Dienstag, 12. Mai 2015

Paga-Arrest und Kriegerehre

Das Nachfolgende ist übrigens schon einige Tage her, denn es fand bereits vor der Vertragsunterzeichnung der beiden Händler statt. 

Ich hatte erwähnt, dass mein Herr wegen des Händlerersatzes im Rat der Stadt vom Hauptmann gebeten worden war, den Sattler solange auf Ratskosten mit Paga hinzuhalten, bis er vom Verteilen der vielen Einladungen für die Gefährtenfeier zurück ist und dass dies auch ganz gut funktioniert hatte. Mein Herr traf den gerade erst von einer Reise heimgekehrten Leder-Handwerker nämlich zusammen mit dem Schmied vor der Taverne, wo er ihm die aktuelle Situation darstellte. Dabei stellte sich heraus, dass der Lederarbeiter aufgrund seiner Reise tatsächlich von der vorübergehenden Nachbesetzung im Rat durch einen Mann aus der Handwerkerkaste noch nichts gehört hatte.

Obwohl die bereits erfolgte Zusage des Schmieds auf einem Missverständnis basierte… er hatte sich nicht wie vom Hauptmann vorgeschlagen, vorher mit dem Sattler abgestimmt… war dieser Ratssitz für den Kastenersten der jortsschen Handwerker dennoch kein Problem. „Schmied, du bist ja mein Vertreter, wenn ich nicht da bin… und wenn du bereits zugesagt hast, dann ist das jetzt so.“ Wow, eine wirklich kurze und schmerzlose Entscheidung! Ohne jede Wichtigtuerei war damit nämlich die Sache mit dem vorübergehenden Ratssitz, was ja wirklich eine ganz gewaltige Ehre ist, für den Sattler geklärt, da er keine Entscheidungen seines Vertreters zurücknimmt, sodass dieser nun seine Sinnkrise und die Reise zu seinen Ahnen vorerst aufschieben muss.

Eigentlich hatte sich damit auch das Hinhalten mit Paga erledigt, doch war natürlich nicht klar, ob der Hauptmann nicht vielleicht noch etwas ganz anderes mit dem Lederarbeiter besprechen wollte. Und da Freunde selbstverständlich füreinander da sind… vor allem, wenn einer von ihnen unter sowas Schreckliches wie einen solchen Paga-Arrest gestellt wird und darunter logischerweise ganz oberfürchterlich leidet, obwohl er eigentlich gar nicht weglaufen will… wurde es natürlich ein Umtrunk zu dritt. Eine gedrittelte Paga-Folter ist einfach viel besser zu ertragen. Ich schleppte also einen großen Krug Paga heran und mein Herr brachte den Trinkspruch: „Mit zwei Freunden bei gutem Wetter und kostenlosem Paga vor der Taverne zu sitzen… das ist Leben, Männer! Ta Sardar Gor!“ „Ta Sardar Jorts Fähre, möge die Stadt ewig bestehen und ihr Ruhm noch weiter steigen!“, kam prompt die Bestätigung, die natürlich mit dem nächsten Schluck Paga begossen wurde.


Leider spürte mein Herr nun anscheinend ein Jucken in seiner Schwerthand, das selbstverständlich heruntergespült werden musste, auch wenn es vor dem nächsten kräftigen Schluck Paga darum ging, dass möglichst bald ein Fremder eintreffen möge, mit dem er dieses Jucken bekämpfen kann. Nur logisch eigentlich, dass die Freunde meines Herrn ihn bei solchen, durchaus ernst zu nehmenden Symptomen, selbstverständlich beim Fortspülen selbiger unterstützten und auch nicht mit Ratschlägen hinter den Berg hielten… zur Beseitigung dieses Juckens empfahl der Sattler ihm schließlich übrigens die Wälder von Enkara. Er hatte dort wohl erst kürzlich gute Geschäfte mit zwei Talunastämmen gehabt, sich trotz Einladung zu ihrem Fest allerdings eiligst aus dem Staub gemacht, da andernfalls zu befürchten war, einen neuen Haarschnitt verpasst zu bekommen.

Über diese von Waldweibern für Männer bevorzugten, nach einhelliger Meinung der drei modebewussten Freunde allerdings wenig kleidsamen Frisuren, bestand bei ihnen jedenfalls große Abneigung. Tja, inzwischen waren auch die befreundeten Zungen vom Paga ganz gut gelockert, sodass der Schmied den richtigen Zeitpunkt gekommen sah, um für solche Fälle in Waldcamps seine Patentlösung zum Überleben zum Besten zu geben. Er war wohl irgendwann mal eine ganze Weile im Lager eines solchen Stammes „zu Besuch“ gewesen. In Anbetracht einer Horde nach einem Mann ausgehungerter Weiber, war der Ärmste zum Schluss verständlicherweise entsprechend ausgelaugt gewesen und sein bestes Stück einfach in Streik getreten, sodass die unbefriedigten Jägerinnen ihn töten wollten. 

Sein Trick war wirklich schlau. Den Tod vor Augen, bat er noch um einen letzten Wunsch und als dieser ihm gewährt wurde, wünschte er sich, vom hässlichsten und dümmsten Mitglied des Stammes getötet zu werden. Es funktionierte tatsächlich, denn ehe er sich’s versah, war er wieder frei. Welches Weib mag schon zugeben, hässlich oder sogar dumm zu sein… schon gar nicht diese im Wald lebenden Spezies! Auch wenn natürlich immer ein Restrisiko bleibt, grölten die drei Männer jetzt vor Lachen… Ravi und ich natürlich etwas verhaltener, wie es sich für Kajirae gehört. „Na, selbst wenn man dann doch stirbt, konnte man vorher wenigstens noch mal lachen... finde ich gut!“, war der Kommentar meines Herrn, bei dem mir dann das Lachen schlagartig wieder verging.

Selbstverständlich war meine Meinung dazu nicht gefragt und ich versuche ja auch wirklich, mich stets von meiner wohlerzogenen Seite zu zeigen und meine Klappe zu halten, wenn Freie sich unterhalten. Doch wenn es um den Tod meines Herrn geht, ist bei mir nicht nur der Spaß vorbei, sondern auch das Klappe halten. „Tot ist tot, auch wenn man vorher noch mal gelacht hat.“, konnte ich mir einfach nicht verkneifen. Immerhin gab mir der Sattler Recht, doch die Frage, als Gefangener notfalls zu knien, um zu überleben, war für meinen Herrn eine Frage seiner Kriegerehre. 

Es gibt für meinen Herrn nämlich Schlimmeres, als den Tod und Wichtigeres, als das eigene Leben. Mir ist zwar bewusst, dass sein Leben immer in Gefahr ist und ich weiß auch, dass seine Ehre als Krieger keine Waage niederdrückt, für ihn aber dennoch schwerer wiegt als Gold… trotzdem mag ich einfach nicht, wenn mein Herr so spricht und war daher ganz froh, dass er wenigstens über die Worte des Sattlers nachdenken wollte: „Unfrei ist man erst, wenn man als Sklave gezeichnet ist. Unter Gewaltanwendung vorübergehend knien, um den richtigen Zeitpunkt zur Flucht abzupassen, ist nichts Unehrenhaftes!“ 

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