Sonntag, 2. August 2015

Verworrene Wege voller Kreuzungen

Mein Herr saß wie so oft auf seiner Bank vorm Haus und eröffnete mir mit leiser Stimme, nachdem er sich noch einmal sorgfältig umgesehen hatte: „Hör zu, Kajira... wegen der Sache neulich, die wir außerhalb des Hauses nicht besprechen. Ich war beim Hauptmann, der zwischen zwei Patrouillen gestern in der Stadt war und...............“ 

Tja, ist es nun eine Ehre, vom Hauptmann die Vollmacht erhalten zu haben, mit dem Wissenden zu verhandeln oder nicht? Ich bin mir da nicht so sicher. Aber mal abwarten, die nächsten Tage werden über dieses geheimnisvolle Anliegen des Weißen vielleicht etwas mehr Klarheit bringen. Naja, Klarheit bringen? Mir vermutlich nicht, aber ich bin auch nur eine Kajira, die sich aus solchen Dingen herauszuhalten hat, was ich selbstverständlich auch tue. Mein Herr betont zwar immer, dass mein Platz an seiner Seite ist, aber falls er den Eindruck bekommt, dass der hochkastige Herr offener spricht, wenn ich nicht dabei bin, dann wird er mich wegschicken… damit muss ich leider rechnen. 

Immerhin durfte ich dabei sein, als er sich auf die Suche nach dem Schmied machte, der ja als Bote für den Wissenden fungiert. Doch leider stieß sich mein Herr in der Oberstadt die Nase an der verschlossenen Haustür seines Freundes, der ja vor kurzem dorthin umgezogen ist. Wobei man dieses Bollwerk von Tür, das auch einem Stadttor Ehre machen würde, eigentlich fast nicht als Haustür bezeichnen konnte. Aber egal, der Schmied war jedenfalls nicht zuhause und in seiner Werkstatt auch nicht. Also weiter suchen... vielleicht weiß der Bettler am Hafen mehr?

Mein Herr befürchtete inzwischen, sein Freund war vielleicht abgereist oder noch auf Reisen, da er ihm am Vortag… oder ich weiß gar nicht so genau wann, weil ich zum Reinigungsdienst im Tarnturm eingeteilt gewesen war… eine Nachricht für den Wissenden hatte zukommen lassen. Doch wir hatten Glück und trafen ihn am Hafen, wo er sich mit irgendwelchen Objekten im Weitwurf übte, die er mit leisem Platschen im Vosk versenkte. Sein Botengang zum Wissenden war bereits erledigt und somit eine Last weniger auf den Schultern des zu bemitleidenden Schmieds. Er schleppt nämlich noch eine andere Geschichte mit sich herum, die wohl sehr schwer auf ihm lastet. Es hat etwas mit seiner alten Heimat zu tun, aber auch mit seinem Clan und den nordischen Göttern.


Ich glaube, mein Herr tat jetzt etwas, was man nur in einer solchen Situation für einen Freund tun kann. Er hörte ihm eine Weile zu, trat schließlich ganz dicht an ihn heran und hob seine rechte Hand mit dem Handrücken nach außen auf Brusthöhe. Der Schmied erkannte diese Geste der Freundschaft sofort und schlug ein, während mein Herr ihm auf den Rücken klopfte. "Freund, dein Weg ist beschwerlich, doch du gehst ihn nicht alleine… der Weg zu den Priesterkönigen ist der richtige." Mit entschlossener Stimme erwiderte der Schmied: „Meine Wege sind neue Wege, auch wenn die Wege der Götter verworren und voller Kreuzungen sind.“ „Wege der Götter“ wurde aber natürlich noch in „Wege der Priesterkönige“ korrigiert. 

Mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen war eigentlich wie fast immer, allerdings ergänzte ich ihn an diesem Tag mit einem kleinen Zusatz: „Mögen die drei Monde deinen Weg, mein Herr, stets hell erleuchten… und den deiner Freunde auch.“;-)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen