Freitag, 31. Juli 2015

Wissen… gefährliches Gut?

Der Rundgang meines Herrn war kurz und ruhig, also ohne irgendwelche Vorkommnisse und auch der Marktplatz um diese frühe Ahn noch nicht bevölkert. Sogar der Sleen von Wachoffizier hatte an diesem Tag ein Einsehen gehabt und zwar ohne die vom Ex-Mentor meines Herrn vorgeschlagene Methode, die ungefähr so lautete: „Rechte Brust täuscht an, dann die linke fest ins Gesicht drücken und das Knie zwischen die Beine…“ Danach würde der Wachoffizier platt liegen und nicht mehr wissen, wo oben und unten ist. Das Beste daran aber wäre, noch weniger kann er sich erinnern, wen er schon wieder zu einer besonders doofen Wache einteilen wollte.


Es war also alles perfekt für einen ruhigen Feierabend-Paga auf der Bank vor der Terrasse, den ich unter den mir wie immer durch und durch gehenden Blicken meines Herrn, zusammen mit einer ordentlichen Portion rotseidener Hingabe servieren durfte… es war nämlich weit und breit kein Rockzipfel irgendeines Weibs in Sicht. Obwohl mein Herr mir sehr sanft über den Arm strich, bevor er mir den Pagabecher abnahm und kurz mit seiner Hand an dem Stahl um mein Handgelenk spielte, wurde mir jedoch leider klar, dass seine Gedanken nicht ganz bei seinem Eigentum waren, sondern vermutlich bei dem Schmied und dem so überraschend aufgetauchten Wissenden. 

Und so war es auch, denn nach dem ersten Schluck Paga trug er mir auf, ihn daran zu erinnern, dass er wegen dem Wissenden unbedingt noch mit seinem Freund sprechen will. Die ganze Sache mit diesem hohen Herrn aus der weißen Kaste und dem jortsschen, ursprünglich aber aus dem Norden stammenden Schmied, der es wohl immer noch mit Odin und nicht mit den Priesterkönigen hält, jetzt aber merkwürdigerweise dazu erwählt wurde, ihren Willen zu einer besonderen Angelegenheit zu vermitteln, kam übrigens nicht nur mir komisch vor. Wobei ich mich aus solchen Dingen natürlich herauszuhalten habe und vielleicht auch irgendetwas nicht ganz verstanden hatte. Vielleicht würde sich einiges ja in dem Gespräch mit dem Schmied klären?

Doch diese Klärung musste noch ein wenig warten, da nun der Neffe des Hauptmanns mit der Schreiberin auftauchte. Die beiden hatten sich anscheinend größte Mühe gegeben, den Ruf der Herrin zu ruinieren. Der Frischling hatte anscheinend im Haus der Herrin Möbel gerückt und sich dabei den Tunikarock zerrissen, den das Weib ihm dann geflickt hatte. Oh oh, ich traute meinen Ohren nicht, denn ich weiß von keinem Krieger, der unter seinem Tunikarock nicht nackt ist. Als ehemalige Erste einer Sklavenhändlerin versuchte ich daher schon mal abzuschätzen, welche Kragengröße die Frau wohl hatte, denn sie war kurz davor zu knien. Mein Herr war ähnlich irritiert über dieses ordinäre Benehmen, erkundigte sich aber vorsichtshalber noch einmal, ob die beiden tatsächlich alleine im Haus gewesen waren. Ja, sie waren alleine gewesen, allerdings hatte die Tür offen gestanden…na toll, wie sittsam!

Sichtlich erheitert darüber gab mein Herr der noch Freien dann lachend den Tipp: „Ach, die Tür war auf, Schreiberin… lass das alles bloß nicht unser Erstes Schwert hören und sei froh, dass der Händler noch nicht von seinen Reisen zurück ist... dein Ruf wäre ruiniert!" Den Neffen bedachte er mit einem total ernsten Blick und erkundigte sich, ob er inzwischen genug über den Kodex der Krieger gelernt hatte, um zu wissen, was er in einem solchen Fall tun muss. Ehre, Ruf und Hals der Blauen hingen in natürlich äußerst eng zusammen. Tja, dumm war nur, dass der junge Krieger sich damit rausreden wollte, das Möbelrücken sei lediglich ein Training und sonst nichts für ihn gewesen.


Dabei erinnerte mein Herr sich nämlich, dass der Neffe am Vortag das Waffentraining geschwänzt hatte. Es stellte sich heraus, erst mit einer Freien rummachen wegen Umzug und so… dann mit einer griffigen Sklavin in der Taverne entspannen und so… dabei kann man schon mal die Zeit vergessen. Oh oh… nun wurde es spannend. Mein Herr trank seinen Paga aus, warf mir den Becher zu und stand auf. "Ai, na das ist natürlich was anderes... so als herausragender Schwertkämpfer kann man sich schon mal das Training sparen für eine Kajira....". Danach zog er sein Schwert und zeigte dem Neffen seine Schwächen auf, also wie wenig herausragend er mit dieser Waffe immer noch ist… mitten auf dem Marktplatz!

Während ich der inzwischen nach Luft japsenden Schreiberin schnell ein Wasser holte, rückte mein Herr dem Jungspund noch ein wenig den Kopf zurecht. So wie es aussah, würde dieser nämlich seine erste Mission niemals überleben, wenn er denn irgendwann überhaupt mal auf eine geschickt wird. Was die beiden Krieger zuletzt dann noch besprachen, bekam ich nicht mehr mit, weil mein Herr seine Stimme ziemlich senkte. Ich vermute aber, es ging um den Kodex der Krieger, von dem freie Frauen und Sklavinnen ja bekanntlich nichts wissen dürfen.

Als sich schließlich der Sattler zur Runde auf dem Marktplatz dazu gesellte, wandten sich die Gespräche dem Besuch des Wissenden zu, denn der Herr hatte bislang offensichtlich nicht mitbekommen, dass die Kaste der Handwerker von den Priesterkönigen gesegnet wurde, weil doch der Schmied von dem Weißen als Vertrauensmann in einer Angelegenheit des Sardar heimgesucht… ähmm… aufgesucht worden war. Die Irritationen sämtlicher Anwesenden, die davon noch nichts mitbekommen hatten, waren jetzt natürlich entsprechend groß, zumal die Erinnerungen an das schreckliche Inferno in Jorts Fähre, als sich die Priesterkönige das letzte Mal um die Stadt gekümmert hatten, nach über 5 Märkten immer noch sehr präsent sind.

Die Aufregung wurde logischerweise nicht geringer dadurch, dass auch die Kriegerkaste irgendwie in diese Sache involviert ist, weil es ja anscheinend um die Aufnahme eines Mannes in selbige geht. Leider war der von dem Wissenden ins Vertrauen gezogene Schmied jedoch nicht anwesend und niemand konnte sagen, ob er überhaupt in der Stadt ist. Die Gerüchteküche fing also entsprechend an zu kochen. Meine Information, dass ich den Schmied noch am Vortag aus dem Fenster gesehen hatte, als er zusammen mit seiner Gefährtin und dem hohen Herrn mit der Fähre den Vosk überquerte, half natürlich auch nicht weiter, sondern führte zu weiterer Besorgnis.

Kein Wunder eigentlich, dass nun die ersten Bewohner schon überlegten, ob es nicht besser ist, Jorts für einige Zeit zu verlassen, während andere sich den Kopf zerbrachen, was oder noch besser wen man am opfern sollte, um für gute Stimmung im Sardar zu sorgen und die Priesterkönige milde zu stimmen. Opfer sind natürlich nie verkehrt und mein Herr gehört vermutlich sogar zu denjenigen, die am häufigsten opfern, nur schaute der Sattler ausgerechnet mich jetzt äußerst nachdenklich an… ich war ja die einzige anwesende Kajira. Zum Glück bremste mein Herr seine offensichtlichen Überlegungen in Sachen Opfer aber sogleich mit: „Denk nicht mal dran, Sattler, plündere erst den eigenen Sklavenkäfig!“


Trotzdem passte es perfekt, dass genau in dieser Ehn der Schmied auftauchte, der jetzt natürlich sofort mit Fragen bombardiert wurde. Doch da der Wissende offensichtlich nicht gewollt hatte, dass eine gewisse Angelegenheit gleich an die große Glocke gehängt wird, trat mein Herr dicht neben seinen Freund und murmelte: „Lass uns gleich mal reden... gehen wir besser hoch zu mir?“ Die Begeisterung der Anwesenden für diese Vorsichtsmaßnahme war, um es mal verhalten auszudrücken, gemäßigt. „Ihr könnt uns doch nicht einfach hier stehen lassen!“ Doch… konnten sie und taten sie auch, denn Wissen ist ein gefährliches Gut, das nur maßvoll verteilt werden sollte! Deswegen werde ich auch Stillschweigen darüber bewahren, was mein Herr von dem Schmied erfahren hat. ;-)))

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen