Montag, 15. Juni 2015

Befreiungsaktion

Selbstverständlich hatte ich meinem Herrn nach seiner Rückkehr sofort vom rätselhaften Verschwinden des Sattlers erzählt. Daher passte es perfekt, dass wir am nächsten Tag vor der Terrasse auf das Erste Schwert trafen, bei dem er sich nun nach weiteren Neuigkeiten über den Verbleib seines Freundes erkundigte. Oh ja, es gab tatsächlich Neues, allerdings nichts Erfreuliches… der Lederarbeiter sei im Wald und wird dort auch bleiben, teilte ihm der Krieger mit und ergänzte: „Wir haben entschieden nichts zu unternehmen… keine Verhandlungen, keine Gnade. Er hat es so gewollt, nun muss er die Konsequenzen lernen… du kannst dich gerne opfern, aber du wirst der einzige sein.“


Ich glaubte falsch zu hören, hatten die Worte des Hauptmanns am Vortag doch noch ganz anders geklungen, ahnte allerdings wer „wir“ waren und warum „wir“ so entschieden hatten. Doch darüber hielt ich ungefragt lieber meine Klappe. Mein Herr runzelte ebenfalls ungläubig seine Stirn und konnte sich offenbar nicht erklären, warum der Hauptmann die Krieger untätig herumsitzen lässt, wenn anscheinend bekannt ist, wohin ein Heimsteinangehöriger entführt wurde. Das Erste Schwert schien sich darin nämlich auf einmal sehr sicher zu sein. Leider entwickelte sich das Gespräch mit dem immer wütender werdenden Krieger jedoch äußerst unschön, sodass mein Herr es schließlich abbrach, um seinen Kastenersten aufzusuchen. 

Ich hoffe nur, dass er die letzten gehässigen Worte, die ihm noch hinterher gerufen wurden, nicht mehr mitbekommen hat. Vor dem Haus des Hauptmanns in der Oberstadt angekommen, erkundigte er sich vorsichtshalber nur noch kurz: „Kajira, haben mich meine Ohren da eben getäuscht oder hat sich gerade tatsächlich ein jortsscher Krieger geweigert, einem Angehörigen seines Heimsteins in Not zu helfen?“ Leider musste ich dies jedoch bestätigen und konnte mir auch nicht erklären, woher quasi über Nacht die Information stammte, dass es eine Wilde der Arquanas war, die den Lederarbeiter entführt hatte. Der Hauptmann war jedenfalls nicht gerade erfreut, meinen Herrn vor seiner Tür zu sehen, ließ ihn dann aber brummend eintreten, um ihn zumindest anzuhören.

Oha, es ist wirklich erstaunlich, wie schnell aus unbestätigten Vermutungen auf einmal Tatsachen werden, nach denen „wir“ dann entscheiden, einem Bürger des Heimsteins von Jorts Fähre eine Lektion zu erteilen, indem man ihn im Wald lässt, weil er nach dem Motto „wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um“ selbst Schuld hat. Vom Hauptmann kam dieser Beschluss jedenfalls nicht, denn er wiederholte nun seine Aussage, ein bis zwei Tage abzuwarten. Sofern nach dieser Frist immer noch unklar blieb, wo der Sattler steckte, sollten Steckbriefe verteilt werden, denn Gor ist nun mal groß und ein Verschollener vergleichsweise klein. Außerdem betonte er, noch nie einen Bürger im Stich gelassen zu haben und dies auch zukünftig nicht zu tun. Na, das hörte sich doch ganz anders an, als die Gasthausparolen zuvor. 

Obwohl es weiterhin äußerst unlogisch erschien, dass der Lederarbeiter ein Waldweib in sein Haus gelassen haben sollte… außer sie war vielleicht nicht als solche erkennbar gewesen… konnten die Wilden im Wald von Enkara aus diversen Gründen, die mein Herr dem Hauptmann nun darlegte, durchaus eine Spur sein. Er schlug ihm daher für den nächsten Tag eine Aufklärung per Tarn vor. Doch letztendlich entschied der Hauptmann, nicht mehr zu warten, sondern sofort etwas zu unternehmen. Der Plan war, erst einmal festzustellen, ob an den hellseherischen Fähigkeiten des Ersten Schwerts etwas dran war. Sofern sich die Vermutung bestätigte, wollten der Hauptmann und mein Herr mit den Waldweibern über die Freigabe des Lederarbeiters verhandeln und sollten sie scheitern, notfalls Verstärkung holen. Ich bin zwar kein Krieger, fand diese Vorgehensweise aber sehr logisch und nachvollziehbar.


