Dienstag, 24. November 2015

Die Zeit läuft


…denn leider sind es inzwischen nur noch wenige Tage, bis mein Herr tatsächlich als verschollen gilt und ich vermutlich Eigentum des Hauptmanns werde.

Der Hauptmann war irgendwo draußen und da sich seine Gefährtin hinlegen wollte, verließ ich eilig sein Haus, um sie nicht zu stören. Außerdem war es mir wichtig, zuhause vorbeizuschauen, denn sollte mein Herr inzwischen zurückgekehrt sein, wunderte er sich bestimmt, dass ich nicht da war. Leider gestaltete sich mein Vorhaben jedoch etwas anders als geplant. Ich traf auf dem Weg zum Stadttor nämlich den Hauptmann, der mich nach meinem freundlichen Gruß nicht einfach nur lautstark anbrummte, sondern mir die Frage stellte, ob ich mich schon entschieden hatte. Ohje, natürlich wusste ich genau, dass es um einen Buchstaben ging, an den er vermutlich „ita“ anhängen will… ein für mich wirklich oberdoofes Thema, das ich vorerst noch verdrängt habe. Ganz fest glaube ich einfach immer noch daran, dass mein Herr zurückkehren wird.

„Dina, wäre es nicht sinnvoll, schon mal darüber nachzudenken? Sechs Tage sind schnell vorbei!“ Ein eigentlich vollkommen überflüssiger Hinweis, denn meine vier Lieblingsbuchstaben und auch ihre Reihenfolge sind für mich überhaupt keine Frage. Selbstverständlich weiß ich, dass eine Sklavin kein Anrecht darauf hat, überhaupt einen Namen zu bekommen und auf einen so schönen, wie den einer Blume, sowieso nicht. Ich werde meinem ersten Herrn auf ewig dankbar sein, dass er mich Dina nannte, mich mit einer Dina gebrandet hat und mir zusätzlich noch unter die Haut meiner Schulter eine Blume zeichnen ließ, die er selbst entworfen hatte. All meinen Besitzern nach ihm bin ich ebenfalls dankbar, denn ich durfte immer diesen Namen behalten, sodass ich mir wirklich nichts anderes vorstellen kann. Einzige Ausnahme ist ein für ganz besonderer, mit dem mein Herr mich ruft, wenn wir alleine sind.

Zum Glück wechselte der Hauptmann das Thema, bevor mir meine Bockigkeit zum Verhängnis wurde. Er erkundigte sich, ob ich zuhause abgeschlossen habe. Natürlich hatte ich das nicht, denn mein Herr schließt sein Haus nie ab… nur die Haustür darf nicht offen stehen, was mir in meiner Eile manchmal schon passiert ist. Doch in Anbetracht der kürzlich gefassten Diebe, fand der Hauptmann das Abschließen sehr wichtig. Er trug mir auf, dies nachzuholen und bei der Gelegenheit noch drei einfache Tuniken zu holen. Ich gestehe, inzwischen hörte ich nicht mehr richtig zu, denn mir fiel komischerweise prompt der geheime Platz für einen Beutel meines Herrn mit sehr wertvollem Inhalt ein, obwohl ich den eigentlich immer wieder sofort vergesse. Wegen der Diebstahlgefahr berichtete ich jetzt dem Hauptmann davon und sauste schließlich nach seinen Worten „harta Dina, den deponieren wir im Kriegerhaus, da ist er sicher… ich warte auf dem Marktplatz auf dich“, eilig davon.

Mist, der ziemlich wertvolle und daher nicht gerade leichte Beutel lenkte den Hauptmann bei meiner Rückkehr leider nicht von dem roten Stoffberg ab, den ich möglichst kompakt zusammengerollt unter dem Arm trug. Es regnete nämlich schon wieder. „Warum ist das so ein großer Berg an Tuniken? Wenn ich nachzähle und mehr als drei finde, gibt es für jede mehr zehn mit der Kurt… ich habe von drei Stück gesprochen!“ Tja, den Versuch war es wert gewesen, leider war er jedoch schief gegangen, denn ehrlich wie ich nun mal bin, gestand ich kleinlaut ein, dass ich fünf mitgenommen hatte. Ich bekam umgehend den Haustürschlüssel erneut in die Hand gedrückt und fünf Ehn Zeit, um zwei Tuniken zurück nach Hause und die anderen drei ins Hauptmannshaus zu bringen.

