Sonntag, 22. November 2015

Diebinnen gefasst

Schlecht geschlafen hatte ich und noch schlechter geträumt in dem unbequemen Käfig des Hauptmanns, der aber wenigstens nicht abgeschlossen war, sodass ich mich früh am nächsten Tag auf den Weg nach Hause machte. Ich hoffte natürlich, mein Herr war inzwischen vielleicht zurückgekehrt. Enttäuscht musste ich jedoch feststellen, sein Haus war noch genauso leer wie ich es verlassen hatte und schmiss mich traurig auf sein Fell, das wenigstens noch etwas nach ihm roch. Oh Mist, in meinem Kummer muss ich eingeschlafen sein und mir damit vermutlich mindestens einen Anranzer vom Hauptmann eingehandelt oder Unangenehmeres, das ich mir lieber nicht ausmalen wollte. 

Eiligst machte ich mich daher auf den Weg zurück in die Oberstadt, drehte mich am Hafen aber noch einmal um. Es goss nämlich schon wieder oder eigentlich immer noch in Strömen… nicht das ich in meiner Eile womöglich die Haustür meines Herrn offen gelassen hatte! Doch das war zum Glück nicht der Fall. Bevor ich die Steigung zum großen Stadttor dann jedoch hinauf lief, wanderten meine Blicke noch kurz zum Marktplatz hinüber, wo ich im dichten Regen den Hauptmann und seine Gefährtin entdeckte. Letztere versuchte mit einem Schirm zumindest ihre Frisur trocken zu halten und hielt ihn sogar ein wenig über mich, nachdem ich mich zu den Herrschaften dazu gesellt hatte.


Vor den Füßen des Hauptmanns lag auf dem Pflaster übrigens eine Gefangene, bei deren Anblick Hoffnung in mir keimte, dass sie ihn vielleicht von mir abgelenkt hatte, weil ich ja vom Hafen gekommen war und nicht aus der Oberstadt. Tja, dumm gelaufen… seinen wachsamen Kriegeraugen war leider nicht die Richtung entgangen, aus der ich aufgetaucht war. „Dina, wo kommst du her?“, wollte er nämlich sofort wissen. „Wegen des Wetters hatte ich eben nur schnell nachgesehen, ob ich zuhause die Tür zugemacht hatte, Herr!“ Wie gut, mit dieser Antwort gab sich der Hauptmann zufrieden. Sie entsprach natürlich aber auch der Wahrheit… ich lüge nämlich nie. Ohne weiter nachzufragen, wandte er sich zu meiner Erleichterung wieder seiner Gefangenen zu. 

Ihm scheint es nämlich nicht wirklich zu gefallen, wenn ich im Haus meines Herrn bin. Am Vortag schon hatte er unmissverständlich angeordnet, dass ich dort nicht alleine schlafen darf, solange mein Herr nicht zurück ist. Und nun wies er mich an, später ein paar Ersatztuniken zu holen und sie in seinem Haus zu deponieren. Doch erst einmal gab es anderes für mich zu erledigen. Das Erste Schwert hatte neben dem Brunnen eine weitere Gefangen in der Mangel und rief zu mir herüber, eine Kurt zu holen… eine vom Sattler mit dünnen Riemen. Ehrlich gesagt war ich darüber etwas irritiert, hatte jedoch keine Zeit lange zu grübeln, weil der Hauptmann mir nun befahl, ihm seine aus seinem Haus zu bringen, sodass ich mich eilig davon machte. 

Zurück mit der Peitsche, band der Hauptmann sich diese jedoch einfach nur brummend an seinen Gürtel. Inzwischen hatten die beiden Krieger offenbar beschlossen, die Diebinnen zur Strafe ein neues Latrinenloch ausheben und das alte zuschaufeln zu lassen. Sie verzogen sich daher mit ihren Gefangenen hinter die Herberge, während mir aufgetragen wurde, die Kleidung der beiden Frauen zu durchsuchen und danach im Vosk zu entsorgen. Es waren tatsächlich zwei Diebinnen, denn in ihren Taschen fand ich einige Bothas, die sie zuvor anscheinend aus der Gasthausküche gestohlen hatten.


Das Buddeln des Latrinenlochs gestaltete sich wie erwartet recht bockig, doch das Erste Schwert konnte die Arbeiten mit ein paar rot leuchtenden Striemen auf der blassen, nackten Haut der Gefangenen etwas beschleunigen. Mittlerweile waren die Krieger übereingekommen, sich möglichst ohne viel Aufwand der Diebinnen zu entledigen und daher froh, dass der inzwischen aufgetauchte Brauereikrieger versuchen wollte, sich durch ihren Verkauf im Norden ein paar Kuper zu verdienen. Er hatte wohl schon eine Idee, wo er die minderwertige Ware loswerden konnte.

Der Hauptmann wandte sich jetzt von den Diebinnen ab und mir zu. Er befahl mir mich vorzubeugen, was ich natürlich sofort tat. Doch ehe ich auch nur ansatzweise darüber nachdenken konnte, was er wohl vorhaben mochte, verpasste er mir fünf Hiebe mit seiner Kurt. Warum? Keine Ahnung… ich war am Vortag doch so schrecklich durcheinander über das in Obhut nehmen gewesen und erinnere daher nur noch, dass er mir die Hiebe am Hafen angekündigt hatte. Ist aber auch egal, denn mit der Willkür von Freien muss eine Kajira immer rechnen und eine herrenlose ganz besonders. Außerdem kündigte er jetzt an: „Sieben Tage noch Dina… überleg dir schon mal, welchen Buchstaben du gerne hättest.“ 

Beim Einschlafen in diesem unbequemen Sklavenkäfig dachte ich jedoch nicht über Buchstaben nach, sondern an meinen Herrn und die gefährlichen Stromschnellen im Vosk, vor denen er mich seinerzeit mit einem riskanten Flug vom Tarn aus gerettet hatte.

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