Der Flug mit dem Tarn nach Enkara verlief ohne weitere Vorkommnisse. Es war jedoch noch dunkel, als wir kurz vor Morgengrauen dort ankamen. Da sich die Dämmerung für eine möglichst unauffällige Aufklärung anbot, nutzte mein Herr die frühe Ahn gleich aus. Er setzte den Hauptmann und mich also nur schnell am Hafen ab und flog dann Richtung Wald davon. Ich versuchte mir natürlich nicht anmerken zu lassen, wie groß meine Angst war, er könnte gar nicht oder mit irgendwelchen Pfeilen gespickt als Grillspieß zurückkommen. Doch den Priesterkönigen sei Dank, meine Sorgen waren umsonst, auch wenn sein Gesichtsausdruck bei seiner Rückkehr sehr ernst war: „Hauptmann, ich konnte im niedrigen Überflug beim Schein eines Lagerfeuers einen Mann ausmachen, der aufgrund seiner Haare, Statur und so weiter unser Sattler sein könnte.“ Da das Lager einen ziemlich leeren Eindruck erweckt hatte, entschieden sich die beiden Männer zum sofortigen Aufbruch, um sich damit vielleicht einen Vorteil zu verschaffen.

Den Weg zum Camp hatte ich übrigens von der Handelsreise der Sklavenhändlerin noch vage in Erinnerung, versuchte ihn mir aber auch diesmal wieder so gut es ging einzuprägen. Möglicherweise scheiterten die Verhandlungen und die Aktion endete vielleicht in einer eiligen Flucht? Gor ist nun mal gefährlich und unser Fußmarsch war auch wirklich kein Spaziergang durch einen Park, sondern führte durch dichten, unheimlichen Wald und jede Menge Wildnis. Doch zum Glück erreichten wir das Tor unbehelligt, wo ich mich einigermaßen unauffällig hinter einen Baum verdrückte, um nicht als gut erkennbare, rot gekleidete Zielscheibe irgendwelche Pfeile ab zu bekommen. Ziemlich aufgeregt wartete ich dann in meiner Deckung, ob und was passieren würde, nachdem der Hauptmann die Handelsglocke geläutet hatte und war erstaunt, wie schnell eine der Waldfrauen am Tor auftauchte, um sich sein Anliegen anzuhören.


Falls das Lager immer noch so leer war, wie zuvor von meinem Herrn ausgespäht, erschien es mir ratsam, mich vorsichtig umzusehen, um möglicherweise rechtzeitig auf eine heimkehrende Gruppe Jägerinnen aufmerksam zu werden. Ich schaute vor allem auch in Richtung der Brücke, über die wir gekommen waren, denn egal wie gerne ich bade, der Bach sah aufgrund seiner fiesen Bewohner nur wenig einladend aus und ich verspürte keinerlei Neigungen dort nähere Bekanntschaften zu schließen. Trotz meiner Aufmerksamkeit erschrak ich jedoch, als plötzlich hinter dem Gewässer Waldweiber auftauchten, die uns merkwürdigerweise aber überhaupt nicht weiter beachteten, sondern nach einem freundlichen Gruß einfach hinter dem Tor verschwanden. 


Uff… mit dieser Gruppe war das Camp nun um einiges stärker besetzt und durch die Palisaden ja sowieso fast uneinnehmbar befestigt. Selbst ich erkannte jetzt, dass die Chancen meines Herrn und des Hauptmanns bei einem Kampf gerade ziemlich geschrumpft waren und schob mich daher ganz langsam weiter zu einem anderen Baum Richtung Brücke… eine Entscheidung, die sich als genau richtig herausstellen sollte. Inzwischen war nämlich das Handelsobjekt vors Tor geholt worden. Komplett nackt, aber bis auf einige Striemen anscheinend unversehrt und erstaunlicherweise auch nur an den Händen gefesselt, war der jortssche Sattler offensichtlich ziemlich erleichtert, meinen Herrn und den Hauptmann zu sehen. 


