dann ein belustigtes Grinsen nicht verkneifen, senkte aber schnell meinen Kopf, sodass dies der Freigelassenen zum Glück nicht auffiel. Ich bin nur gespannt, ob dem Schmied und dem Hauptmann die Ware dieser Frau tatsächlich zusagen wird, die sie ihnen auf der Reise zum Wärmen ihrer Felle in Aussicht gestellt hat. Zumindest der Schmied sah das wohl eher skeptisch, da er ankündigte, sich lieber an seinem Feuer wärmen zu wollen und die Favoritin des Hauptmanns scheint wohl eine Weiße zu sein.


Natürlich kam ich wie erwartet nicht drum herum, dem Hauptmann einen Stehpaga zu holen... den er dann allerdings auf der Bank vor der Terrasse im Sitzen trank... nutzte die Gelegenheit nach dem Servieren des Wassers für den netten Schmied dann aber, mich näher zu Letzterem zu knien, sodass ich endlich aus der grobmotorischen Reichweite des Hauptmanns heraus war und mein Kopf von weiteren Attacken verschont blieb, der inzwischen nämlich schon leicht brummte. Mit dem sich dazu gesellenden Händler wandten sich die Gespräche diversen Dingen zu, über die ich hier lieber Stillschweigen bewahren werde. Außerdem schweiften meine Gedanken sowieso zu meinem Herrn, während mich die so herrlich sanft meinen Nacken kraulende Hand des Schmieds auf eine sehr schöne Art ablenkte und tatsächlich ein wenig gegen meinen Brummschädel half… welch ein angenehmer Kontrast zu gewissen Kopfditschern!


Später auf der Terrasse gesellte sich übrigens auch die Tochter des Schmieds dazu und ich erfuhr, dass sie nicht seine Tochter, sondern sein Mündel ist, es gibt da also gar keine verwandtschaftliche Beziehung zu ihm. Wieso, weshalb und warum es zu dieser Vormundschaft gekommen war, erfuhr ich jedoch nicht mehr, stattdessen aber, dass die Nichttochter meine Hilfe beim Eincremen ihres Rückens benötigt. Hilfsbereit wie ich nun mal bin, sicherte ich dies selbstverständlich zu… aber natürlich nur, wenn mein Herr meine Dienste nicht gerade benötigt. Wobei sich die Herrin auf der Reise dann eh eine andere Kajira suchen muss, weil mein Herr ja nicht mitreist.

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