Mittwoch, 20. Mai 2015

Plan A überlebt nie

Proviant und Gepäck war gepackt und auch mein Herr zeitig von seiner Wache zurück. Dem Treffen mit der Sklavenhändlerin zur vereinbarten Ahn stand also nichts mehr entgegen, nachdem mein Herr noch einmal sehr kritisch sein Schwert untersucht, den Bogen etwas nachgespannt und mir ein paar Verhaltensweisen eingeimpft hatte, die während seiner Eskorte auf der Handelsreise zu den Talunas in den Wäldern von Enkara wichtig waren. Er hatte sich inzwischen nämlich entschlossen, mich tatsächlich mitzunehmen. Die Kajira der Sklavenhändlerin hatte jedoch Pech, weil sie anscheinend irgendwo herumtrödelte, sodass ihre Herrin beschloss, sie zu Hause zu lassen.


Mit der Wilden klappte es allerdings auch nicht als Reisebegleitung. Die Sklavenhändlerin hatte das Mädchen eigentlich dem Sattler abkaufen wollen, um sich mit ihrer Freilassung einen Vorteil beim Handeln mit den Waldweibern zu verschaffen. Keine Ahnung, warum es nicht geklappt hatte… vielleicht war der Fang des Lederarbeiters inzwischen auch abgehauen oder er war mit seiner Rache an ihr noch gar nicht fertig. Aber egal, meinen Herrn schien dies jedenfalls nicht weiter zu erstaunen, da eine alte Weisheit der roten Kaste wohl besagt: „ Plan A überlebt nie.“ Die beiden fehlenden Mädchen hatten allerdings auch einen Vorteil… es war für mich auf dem Tarn um einiges komfortabler.

Die Händlerin, übrigens in praktischer Reisekleidung ohne langen Rock, bekam auf diesem problemlos verlaufenden Flug zwar den guten Platz hinter meinem Herrn, doch den quer vor seinem Sattel musste ich mir nicht eng zusammen gebunden und festgezurrt mit einer anderen Kajira teilen. Praktisch fand ich auch, dass nach unser Ankunft in Enkara das am Sattelgeschirr sicher befestigte Gepäck einfach auf dem Tarn blieb, sodass ich nichts mitschleppen musste. Nachdem mein Herr mich losgebunden hatte und auch die Herrin mit beiden Füßen wieder auf festem Boden stand, schickte er Carolus erst einmal fort zum Jagen und befahl uns, ihm zum Stadttor zu folgen, wo wir bereits erwartet wurden.


Wie ausgemacht, war der Schmied aus Enkara nicht nur zur Stelle, sondern auch reisefertig, um meinen Herrn und die Sklavenhändlerin zu einem Taluna-Lager führen. Ein ortsansässiger Händler ließ sich zwar von seiner Begleitung nicht abbringen, allerdings gelang es problemlos, ein Mitglied der hilfsbereiten roten Kaste von Enkara davon zu überzeugen, lieber doch nicht mitzukommen. Sein Angebot ehrte natürlich sehr die Freundschaft zwischen den beiden Heimsteinen, doch weder mein Herr noch die Sklavenhändlerin wollten bei den Waldfrauen den Eindruck erwecken, mit roter Kavallerie anzureisen. Andernfalls hätten uns nämlich weitere Krieger aus Jorts begleitet, doch hatte man dies als nicht gerade förderlich für die angestrebten Handelsbeziehungen angesehen.


In Rufweite vor dem Camp der Talunas angekommen, wies mein Herr die Sklavenhändlerin erneut darauf hin, dass ein Betreten des Lagers nicht in Frage kam und brüllte dann laut das Anliegen der Herrin durch den Wald in Richtung der hohen Palisaden, die zum Schutz um das Camp gebaut worden waren. Tja, es tauchte dort zwar ein Frauenkopf auf, nur rief die Jägerin leider zurück, dass jeder, der etwas will, sich mindestens bis zur Handelsglocke begeben muss. Mist, dort war leider eher wenig, bis keine Deckung… das erkannte sogar ich. Doch blieb meinem Herrn nichts anderes übrig, als die geschützte Stellung zwischen den Bäumen zu verlassen. Andernfalls wäre das Gespräch über eine Handelsbeziehung vermutlich gescheitert, bevor es überhaupt begonnen hatte und die Sklavenhändlerin hätte unverrichteter Dinge wieder nach Hause reisen können.