Der Hauptmann scheint der Meinung zu sein, vier Kleidungsstücke reichen für eine Kajira vollkommen aus. Doch nach meinem Hinweis, er habe mir schon am Vortag befohlen, drei zu holen, erinnerte er sich wieder, sodass ich mit der Tunika, mit der ich bekleidet war, inzwischen also sechs vor ungetragenem Herumliegen gerettet hatte. Ich bin zwar eigentlich gerne nackt, liebe aber nun mal auch schöne Tuniken. Hoffentlich gefallen ihm alle, denn sonst landen sie im Feuer, denn das Thema ist wohl noch nicht wirklich beendet. 

Nach dieser Ankündigung wollte er nun wissen, ob ich inzwischen seine Hausregeln in Erfahrung gebracht hatte, was leider nicht der Fall war, da ich bislang keine der anderen Kajirae des Herrn angetroffen hatte. Seine Gefährtin konnte ich doch nicht mit sowas behelligen, wenn sie sich gerade hinlegen will! Wie gut, dass in dieser Ihn der Sattler auftauchte und mir die Möglichkeit bot, noch eine Weile über diese Regeln nachzudenken. Dass der Hauptmann Kajirae in seinem Haus nackt wünscht, war bestimmt eine davon, aber sowas wie aufräumen, Gianniklo leeren, das Fellknäuel füttern, Blumengießen oder Fenris die Krallen schneiden und schmirgeln, interessierte ihn bestimmt nicht und gehörte wohl auch nicht zu seinen Hausregeln.

Einig über das schreckliche Wetter begaben sich die beiden Männer jedenfalls nun auf einen Paga ins trockene Spielehaus. Kurze Zeit später traf auch der Krieger von der Brauerei ein, der die beiden Diebinnen für ein paar Kupfer irgendwo im Norden verscherbelt hatte und dem Hauptmann nun seinen Anteil überreichte. Mit der Frage des Lederarbeiters, ob ich seine Kajira bei dem Grünzeug vor dem neuen Kastenhaus der jortsschen Handwerker helfen kann, erhoffte ich mir natürlich, dass der Hauptmann bis später vielleicht seine unangenehmen Fragen vergessen hat. Er erlaubte mir nämlich, Ravina zum Kastenhaus zu begleiten. 

Wie gut, dass ich dadurch wieder etwas von dem in mir aufsteigenden Kummer abgelenkt wurde, sodass ich die in mir aufsteigenden Tränen über den ungeklärten Verbleib meines Herrn in den Griff bekam. Der Sattler hatte sich nämlich darüber gewundert, dass ich beim Hauptmann zurzeit in Obhut bin und sich nach meinem Herrn erkundigt. Leider währte die Zeit meiner Beherrschung jedoch nicht allzu lange. Es war erfreulicherweise trocken in der Oberstadt und zwischen dem Unkraut, das Ravina und ich samt der verblühten Mohnblumen heraus zupften, kamen blaue Blüten zum Vorschein. Ebenfalls zum Vorschein kam der nette Schmied, der sich natürlich nach meinem Herrn erkundigte. Vermutlich wollte er mich trösten mit „ach, der findet sich wieder an… bislang ist noch keiner verloren gegangen“, doch leider bekam ich meine Tränenflut nun mal wieder nicht mehr in den Griff. 


Diesmal rettete mich der laut nach mit brüllende Hauptmann, sodass ich mich verdrücken konnte, um mich wieder einzukriegen. Doch das hätte ich mir sparen können... unter den 20 Hieben der Kurt des Hauptmanns bekam ich nämlich noch mehr Grund zum Heulen.

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