Dienstag, 16. Juni 2015

Unterschätzt

Ich weiß nicht, was mich geweckt hatte. Während ich mich schlaftrunken umschaute, stellte ich leicht desorientiert fest, dass ich offensichtlich auf dem Teppich übernachtet hatte, vor dem Sitzkissen meines Herrn, der mich nun breit angrinste und dabei seine Ersatzweste anzog. Selbstverständlich fiel mir nun sofort die lange, wundervolle Siegesfeier am Vorabend wieder ein. Eng an ihn geschmiegt muss ich tiefenentspannt wie ich war zu sehr später Ahn wohl auf seinem Schoß eingeschlafen sein und bat ihn dafür natürlich umgehend um Verzeihung. „Ist schon in Ordnung, Kajira… ich hab gehört in Häusern von alleinstehenden Kriegern liegen manchmal nackte Kajirae auf dem Boden“, lachte er gutgelaunt und befahl mir dann, mir einfach nur ein Tuch um die Hüften zu binden, um ihn auf seinem Rundgang zu begleiten. 


Dieser Kleiderbefehl gefiel mir natürlich sehr, denn ich finde, am Körper der Kajira eines Herrn ist wenig Stoff meistens schon mehr als genug und bei so herrlich warmen Temperaturen sowieso. Nachdem ich das rote Tuch schnell so hingefummelt hatte, dass meine Hitze einigermaßen bedeckt war, ging es in die Unterstadt, wo sich vor der Brauerei ein kleiner Pulk Krieger versammelt hatte, sodass mein Herr die Befürchtung äußerte, einen Aufruf zu einem Treffen der roten Kaste von Jorts verpasst zu haben. Die Versammlung entpuppte sich jedoch als eine Zusammenkunft zum Karten Schieben. Obwohl mein Herr sich durch die Einladung zum Mitschieben selbstverständlich sehr geehrt fühlte, lehnte er jedoch ab, denn nach seinem kurzen Rundgang hatte er an diesem Tag noch etwas anderes vor……………… ;-)

Am folgenden Tag hatte er leider mal wieder eine längere Patrouille erwischt, auf die ich ihn nicht begleiten durfte, sodass ich mich alleine in die Stadt aufmachte, nachdem meine häuslichen Aufgaben erledigt waren. Vielleicht benötigte ja irgendjemand meine Dienste und es gelang mir nebenbei herauszubekommen, wer wem beim Kartenspiel am Abend zuvor den Sold aus der Tasche gezogen hatte? Aber als Erstes wollte ich beim Sattler vorbeischauen und mich dezent nach der ausgeliehenen Weste meines Herrn erkundigen. Leider war jedoch die Tür des Sattlerhauses geschlossen und im Haus alles so still, dass ich mich lieber unverrichteter Dinge wieder verdrückte… der Lederarbeiter hatte nach seinem Waldausflug vielleicht noch Schlaf nachzuholen?

Warum mir in den Sinn kam, mich in der leer geräumten Bäckerei umzuschauen, die eigentlich schon längst zum Bad umgebaut werden sollte, kann ich nicht sagen. Und warum ich mir eine kleine Pause gönnte und mich hinter einen der dicken gemauerten Pfeiler kniete, weiß ich auch nicht. Es war jedenfalls eine doofe Idee, dort auf ein Lebenszeichen aus dem Sattlerhaus zu warten, denn Untätigkeit macht sich bei einer Kajira nie gut und noch weniger, wenn sie dabei ertappt wird. Ein plötzliches „Buhhh!“ ließ mich nämlich erschrocken zusammenzucken. Zumindest bekam ich vor Schreck keinen Herzinfarkt, war aber trotzdem auf die Frage des Lederarbeiters, was ich dort tue, nicht vorbereitet. Ich antwortete also wahrheitsgetreu: „Herr, ich knie hier“, denn mehr tat ich ja nicht.


Oh Mist… ich hatte den Herrn wohl ziemlich unterschätzt, denn das war offensichtlich keine gute Antwort. Er packte jetzt nämlich mein Kinn und erkundigte sich mit gerunzelter Stirn gefährlich leise, ob ich ihn auf den Arm nehmen will. „Nein Herr, natürlich nicht… ich glaube, dafür bist du zu schwer“, war meine weitere total ehrliche Antwort, nach der ich fühlen durfte, dass mein Hinweis auf sein Gewicht leider genauso wenig erwünscht war. Sie wurde mit einer unangenehmen, aber zum Glück nicht allzu festen Ohrfeige honoriert, für die ich mich selbstverständlich aber bedankt habe. Puhh… nun war wirklich Ablenkung angesagt, bevor ich noch in richtige Schwierigkeiten kam. 


Um den Sattler möglichst schnell auf andere Gedanken zu bringen, erzählte ich ihm, dass ich ihn eigentlich wegen der von meinem Herrn ausgeliehenen Sachen hatte besuchen wollen. „Dina, du weißt, dass ich Kajirae mag, die nicht immer nur "Ja Herr" sagen. Aber ich mag nicht, wenn sie frech sind… komm mit, die Sachen deines Herrn hat Sinna bereits gewaschen.“ Eigentlich atmete ich nun schon erleichtert auf, doch irgendwie müssen die Nerven des Sattlers durch Entführung und Verletzungen wohl sehr dünn geworden sein. Mein vorsichtiger Hinweis, dass Sinna sich ja bestimmt mit der Behandlung von ledernen Westen auskennt, denn der Lederarbeiter hatte ja vom Waschen gesprochen, war anscheinend jedoch schon wieder zu viel. „Ja sicher, die Weste hat sie natürlich nicht gewaschen, Dina.“


Meine gestammelte Erwiderung, dass ich das auch gerade merke… das Leder war nämlich nach wie vor geschmeidig und weich, also nicht durch eine Wäsche bretthart geworden… und dass seine Sklavin ihm mit ihrem Wissen über Leder Ehre macht, führte letztendlich jedoch zu einer weiteren Ermahnung: "Du erinnerst dich bestimmt, an was ich dich eben erinnert habe, Dina… oder?" Oh menno, was hatte er denn nun schon wieder zu meckern… der Herr war wirklich nicht gut drauf! Meine Auskunft über die einwandfreie Funktion meiner Ohren und mein zumindest meistens gutes Erinnerungsvermögen fasste er… naja… ich sag mal, er fasste es irgendwie anders auf, als es gemeint war. 

Es folgte also eine weitere Sattler-Belehrung, diesmal mit unangenehmer Strafandrohung, nach der ich dann allerdings wirklich zusah, nach Hause zu kommen, ohne weiter zu hinterfragen, wieso der Herr sich ständig… von mir auf den Arm genommen fühlte, um es mal höflich auszudrücken. Draußen vor der Tür musste ich mir nach dieser Gratwanderung logischerweise erst mal Luft machen, schaffte es jedoch nur ansatzweise, da plötzlich ein Krieger neben mir auftauchte. Zum Glück gab der sich aber mit meinem schnell umformulierten Gestammel „das war… lehrreich… und der Herr Sattler ist… so wie immer….“ zufrieden und ließ mich mit der Kleidung meines Herrn von dannen ziehen.


Auf der Gasthausterrasse durfte ich mich kurz darauf als einzige zur Verfügung stehende Kajira noch ausgiebig nützlich machen, denn es gesellten sich immer mehr Freie dazu. Dabei erfuhr ich auch, dass das Erste Schwert am Vortag offenbar das Kartenspiel gewonnen hatte und nun freie Getränke für alle Bewohner ausgab. Doch ich will wirklich nicht murren und schon gar nicht, wenn ein Krieger mein hübsches Aussehen erwähnt, während er mich ausgiebig mustert, auch wenn ich mit dem Bedienen von drei Kriegern, dem Sattler, dem Schmied und der Hauptmannsgefährtin ganz gut zu tun hatte. Wobei der Hauptmann mit seinem Durst mindestens für zehn Freie zählte, da er sich einen Freipaga nach dem nächsten in den Hals goss.

Wegen der ständigen Nachschenkerei bekam ich nur halb mit, dass der Hauptmann anscheinend Kisten im Vosk versenkt hatte, in denen sich Nägel für die neue Wirtin befanden, sodass sie nun eine Weile nichts nageln kann. Ach nee, kann auch sein, dass er die Kisten beschlagnahmt hat… oder so. Ich war ja nicht nur durch das Heranschleppen von Getränken ziemlich abgelenkt, sondern auch von den ungewöhnlichen Varianten an Sympathiebekundungen des Hauptmanns, der es an diesem Tag mal nicht mit seinem typischen Patschen hatte, sondern viel feinmotorischer mit gezielten Kniffen an meinen Po, die Schenkel oder auch an meine Nase griff… man darf ihn eben nie unterschätzen. 

Was es genau mit dem Bau von Alarmstangen in der Unterstadt und der geplanten Beerensuche der Wirtin im Wald auf sich hatte, blieb mir jedenfalls weitestgehend unklar und die zickigen Bemerkungen einer Kajira über das Dienen, die offenbar keine Ahnung von Hierarchien hat, habe ich sofort wieder vergessen. 

Besonders wichtig ist jedoch, meinen Herrn über den heute anstehenden Umzug des Schmieds in ein anderes Haus zu informieren, bei dem jede helfende Hand gebraucht wird und vielleicht sogar ein Tarn, falls Georg… also der Bosk des Schmieds… es nicht schafft, den schwer beladenen Karren durch die engen Gassen der Oberstadt zu ziehen.

Hauptthema an diesem Tag mit reichlich Freigetränken war übrigens der ungewollte Ausflug des Lederarbeiters, der die Absichten einer Besucherin ja offenbar ganz gewaltig unterschätzt hatte und nun bereitwillig Auskunft gab, wie es aufgrund der vom Rat erlassenen Schleiervorschrift für freie Frauen dazu gekommen war.^^

1 Kommentar:

  1. Na, da bin ich ja froh, Dina. Nicht auszudenken, wenn ich zurückgekommen wäre und mein Herr noch immer bei diesen Waldweibern...
    Am Ende hätte ich gar für immer bei seinem Bruder und dessen trampeliger Kajira bleiben müssen :-(

    AntwortenLöschen