Nun zeigte sich aber zum Glück, dass unser Führer aus Enkara den Jägerinnen wohl ganz gut bekannt ist, denn die Begrüßung fiel sehr freundlich aus, nachdem mein Herr mit seiner zum Gruß erhobenen, unbewaffneten Schwerthand erneut seine friedlichen Absichten deutlich gemacht hatte. Schade war nur, dass sich das freundschaftliche Gespräch der Händlerin mit den Waldweibern plötzlich äußerst schwierig gestaltete und dann sogar unterbrochen werden musste. Aber ich erwähnte ja bereits, es kam anders als geplant. Eigentlich unfassbar, aber die Gruppe von Nordleuten, der die Sklavenhändlerin kürzlich bei einer Befreiung aus misslicher Lage geholfen hatte, war ihr unverständlicherweise bis vor das Taluna-Lager hinterher gereist, um ihr ein Geschenk zu überreichen.


Wobei man dieses Geschenk dann wohl eher als Strafe bezeichnen konnte. Nicht nur, weil sich die Waldfrauen mit Eintreffen der bewaffneten Nordleute in ihr Camp zurückzogen… was ich durchaus verständlich fand… sondern weil dieses Geschenk ein nackter Mamba mit gefährlich angespitzten Zähnen war, der in seinem gebrochenen Goreanisch etwas von Hunger auf rohes Fleisch knurrte und Anstalten machte, jeden zu beißen, der ihm zu nahe kam. Zum Glück lehrte ihn ein Seil dann aber anderes und der Schmied aus Enkara war bereit, auf diese tierische Menschengestalt aufzupassen. Dank einigem diplomatischen Geschick, wurde die Sklavenhändlerin die Nordleute schließlich doch noch los, ohne sie zu verärgern, um sich endlich ihrem Anliegen an die Waldfrauen in Sachen Sklaven zu widmen.


Das Interesse an einer langfristigen Handelbeziehung beruhte erfreulicherweise auf Gegenseitigkeit, denn für diese weitab von Städten lebenden Frauen, die gelegentlich auch über die eine oder andere Kajira mit oder ohne Kragen stolpern, war es vor allem erstrebenswert im Tausch gegen aufgegriffene Sklavinnen Eisenwaren und insbesondere natürlich Pfeilspitzen oder Stoffe zu erwerben. Der Pfeil, mit dem mein Herr ihnen die Qualität der vom jortsschen Schmied angefertigten Metallspitze gezeigt hat, verschwand übrigens fast umgehend im Köcher einer der Frauen. Doch damit hatte er selbstverständlich gerechnet. 

Erstaunlicherweise schienen die Waldfrauen auch großen Wert darauf zu legen, den Sattler wiederzusehen und konnten gar nicht verstehen, dass dieser in Anbetracht der unterschiedlichen Vorstellungen über seine Frisur, darüber wohl nicht allzu begeistert sein wird… aber mal abwarten. Da die ganze Zeit oben auf den Palisaden einige Bögen auf uns gerichtet waren, achtete ich übrigens darauf, mich etwas abseits zu halten und keinen Mucks von mir zu geben, um nicht unnötig aufzufallen. 


Mein Herr war jedenfalls ganz schön angespannt, auch wenn er versuchte, dies nach außen nicht zu zeigen. Doch alles ging gut und wir kamen wohlbehalten zurück nach Enkara. Nachdem die Sklavenhändlerin den Schmied für seine Tätigkeiten als Reiseführer und Mamba-Aufpasser bezahlt hatte, ging es mit dem Tarn meines Herrn weiter, der uns heil und gesund wieder zurück nach Hause brachte. 


Der Mamba wurde übrigens mit Seilen verschnürt, wie eine Last unter dem großen Vogel transportiert, was sein bissiges Gemüt wohl etwas abgekühlt hat… allerdings nicht genug. Als der Kennel am Hafen während der Fährüberfahrt über den Vosk immer näher kam, schmiss er wütend nämlich eine der Kisten ins Wasser. Es bleibt also spannend, was aus dem Geschenk der Sklavenhändlerin wird.^^


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