Mittwoch, 5. August 2015

Doch kein Frei-Paga

Ein Menschenauflauf empfing meinen Herrn und mich, als wir den Marktplatz erreichten… die vielen Stimmen hatte man fast schon vor der Haustür hören können. Während wegen der zahlreich versammelten Krieger erste Überlegungen in mir keimten, ob womöglich etwas passiert war, wurde mein Herr von seinem ehemaligen Mentor mit der Vermutung begrüßt, dass auf dem Platz irgendwo ein Schild „Frei-Paga“ stehen muss. Mich allerdings begrüßte er lächelnd mit „grüß dich kleine Blume“… diese Bezeichnung passte jedoch nicht nur zu meinem Namen, sondern weil sich die Krieger an diesem Tag anscheinend zu einem Feldzug gegen… ja, gegen Blumen versammelt hatten. 

Es gab jedenfalls weder das vermutete Schild noch Frei-Paga und auch die Einladung des Sängergefährten entpuppte sich leider als Missverständnis. Stattdessen hatten sich etliche Blumenkrieger versammelt, um die Sängerin beim Pflücken von blühendem Grünzeugs zu bewachen, während ihr Gefährte das Wissen des Frischlings über den Kriegerkodex abfragen wollte, der ja bekanntermaßen vor Frauen geheim zu halten ist. Die Prüfung musste daher etwas abseits der im Gegensatz zur Stadt äußerst stark bewachten weiblichen Roben stattfinden. Grüne Versorgung bei Verletzungen war ebenfalls gewährleistet. Wobei die Medica nach einigen fehlgeschlagenen Hinweisen an den Neffen ihres Gefährten und zunehmend säuerlicher werdender Blicke, wohl kurz davor war, doch lieber zuhause zu bleiben. Ständig von dem Jungspund mit „Tantchen“ angesprochen zu werden, gefiel ihr anscheinend ganz und gar nicht.


Mein Herr wäre selbstverständlich gerne dabei gewesen, wenn der Neffe des Hauptmanns zu erklären versucht, dass er den Kodex verstanden hat. Aber einer muss sich selbstverständlich um die Sicherheit der Stadt kümmern und leider hatte der Sleen von Wachoffizier schon wieder ihn dafür eingeteilt. Aber mal abwarten, ich glaube so ganz beendet ist die Ausbildung des jungen Kriegers wohl noch nicht. Er wollte doch tatsächlich einem der Weiber ihren Korb tragen… allerdings mit der Linken, damit er im Gefahrfall mit der Rechten noch ziehen kann. Tja, offensichtlich hatte er nicht bedacht, wie er den Pfeil auflegen müsste, geschweige denn die Bogensehne spannen. In diesem Moment konnte ich mir ein erleichtertes Grinsen nur ganz schwer darüber verkneifen, bei diesem Feldzug der Blumenkrieger nicht dabei zu sein. Als einzige Kajira, hätte vermutlich ich den Korb schleppen dürfen… nun erhielt eine der Herrinnen diese Ehre, zumal in einer männerdominierten Welt wie Gor, sowieso kein Mann die Sachen eines Weibs schleppen würde.

Auf dem Heimweg stoppte mein Herr noch kurz an der Schmiede, um einen kleinen Plausch mit seinem Freund zu halten, der sich inzwischen in seiner Werkstatt zu schaffen machte. Anscheinend hatte er irgendetwas auf dem Schmiedefeuer am Köcheln und daher von den Blumenkriegern zur Bewachung der Grünzeug liebenden Sängerin nicht allzu viel mitbekommen. Wie so oft in letzter Zeit war der Schmied jedoch irgendwie sehr nachdenklich drauf und schaute mehrfach zur Esse hinüber, sodass mein Herr ihm schließlich grinsend die Frage stellte, ob er ein Eisen im Feuer hat. „Nein mein Freund, da im Feuer stirbt gerade ein Teil von mir“, war seine Antwort, die mich den Herrn nun sehr nachdenklich mustern ließ, zumal ich mir ja nicht sicher bin, ob Tod zu neuem Leben führt, auch wenn mein Herr meinte, dass man das so sagt.


