Freitag, 1. Mai 2015

Schwur mit Überraschung

Mein Herr war wie schon erwähnt an diesem Tag auf einer längeren Patrouille und konnte daher nicht an der Zeremonie zum Heimsteinschwur der beiden Händlerinnen teilnehmen, sodass ich mich schließlich alleine auf den Weg zum Ratssaal in die Oberstadt aufmachte, nachdem ich mich für diesen feierlichen Anlass etwas aufgebrezelt hatte. Den Schwur einer ehemaligen Kajira auf den Heimstein von Jorts wollte ich mir selbstverständlich nicht entgehen lassen. Irgendwie kann ich mir nämlich überhaupt nicht vorstellen, freigelassen zu werden und noch viel weniger, frei zu bleiben und auf einen Heimstein zu schwören. Es war zwar noch knapp eine halbe Ahn vor der Zeit, dieser Umstand für mich jedoch perfekt, um langsam in die Oberstadt zu trödeln und mir im Ratssaal einen unauffälligen Beobachtungsplatz neben einer der großen Pflanzen im Hintergrund zu suchen.

Eigentlich war bei meinem Eintreffen alles genau wie bei den vielen anderen Heimsteinschwüren auch, bei denen ich schon in Jorts dabei sein durfte. Der erste Händler stand nämlich in ein Schriftstück vertieft vor der massiven Anrichte, auf der demnächst der Heimstein liegen würde und erweckte wegen seiner bevorstehenden Rede erwartungsgemäß den für ihn typischen, angespannten Eindruck. Ungewöhnlich fand ich nur, dass der Hauptmann noch irgendetwas an der Kajira des Brauereibesitzers herumzutüdeln hatte. Doch schließlich trabte er eiligst los, um den kostbaren Stein aus seinem Versteck zu holen und auf dem roten Kissen auf der Anrichte abzulegen, bevor er ihn wie immer voller Konzentration mit der Hand am Schwertgriff bewachte. Nicht ungewöhnlich fand ich übrigens die offensichtliche Nervosität der ehemaligen Kajira, dafür war für mich die Ruhe ihrer Kastenkollegin jedoch umso erstaunlicher.

Nach einer kurzen Ermahnung des ersten Händlers an die sich ziemlich daneben benehmende Kajira der Baumeisterin, ging der Schmied zu den Händlerinnen, um beiden im Namen dieser Herrin irgendetwas zu überreichen. Leider konnte ich von meinem Platz aus jedoch nicht genau sehen, was es war. Ob es da einen Zusammenhang mit den bevorstehenden Schwüren der beiden Frauen gab, erschloss sich mir ebenfalls nicht, denn noch hatte ja gar nichts stattgefunden und Geschenke werden doch eigentlich erst hinterher überreicht? Aber egal, inzwischen wurden die großen, weit offen stehenden Türen des Ratssaals geschlossen und der Händler holte tief Luft, um mit seiner Rede zu beginnen. Er betonte darin logischerweise besonders, wie gut dieser Tag für seine Kaste ist, weil sie durch die beiden Händlerinnen zur zweitstärksten von Jorts Fähre wird… die Überlegungen der roten Kaste wegen der jetzt entstehenden leichten Schieflage zur Wiederherstellung des Verhältnisses von mindestens drei Kriegern auf einen Händler, hatte ich an anderer Stelle ja schon erwähnt.

Ich muss gestehen, dass bei den nun folgenden Worten des Redners über den Ruf von Jorts Fähre, den Zuwachs in der Händlerkaste sowie die hochzuhaltende Ehre des jortsschen Heimsteins meine Gedanken zu meinem Herrn auf seiner Patrouille abschweiften, denn solche oder zumindest sehr ähnliche Worte gehören nun mal zu Heimsteinschwüren immer dazu, genauso wie die Ermahnung, dass man seinen Heimstein nicht wechselt wie seine Kleidung. Interessant fand ich allerdings, dass sich nun vielleicht doch ein kleiner Unterschied zwischen einer in Freiheit Geborenen und einer Freigelassenen zeigte. Die von Geburt an Freie trat nämlich mit stolz erhobenem Haupt ohne zu zögern vor und legte als erste ihren Eid ab, nachdem die Freigelassene ihr höflich den Vortritt eingeräumt hatte. 


Ich konnte mir die Worte der Herrin zwar nicht merken, aber es waren schön formulierte Worte, mit denen sie beschrieb, wie sie in Jorts Fähre aufgenommen worden und ihr Entschluss gereift war, auf den Heimstein dieser Stadt zu schwören. Nach einer kurzen unerwarteten Unterbrechung durch eine Pilgerin, durfte auch die andere Händlerin ihren Eid ablegen. Sie stand ihrer Kastenschwester jedoch in nichts nach und wirkte auch kein bisschen nervös mehr. Im Gegenteil, mit ihren mit großer Sorgfalt gewählten Worten erweckte sie den Eindruck, als ob sie sich dem ihr vorbestimmten Schicksal nach einigen Irrwegen als Kajira gefügt und mit diesem Heimsteinschwur das Ziel eines ihr vorbestimmten Weges erreicht hatte. 

Danach sorgte sie übrigens fast für einen Wutausbruch bei dem ersten Händler… jedenfalls sah es so aus, als sein Kopf plötzlich herumruckte, nachdem sie laut in die Hände geklatscht hatte, um die Aufmerksamkeit der Anwesenden zu erlangen. Sein Gesichtsausdruck erstarrte dann nämlich zu Stein und erweckte zumindest bei mir den Eindruck, dass der Herr darum rang, den sich offensichtlich ankündigenden Wutausbruch in den Griff bekommen zu wollen, als seine ehemalige Kajira und neue Heimsteinangehörige laut rief: „Ach übrigens, in einer Hand gefährte ich den ersten Händler, natürlich sind alle herzlich eingeladen!“ 

Ein Lieblingsspruch meiner früheren Herrin… „einmal Kajira immer Kajira“… stimmt manchmal vielleicht doch nicht? ;-))

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen