Donnerstag, 6. August 2015

Die Pflicht ruft

Erschrocken riss ich die Augen auf und stellte fest, dass mein Herr nicht da war… hatte er mich länger schlafen lassen und war ohne mich zu seinem Rundgang aufgebrochen? Strubbelig wie ich war hastete ich ungekämmt, jeweils zwei Stufen auf einmal nehmend, schnell die Treppe hinunter. Puhh, ich hatte Glück und war nicht schon wieder alleine. In Gedanken versunken saß er auf seinem Kissen und war auch nicht sauer, dass ich seine Überlegungen störte, sondern lächelte mich nach meiner ziemlich stürmisch ausfallenden Begrüßung an. Wie toll, er war an diesem Tag sogar vom Wachoffizier verschont worden… dafür war Waffentraining. Mist, daran hatte ich ja nun überhaupt nicht gedacht und irgendwie sowieso nicht auf der Reihe, dass schon wieder Mitte der Hand war.

Selbstverständlich wollte sich mein pflichtbewusster Herr nicht vor dem Training drücken und scharrte außerdem schon mit den Füßen... zumindest kam es mir so vor. Ausfallen lassen kam außerdem schon deswegen nicht in Frage, weil er doch erst vor kurzem den Neffen des Hauptmanns wegen Schwänzens angemeckert hatte. Aber wenigstens blieben mir noch einige Ehn Zeit, um schnell von meinen Erste Hilfe Leistungen beim Schmied zu berichten. Doch nach einem kurzen Kommentar über „komische Nordsitten… Hauptsache er ist bald wieder fit“, hielt ihn dann wirklich nichts mehr vom Training ab. Offensichtlich mehr als die Verletzung seines Freundes interessierte ihn vor allem, ob sich der Frischling erneut lieber mit einer Kajira in der Taverne vergnügte oder dem Ruf der Pflicht folgen würde.


Oha, der Eifer des jungen Kriegers ließ an diesem Tag tatsächlich nichts zu wünschen übrig. Fast hätte er es sogar geschafft, vor meinem Herrn an der Wiese einzutreffen, der aber auch etwas zu früh dran war, da er sich ja ausgerechnet hatte, je eher heran, umso schneller ist er damit durch. Auch wenn ich den Kriegern immer gerne zuschaue, gefiel mir diese Überlegung natürlich außerordentlich gut, zumal mein Herr ja leider am nächsten Tag schon wieder zu einer längeren Patrouille aufbrechen würde. Während ich mich nun stumm ins hohe Gras kniete und die beiden Männer sich ins Schwertfuchteln stürzten, traf das Erste Schwert an der Trainingswiese ein. Der Krieger war offensichtlich so erfreut darüber, mich zu sehen, dass er mir noch sehr sanft, fast liebevoll über die Wange streichelte, bevor er sich nach unserem kurzen Plausch pflichtbewusst ebenfalls seinem Training widmete.

Tja, mit großem Bedauern wurde mich nach und nach klar, dass es mit einem frühen Ende des Schwertfuchtelns leider doch nicht klappte… im Gegenteil. Wobei es mir selbstverständlich fern liegt, mich darüber zu beschweren, dass mein Herr dem jungen Rekruten nach einigen Runden und etlichen Grasflecken, diverse Taktiken zur Beinarbeit und Abwehr mit dem Schild, Vor- und Nachteile je nach Laufrichtung zum Gegner, verschiedene Angriffstechniken mit Drehungen, Ausfällen, Rückzügen und, und, und erklärte. Ich habe davon jedenfalls nichts kapiert und mich meinen Gedanken nachhängend stattdessen lieber stumm dem Anhimmeln meines Herrn hingegeben, während eine Ehn nach der anderen verging. Später zu Hause erzählte er mir, wie schön er es gefunden hatte, den jüngeren Krieger auszubilden und dabei an seine eigenen Anfänge erinnert zu werden, als er außer seiner Unbeschwertheit, Ehre und Mut nichts hatte, jedoch genau wusste, wie viel er noch lernen musste.


Der Neffe des Hauptmanns machte sich jedenfalls ganz ordentlich und total motiviert wie er war, kapierte er wohl auch recht schnell. Es war diesmal nicht nur ein viel längeres, sondern auch ein ganz anderes Training als sonst. Der ehemalige Mentor meines Herrn sprach ihm sogar seine Anerkennung für das Erklären der Taktik aus. Leider ist zwischen Theorie und Praxis jedoch ein großer Unterschied und es ist es für jeden Krieger ein weiter Weg, wenn er vielleicht mal annähernd so gut kämpfen möchte wie der Ex-Mentor meines Herrn. Das bekam er nämlich beim Training mit ihm wieder zu spüren. Mein Herr ist seit dem Eintreffen des jungen Frischlings zwar nicht mehr der jüngste Krieger in Jorts, aber trotzdem immer noch der zweitjüngste, auch wenn er in den mehr als vier Märkten seit einem gewissen Klaps auf mein Hinterteil inzwischen viel dazu gelernt hat.


Plötzlich war leider sogar zu befürchten, dass das Training an diesem Tag noch einen Nachschlag bekommen könnte, obwohl es inzwischen reichlich spät war. Es schallten nämlich laute Rufe vom Hafen herüber, von denen außer „wir besetzen eure Stadt“ zwar nicht viel zu verstehen war, die aber nicht so wirklich wohlgesonnen klangen, sodass mein Herr und drei weitere Krieger mit grimmigem Gesichtsausdruck natürlich sofort Richtung Marktplatz davon stapften. Mir blieb nur hinterher zu laufen, mich aber weiter stumm im Hintergrund zu halten, um das Geschehen aus sicherer Entfernung zu verfolgen, denn man weiß ja nie. Doch zum Glück handelte es sich bei den Fremden um Händler mit freundlichen Absichten. Sie kamen aus irgendeinem Norddorf, dessen Namen ich mir allerdings nicht merken konnte und begaben sich nach kurzem Palaver mit dem Brauereibesitzer und einigen weiteren Bewohnern ins Gasthaus.

Zu meiner großen Freude gelüstete es meinen Herrn jedoch nicht auf die Terrasse, sondern nach einem häuslichen Paga... außerdem forderten seine vielen Wachdienste inzwischen wohl auch ihren Tribut. Vorher rief er allerdings noch kurz den jungen Rekruten zu sich und warf ihm breit grinsend eine Münze zu: "Nimm Frischling… sauf eine Runde Paga auf mich, die hast du dir verdient... aber gib auch den anderen etwas aus und verrate es deinem Onkel nicht!" Der Hauptmann kürzt dem Jungspund nämlich als Erziehungsmaßnahme ständig den Sold, sodass er sich Paga wohl nicht allzu oft leisten kann. Aber die Erziehungsmethoden dieses Herrn waren ja schon immer… naja.^^

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