Donnerstag, 17. September 2015

Medizinisches Fachkauderwelsch

Ich war echt total gut drauf und konnte einfach nicht anders, als nach einem nur für Kenner sichtbaren Muster… zu denen ich natürlich gehöre… übermütig von einem Fuß auf den anderen, von Stein zu Stein über das Pflaster des leeren Marktplatzes zu hüpfen. Doof war nur, dass ich vor lauter Übermut dazu auch noch ziemlich schräge gesungen habe und dies in meiner guten Laune vermutlich viel zu laut. Vom Hafen kommend versprerrte mir der dicke Baum in der Mitte des Platzes nämlich ein wenig die Sicht Richtung Gasthaus, sodass ich die Sklavenhändlerin auf der Bank davor viel zu spät bemerkte. Doch die Herrin nahm meine hastig gestammelte Entschuldigung lachend an und zeigte großes Verständnis nach meinem Hinweis, warum meine frühere Herrin in Sachen Gesangsunterricht nie etwas unternommen hatte… jeder Tarskbit wäre echte Geldverschwendung gewesen.

Auf der Gasthausterrasse tobte übrigens mal wieder der Sleen und die Kissenschlacht um die besten Sitzkissen war wohl gerade erst abgeebbt, nachdem das Waffentraining zu Ende war. Es mussten also entsprechend viele Kehlen mit Flüssigkeit versorgt werden. Wobei ich als Servierverstärkung immer gerne mal aushelfe, weil nebenbei gelegentlich die eine oder andere mehr oder weniger interessante Neuigkeit zu erfahren ist. An diesem Tag lernte ich jedoch ganz unerwartet eine mir bis dahin gänzlich unbekannte, neue Vokabel, obwohl mein Goreanisch nach etlichen Märkten auf diesem Planeten inzwischen wohl ganz passabel ist. Beim Hauptmann „wobbelte“ es nämlich und er kündigte für den nächsten Tag seinen Besuch in der Krankenstation zum „Entwobbeln“ an… es musste sich also um medizinisches Fachkauderwelsch handeln, nur was hatte er?

Natürlich bin ich immer noch genauso wenig neugierig wie sonst und hielt selbstverständlich meinen Mund, auch wenn mir meine Wissbegier fast die Lippen verbrannte. Doch Geduld zahlt sich oft aus und wohlerzogen wie ich bin, musste ich auch gar nicht lange wie auf heißen Kohlen zwischen dem Hauptmann und seiner Gefährtin knien. Die Gespräche wandten sich nämlich den mittlerweile begonnenen Massenuntersuchungen zu und der Hauptmann äußerte nach seinem wie so oft geexten Paga plötzlich den Wunsch, jetzt am liebsten noch ein extragroßes Bosksteak püriert zu bekommen, um es zu trinken. 

Oha, nun wurde alles klarer, aber gleichzeitig begann ich mir auch Sorgen um den Hauptmann zu machen… „wobbeln“ war tatsächlich etwas Medizinisches und musste mit seinen Zähnen zu tun haben, die womöglich nicht in Ordnung waren und deswegen… naja, ob sie locker waren und wackelten? Der Bauer schien übrigens genauso besorgt wie ich über den Gesundheitszustand des Hauptmanns zu sein, denn er betonte, selbst wenn er krank wäre, würde er Steak nie als Paste trinken wollen.

Aus dem Augenwinkel sah ich zwar, dass die gegenüber am Tisch sitzende neue Grüne mit einer Hand herumfuchtelte, um damit vielleicht irgendeine Fliege oder was auch immer zu verscheuchen, konzentrierte mein Augenmerk aber weiter auf den kranken Hauptmann, zumal er mir inzwischen bereits das zweite Mal in mein Hinterteil gekniffen hatte. Aha, wenn er unter „Wobbeln“ leidet, ist anstelle Kopfpatschen also Kneifen angesagt! Aber ok, vermutlich hatte ich ihm zuvor beim Servieren des Wassers für seine Gefährten meinen Po etwas zu sehr entgegen gestreckt, sodass er dieser Einladung nicht wiederstehen konnte. Doch die Kniffe waren Nebensache, denn ich wusste ja leider immer noch nicht genau, was nun mit seinen Zähnen los war, ob sich seine Beißer tatsächlich gelockert hatten?