Noch nachdenklicher wurde ich, als der Schmied plötzlich seinen Dolch zog, um ihn meinem Herrn mit dem Griff voran zu reichen. Er sollte ausprobieren, ob er gut in der Hand liegt. Mein Herr kam diesem Wunsch natürlich nach, hielt den Dolch prüfend in seiner Hand, lobte ihn nach eingehender Betrachtung der Klinge… und erhielt ihn als Geschenk! „Es ist der Dolch meines Vaters… nun ist es deiner… möge er dir dienen, wie er mir gedient hat“. Nicht nur ich war sehr erstaunt über dieses Geschenk, sondern wahrscheinlich auch mein Herr, der nun seinen alten Dolch aus der Halterung an seiner rechten Sandale zog, ihn gegen den neuen tauschte und seine alte Waffe dann dem Schmied reichte: "Danke mein Freund, nimm den hier und schmilz ihn ein, wenn du Material brauchst... der ist so alt, zu mehr taugt er kaum noch." Leider ahnte mein Herr nicht, was noch passieren würde.

Inzwischen nahte nun tatsächlich die Ahn der Wache und nachdem mein Herr aufgebrochen war, lenkte ich mich wie immer mit etwas Hausarbeit schnell von meinen leicht trüben Gedanken ab. Ich schüttelte u.a. auch eines der Felle sehr gründlich aus, was sich in Anbetracht der gewaltigen Staubwolke als bereits überfällig herausstellte. Ohje, dummerweise hatte ich in meinem Reinigungseifer jemanden am Voskufer übersehen und vermutlich mit Staub eingenebelt… ausgerechnet den netten Schmied! Peinlich berührt von meinem Missgeschick ließ ich das Fell sofort fallen und stürmte den Hang hinab, um mich schnell bei ihm zu entschuldigen. Im Nachhinein glaube ich allerdings, meine Stabwolke muss der Wille der Priesterkönige gewesen sein, denn ohne hätte ich bestimmt nicht mitbekommen, warum der Herr dort am Fluss war und hätte seine Verletzung nicht verbinden können.

Obwohl der Herr seine Hände hinter dem Rücken hielt und offensichtlich etwas vor mir verbergen wollte, entdeckte ich trotzdem irgendwann, dass von seiner rechten Hand Blut herunter tropfte… und zwar nicht wenig. Er war jedoch nicht beim Baden von einem der gefährlichen Wasserviecher angegriffen und verletzt worden, sondern informierte mich, er habe gerade das letzte Quäntchen seines alten Glaubens vernichtet und fügte nach meinem offensichtlich ziemlich verständnislosen Blick hinzu: „Dina, du weißt doch… mit Blut wird geschworen und mit Blut wird ein Schwur gebrochen“. Mist, nordische Götter hin und Priesterkönige her… warum musste er sich denn einen so tiefen, heftig blutenden Schnitt mit dem alten Dolch meines Herrn verpassen und das ausgerechnet auch noch, wenn die Grüne im Wald Blumen pflückt?!

Wie gut, dass ich in Erster Hilfe nicht ganz schlecht bin, auch wenn ich mich jetzt wirklich nicht loben will. Trotzdem war ich ziemlich zufrieden mit mir, dass dieser angeblich nicht schlimme, meiner Meinung nach aber tiefe Schnitt, mit dem mir der kernige Held in der Schmiede dann vorführte, wie man ihn ohne mit der Wimper zu zucken mit einem glühenden Schüreisen schließt, nicht mit einem dreckigen Reptuch umwickelt wurde, sondern mit einem sauberen Verband. Als Kriegerkajira habe ich nämlich schon vor längerem dafür gesorgt, dass ich mich um kleinere Verletzungen meines Herrn selbst kümmern kann und daher ist Verbandmaterial immer in seinem Haus vorrätig. 


Ich bin zwar keine Medica, aber Papperlapapp… Freie haben auch nicht immer Recht. Eine Kajira darf dies nur keinem Herrn unter die Nase binden und muss ihn glauben lassen, er sei ganz alleine auf die Idee mit dem Verband gekommen. Bei dieser Schnittverletzung habe ich jedenfalls nicht klein beigegeben und es mit einer Mischung aus energischem und besorgtem Zureden schließlich geschafft, dass der Schmied sich auf die Bank setzte, sodass ich seine Wunde so gut ich konnte versorgen und sauber verbinden konnte… mal sehen, ob nun auch noch mein Rat befolgt wird, sie am nächsten Tag in der Krankenstation der Grünen zu zeigen? ;-)

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