Mittwoch, 10. Juni 2015

Trubel

Während ich meinem vom Wachdienst heimgekehrten Herrn zur Begrüßung wie immer meine Lippen auf den Fuß drückte, kam mir in den Sinn, ob ich auch den Rekruten der Tarnstaffel auf diese Weise meine Demut zeigen soll, wenn ich an sie demnächst ausgeliehen bin. Eigentlich eine überflüssige Frage, denn auf diese Art begrüße ich nur meinen Herrn, die ihn jedoch etwas zu erheitern schien, denn er meinte breit grinsend: "Oh… ich denke die meisten werden eher wollen, dass du andere Dinge küsst." Damit hatte er natürlich vollkommen Recht, denn was Männer so mögen weiß ich ja.

Inzwischen waren seine Gedanken aber ganz woanders. Nachdenklich ließ er nämlich seine Blicke über meinen nackten Körper wandern und entschied, welches Nichts an Stoff er heute an seinem Eigentum sehen wollte, um so gerade eben und möglichst knapp irgendwelchem Gekeife freier Frauen aus dem Wege zu gehen. Außerdem gefiel ihm das Rot einiger Bänder besonders gut, mit denen ich mich schon am Vortag bedeckt hatte. Ich fand eigentlich, dass sie fast zu viel verhüllten, doch mein Herr war anderer Meinung und nur die zählt selbstverständlich und nicht die vollkommen unbedeutende, unwichtige seiner Sklavin. 

Da inzwischen lautes Hämmern zu uns drang, das eigentlich nur von der Schmiede kommen konnte, war die erste Etappe des Rundgangs meines Herrn also ziemlich kurz. Der mit nacktem, muskulösem Oberkörper herrlich anzusehende Metallhandwerker stand dort an seinem Amboss und traktierte glühenden Stahl mit einem großen Hammer. Allzu große Eile mit dem Fertigen dieses Rohlings zu einer neuen Klinge hatte er jedoch nicht, denn mit unserem Eintreffen versenkte er das Ding laut zischend in einem Eimer mit Wasser, um sich erst einmal einem kleinen Plausch mit meinem Herrn zu widmen.

Übrigens gab es nicht nur Muskeln am gut gebauten Schmied zu bewundern. Er hatte zum Anlernen als Schmiedehelfer nämlich den Kajirus der Sklavenhändlerin ausgeliehen. Dieser mit irgendwelchen Werkzeugen auf der Werkbank herumhantierende Mann sah mit nacktem Oberkörper ebenfalls nicht schlecht aus, schien aber noch ziemlich grün hinter den Ohren zu sein. Ich glaube so wirklichen Durchblick über das, was er da sortierte, hatte er wohl nicht und vor allem hatte er seinen Status noch nicht verinnerlicht. Auf die Frage meines Herrn, welchen Preis die Sklavenhändlerin für ihn bezahlt hatte, antwortete er nämlich: „Herr, so genau weiß ich es nicht... ich hatte bei den Verhandlungen nicht mitgeredet“ …und trug damit zur allgemeinen Erheiterung bei. 


Nun ja, es stellte sich heraus, vor seinem Sklavendasein war er ein reisender Händler gewesen. Dummerweise hatte er sich angemaßt, nur mit einem Dagger bewaffnet, einer Frau Geleitschutz geben zu wollen und das auch noch auf einem Spaziergang in einen ihm unbekannten, immer unwegsamer werdenden Wald. Schließlich fand er sich von Waldweibern umzingelt wieder, zu denen auch die angebliche Freie gehörte. Da ihm sein Leben lieb war, hatte er keinen anderen Weg gesehen, als sich zu unterwerfen. Das war natürlich etwas, mit dem mein stolzer Herr als Krieger und Tarnreiter mit sehr ausgeprägtem Ehrgefühl nur ganz schwer umgehen konnte und nun dem Kajirus versuchte klar zu machen, dass er nicht nur die Wahl zwischen Leben und Tod, sondern auch zwischen Ehre und Schande gehabt und Letztere leider gewählt hatte.

Vielleicht war es ganz gut, dass sich inzwischen diverse Freie in und vor der Schmiede dazu gesellt hatten. Der Versammlungsort Schmiede wurde bei so viel Trubel jedenfalls zu eng. Mit der Bekanntmachung des Schmieds: „So, heute ist hier geschlossen, wegen gestern und morgen… ich geh was trinken, wer kommt mit?“, war eigentlich nur noch gestern und morgen zu klären. Doch das war einfach, denn gestern, war gestern heute und morgen, ist morgen auch heute. Außerdem hatte der Schmied gestern keine Lust, heute aber auch nicht und morgen vermutlich einen dicken Kopf, denn die Getränke gingen auf ihn. Da dem nichts mehr hinzuzufügen war, begaben sich alle Freien auf die Gasthausterrasse, wo bald sämtliche Sitzkissen besetzt waren. 


Wie immer, wenn so viele Herrschaften zu bedienen sind, ist der Trubel ganz schön groß. Daher war es mir fast unmöglich, beim zusätzlich nun auch noch einsetzenden Schlürfen und Gurgeln von serviertem Paga, Ale und Kalana den durcheinander schnatternden Stimmen zu folgen. Ich erinnere daher nur, etwas über Stangenbohnen mitbekommen zu haben. Doch da der Krieger vom Hof anwesend war, liegt also die Vermutung nahe, es ging um etwas Landwirtschaftliches. Ach nee, ich glaube Schmuck wurde auch erwähnt.

Egal, ob es nun die Bohnen waren, die von Stadtmauern geschmissen werden sollen oder mies gelaunte Nordmänner, die möglicherweise mit geschmücktem Holz auftauchen, das ihnen von wo auch immer geliefert wurde, obwohl der Norden selbst genug davon hat, erschloss sich mir ebenfalls nicht und außerdem bekomme ich gerade vermutlich sowieso alles komplett durcheinander und sollte das Bohnenthema lieber lassen.

Als mein Herr sich vom Trubel der Gasthausterrasse beizeiten zurückzog, war ich jedenfalls nicht traurig. Es war ihm nämlich sehr wichtig, mir zuhause noch etwas über Weisheiten zu erklären, die nirgendwo geschrieben stehen. Doch darüber werde ich wie versprochen, selbstverständlich Stillschweigen bewahren. 

Eigenartigerweise erinnerte ich mich bei unserem Gespräch an ein Sprichwort von der Erde… alle Wege führen nach Rom… denn ich bin ja Barbarin. Meine Erklärungen dazu fand mein Herr aber wohl ziemlich unwichtig: „Kajira, erzähl mir nichts von Herkunft… du bist so goreanisch, wie die drei Monde selbst.“

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