Irgendwann hielt ich es dann tatsächlich nicht mehr aus und bat die Gefährtin des Hauptmanns ganz leise, ihr eine Frage stellen zu dürfen… wegen püriert und so und natürlich wegen meiner Sorgen um den armen Hauptmann. Die Herrin bestätigte leider meine Vermutungen. Zu den Untersuchungen gehören auch die Zähne und zusätzlich nickte sie, als ihr mein nach dieser Eröffnung überaus besorgter Blick zum Hauptmann nicht verborgen blieb. Damit war also endlich klar, „Wobbeln“ ist medizinisches Fachkauderwelsch und eine dezente Umschreibung für lockere, wackelnde Zähne. 

Offensichtlich muss ich in meinem schrecklichen Mitleid mit dem armen Hauptmann leider mal wieder zu laut gedacht haben, denn mit obergiftigen Stinkeblick herrschte er mich plötzlich an „Dina, was ist locker?“ und zog mich dann bei meinem Herumdrucksen mit festem Hauptmannsgriff näher zu sich, um mich kräftig durchzuschütteln. Übrigens sahen seine Zähne dabei aus, als würden sie im Gleichtakt hin und her wobbeln, also wirklich locker sein. 

Oh Mist, Mist, Mist! Ich wand mich wie eine Ost, denn ich konnte den Hauptmann doch nicht auf der gut besuchten Terrasse vor den anderen Herrschaften bloß stellen, zumal er sich doch gerade vorher noch so viel Mühe gegeben hatte, sein Gesundheitsproblem zu umschreiben! Tja, nur muss ich eingestehen, ich habe komplett versagt… es mit Anschmiegen, bezirzenden Blicken, herzergreifendem Plinkern und sogar mit Schmollmund versucht, obwohl Schmollen ja überhaupt nicht mein Naturell ist… glaub ich jedenfalls.

„Rede jetzt endlich Klartext Dina, sonst rede ich mit deinem Herrn!“, war seine letzte Drohung, bevor er der neuen Grünen dann anbot, dass sie sich an mir für Erinnerungsexperimente und sonstige Tests in der Krankenstation bedienen kann. Naja, obwohl mir bekannt ist, dass er meistens auf rotseidenes Getue eh nicht so steht, war ich trotzdem verzweifelt. Auch mein Gesäusel über seinen männlichen Geruch, der besonders nach dem Training doch immer so betörend ist, und dass ich mich nur deswegen einfach nicht mehr daran erinnern konnte, was ich zuvor gerade gedacht hatte, hätte ich mir sparen können.

Oh ihr Priesterkönige, bitte rettet mich, denn ich bin wohl verloren! Ich muss meinem Herrn nämlich ausrichten, dass der Hauptmann mit ihm über meinen Gesundheitszustand sprechen will... eine ganz schreckliche Vorstellung! Die neue Grüne hat er sogar schon aufgefordert, mit seiner Gefährtin einen zeitnahen Termin für meine Untersuchung auszumachen!! Grrrrrrr… dabei bin ich kerngesund, bestens ernährt und habe gute Zähne, steh nur zu meinem großen Elend doch seit mehreren sehr unschönen Erlebnissen mit äußerst merkwürdigen Behandlungsmethoden vollkommen unschuldig auf Kriegsfuß mit allen Grünen!!! 


Wenigstens wurde ich danach aus seinem festen Griff entlassen und der Hauptmann erlaubte mir nun bestens gelaunt und voller Vorfreude auf meine Untersuchung, mich zurückzuziehen. Mir war zwischendurch nämlich nicht entgangen, dass das Gespräch des Ersten Schwerts mit der Sklavenhändlerin vermutlich seinem Ende zuging und wollte dem Krieger auf meinem Weg nach Hause unbedingt noch das Einverständnis meines Herrn ausrichten, mich für die Bestandsaufnahme der Lebensmittelvorräte zur Notversorgung der Bewohner auszuleihen. Beim Preis musste ich allerdings passen, aber so großzügig wie mein Herr immer ist, werden sich die beiden Krieger darüber bestimmt einig werden. ;-)

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