Dienstag, 19. Mai 2015

Der richtige Mann…

…oder doch kein Benimmlehrer?

Der Rundgang meines Herrn führte auch an diesem Tag wie fast immer zum Marktplatz, wo wir auf einige schwarz gekleidete Fremde trafen. Der Mann war mit nacktem Oberkörper sehr leicht bekleidet, während das Weib mit ihrem riesigen Umhang und der tief ins Gesicht gezogenen Kapuze wohl mehr Wärmebedürfnis hatte und außerdem nicht zu erkennen war. Es waren Händler oder eigentlich wohl ein handelnder Söldner aus irgendeinem Dorf im Norden, dessen Namen ich mir jedoch nicht gemerkt habe und die Tochter des Dorfvorstehers. Die neue, geschäftstüchtige Sklavenhändlerin hatte offenbar von irgendeiner Patsche dieses Dorfes mit einem Taluna-Stamm gehört und zwei der jortschen Krieger veranlasst, bei der Befreiung zu helfen. 


Die Nordleute blieben jedoch nicht lange, was bei einigen Heimsteinangehörigen von Jorts wohl nicht auf allzu großes Bedauern stieß. Die Männer waren zwar eigentlich ganz zivilisiert, die Frauen allerdings leider eher von der Sorte Katastrophe. So wie die Sklavenhändlerin nach der Abreise der Fremden ihre Augen verdrehte, war sie von dem weiblichen Teil der Besucher leicht genervt. Eines dieser Weiber hatte in ihrem Haus offenbar eine Tür zerstört, um den Gast der Sklavenhändlerin zu befreien. Die Übereifrige war anscheinend der Meinung gewesen, der Mann sei ihr Gefangener. Zum Glück wurde auch der sich anbahnende Ärger zwischen meinem Herrn und der Frau mit dem riesigen Kapuzenumhang durch die Abreise der Fremden hinfällig. 

Er war sich nämlich sicher gewesen… und ich übrigens auch… dass dieses Weib Waffen unter ihrem riesigen, schwarzen Gewedel von Umhang versteckt hielt und nicht ablegen wollte, obwohl die Stadtgesetze von Jorts dies verlangen. Sie behauptete einfach, die metallisch blitzenden Reflektionen, die zu sehen gewesen waren, kommen von einem Taschenspiegel, den sie auch hervorkramte, allerdings aus irgendeiner Tasche ihres Gewands. Die eigenartige Wölbung ihres Umhangs sei angeblich ihr Reisebeutel, den sie darunter auf dem Rücken trug. Wie gut, dass der sich bei andauernder Uneinsichtigkeit anbahnende Ärger, sich mit der Abreise dieser Fremden dann erledigte, denn die Stadtgesetze besagen nichts gegen Frauen mit Waffen, die gerade im Begriff sind abzureisen.


Nachdem sich das Gewusel der vielen Fremden, die mit dem Eintreffen der Sklavenhändlerin auf den Marktplatz geströmt waren, mit ihrer Abreise schließlich legte. Dennoch leerte sich der Platz am Brunnen vorerst nicht, denn inzwischen hatten sich weitere Bewohner dazu gesellt… darunter auch der Schmied. Er erkundigte sich beim Hauptmann, ob die Baumeisterin inzwischen Bescheid weiß. Doch das war wohl noch nicht der Fall, weil sich die Herren Ratsmitglieder nicht ganz einig waren, wer von ihnen den meisten Charme für diese Aufgabe besitzt. Nicht weiter verwunderlich also, dass mein Herr sich nun interessiert danach erkundigte, worum es überhaupt ging. Er vermutete in der Charme-Diskussion nämlich einen Zusammenhang mit dem Antrag dieser Herrin, auf den Heimstein von Jorts schwören zu dürfen.


Damit lag er auch richtig, denn der Hauptmann erzählte nun, dass der Antrag vorerst wegen einer Fortbildungsmaßnahme der Baumeisterin vom Rat ausgesetzt worden war. Die Weiterbildung hatte allerdings nichts mit der Baumeisterkaste zu tun, sondern war als eine Art Erziehungsmaßnahme gedacht, die der Rat der Gnädigsten angedeihen lassen wollte, weil sie bei goreanischen Gesetzen und Grundprinzipien unter einigen Defiziten leidet. Der Ruf meines Herrn: „Ehre sei dem Rat der Stadt Jorts Fähre!“, war allerdings noch kaum verklungen, als der Schmied damit herausrückte, dass mein Herr als Lehrmeister der Gelben auserkoren worden war. Ausgerechnet mein Herr, der schon mehrfach bei dieser Freien angeeckt hatte?!

Ich riss vor Schreck meine Augen auf und schaute entsetzt zwischen dem Schmied und dem Hauptmann hin und her. Doch als nun sämtliche Freie anfingen zu grinsen, schmunzeln, kichern oder laut zu glucksen, wurde mir klar, dass der Schmied meinen Herrn auf den Arm nehmen wollte, was offensichtlich auch gelungen war. Erst kam nämlich ein erschrockenes „was???“, dann klappte meinem Herrn die Kinnlade herunter, während sein Kopf hektisch zum Hauptmann und dann zum Schmied pendelte, bis er zuletzt krächzte: „Das ist jetzt nicht euer Ernst… oder!? Ratsmitglieder... ich bin Krieger und Tarnreiter, aber doch kein Benimmlehrer für Baumeisterinnen! Ich verweigere das und außerdem bin ich mir sicher, wenn ich die Frau unterrichten soll, überlebt das einer von uns beiden nicht!!“


Letztendlich gab der Hauptmann dann aber zu, dass dies wohl doch keine so gute Idee und außerdem nur ein Scherz gewesen war. Er fand zwar immer noch, dass dieser Gedanke durchaus was hatte und will den Benimmlehrer für diese Weiterbildung vielleicht noch mal überdenken, aber einen innerstädtischen Krieg will er natürlich auch nicht. Nach „boah, da habt ihr mich aber eben aufs Korn genommen...“ und der Antwort des Schmieds „nur ein wenig, mein Freund… komm, ich gebe eine Runde Paga oder Kalana aus“, war das Thema dann durch und es ging gutgelaunt auf die Gasthausterrasse, wo mein Herr schließlich die Gelegenheit nutzte, um noch ein paar Details mit der Sklavenhändlerin wegen ihrer bevorstehenden Reise zu besprechen. ;-)

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