Tja… und dann ging alles auf einmal ganz schnell. Ich bemerkte, dass mein Herr seinen Kopf seitlich zum Hauptmann drehte, dann wieder Richtung Sattler schaute und plötzlich eine sehr eindeutige, rückwärtsgehende Kopfbewegung zur Brücke machte… dann rannten die drei Männer auch schon los, ich natürlich hinterher. Ich laufe nämlich grundsätzlich nie vor Freien und hatte mir für den Fall einer Flucht außerdem gerade überlegt, sollte jemand getroffen werden und auf der Strecke bleiben, dann doch besser eine unbedeutende Kajira wie ich… Hauptsache mein Herr und die anderen beiden Männer schaffen es. 

Aber oh je... was für ein Mist… von wegen mir den Weg merken!? Irgendwie sah jetzt plötzlich alles ganz anders aus als auf dem Hinweg!! In meiner Panik, den um mich herumfliegenden Pfeilen irgendwie auszuweichen, verlor ich total die Orientierung und bemerkte als Letztes nur noch, dass mein Herr sich plötzlich zurückfallen ließ, bevor ich im Unterholz und Dickicht landete. Erst später wurde mir dann klar, er hatte mir damit das Leben gerettet. Wie gut, dass das Fluchen neben mir im Gebüsch vom Sattler kam, der mindestens genauso orientierungslos war wie ich, sodass wir es nach einigem Herumirren schließlich gemeinsam schafften, nicht nur den Weg zum Hafen zu finden, sondern auch meinen Herrn und den Hauptmann… bis auf ein paar Schrammen und Kratzer waren wir alle unverletzt geblieben.


Ich gestehe, auf unserem Heimflug habe ich fest verschnürt, aber unendlich erleichtert auf dem Tarn meines Herrn ziemlich viel geschlafen. Da der große Vogel vier Personen nicht ohne Lastenkorb transportieren kann, entschloss sich der Hauptmann übrigens zur Rückreise per Schiff, denn den nur mit einer Unterhose und Weste meines Herrn bekleideten, ansonsten nackten Sattler sollte man so wohl lieber nicht unter Menschen lassen. Unterwegs erfuhren wir dann zum Glück, dass er sich nicht unterworfen hatte und auch nicht als Sklave behandelt worden war, sondern als Gefangener. Seine Entführerin war tatsächlich als freie Frau verkleidet gewesen und hatte einen Schleier getragen, sodass er sie nicht als das Waldweib erkannt hatte, das mal ein paar Tage seine Kajira gewesen war… ob er vielleicht etwas Nachhilfeunterricht in Sachen Hellseherei beim Ersten Schwert nehmen sollte?


Es war der Frau übrigens auch weniger um Rache gegangen, als vielmehr um das lederne Kleid, das sie bei dem Sattler auf seiner letzten Handelsreise in Auftrag gegeben hatte. Tja und weil sie sich ihm danach unterworfen hatte und eine Sklavin ja nun mal nichts besitzt, hat er ihr Kleid immer noch... oder hatte sie es bei seiner Entführung mitgenommen? Egal, die genaueren Umstände, die letztendlich zu einem Schlag auf seinen Kopf und der Entführung geführt hatten, ließen sich aufgrund der immer noch bestehenden Gedächtnislücke des Sattlers bis zu unserer glücklichen Landung neben dem Leuchtturm von Jorts Fähre einfach nicht klären. Aber eine Untersuchung in der Krankenstation musste vorerst auch noch warten, weil der Herr erst einmal seine Kleidung vervollständigen wollte… dabei fand ich eigentlich, dass ihm Unterhose und Weste meines Herrn ganz gut standen!


Da mit der Rückkehr des Hauptmanns erst später zu rechnen war, zog es meinen Herrn ebenfalls nach Hause, um diese erfolgreiche Befreiungsaktion mit einem schönen, von seinem Eigentum mit Hingabe servierten Paga zu begießen. Außerdem war es ihm wichtig, dass ich auf die Schrammen von den Pfeilen und meine sonstigen Kratzer etwas Heilsalbe strich, damit sich nichts entzündet. Diese Unwichtigkeiten mussten nach dem in einem Zug geleerten Pagabecher allerdings noch warten... oder sogar sehr lange noch warten, weil ich meinem Herrn vorher nämlich zeigen durfte, dass wir noch leben. „Langsam, meine Scharlachrote... ich bin aus diesem Wald gekommen, um genießen zu können.........“ :-)))

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