Mittwoch, 23. Dezember 2015

Die Tabukjagd (1)

Mein Herr kündigte nach der Bestrafung von Sancari an, am nächsten Tag mit mir auf die Jagd zu gehen. Da sie in der Brauerei nicht gebraucht wurde, wollte er sie als Lastsklavin für die erlegte Beute mitnehmen. Leider wurde mir nicht klar, wie die Art der Vorbereitung aussehen sollte, die mein Herr von mir für San erwartete. Wenn ich mit meinen früheren Herren auf die Jagd gehen durfte, hatten wir die Vorder- und Hinterläufe der erlegten Beute meist an einen dickeren Stock gebunden, dessen Enden man dann zu zweit auf je einer Schulter tragen konnte. Doch für diesen Ausflug in die umliegenden Wälder von Jorts Fähre wünschte mein Herr, dass ich San in ein Lastjoch einschließe. 

Huch, wo sollte ich solch ein Teil denn finden? Ich vermutete es natürlich in der großen Kiste im Garten meines Herrn, erfuhr nun aber, dass in der nichts außer leere Luft war. Es war nämlich DIE Kiste, über die ich ihn schon früher manchmal mit anderen Freien sprechen gehört hatte… eine unbequeme Erziehungsmaßnahme für strafresistente Sklaven. Bevor er zur Nachtwache loshetzte, gab er mir allerdings noch den Befehl, San darüber aufzuklären, was sie praktischerweise für unseren Jagdausflug anziehen soll. 

Mit der Gefährtin meines Herrn schließlich alleine zuhause, fiel mir plötzlich ein, dass meine alte, unempfindliche Tarnturmreinigungskleidung im Haus meines verschollenen Herrn geblieben war, den ich jetzt Vorbesitzer nennen muss. Wie gut, dass sie mir erneut erlaubte, aus der Truhe mit Sklavenkleidung etwas Pflegeleichtes, Unempfindliches herauszusuchen, in dem ich mich am nächsten Tag rechtzeitig vor unserem Aufbruch meinem Herrn präsentierte. Diese Vorsichtsmaßnahme erschien mir sinnvoll, da ich sein Brummen zuvor nicht ganz hatte deuten können, obwohl er mich zu meiner Freude das erste Mal mit „Tal meine Sklavin“ begrüßt hatte.


Ich glaube, meine Wahl stellte ihn einigermaßen zufrieden, denn sein „na, damit kann man auch gut Scheisse schaufeln… das ist ganz in Ordnung“ war ja quasi ein Lob und auch seine Gefährtin war angetan von meinen Überlegungen hinsichtlich der Unempfindlichkeit gegen Blutspuren und Tarnung. Ein Stück nackte Haut gefiel meinem Herrn offensichtlich besonders gut oder zumindest seinem Finger, der in meinen unter dem ziemlich weiten Oberteil herausschauenden Bauch piekte, während das Tuch um meine Hüften einen leichten Hang zum Rutschen verspürte. Die Sachen fanden also Zustimmung, sodass ich sie für einen weiteren Versuch bei der Schneiderin anbehalten durfte. Mein Herr kam übrigens mit, damit die Ausgaben im Rahmen bleiben.

Leider verstand er meinen kostensparend gemeinten Hinweis, dass ich viele meiner früheren Tuniken selbst genäht habe, vollkommen falsch: „Dita, wenn ich Geld brauche, verkauf ich dich in den Norden“. Auf dem Weg zur Schneiderwerkstatt verkniff ich mir daher meinen Aufklärungsversuch lieber. Tja, die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, doch auch diesen Weg hätten wir uns sparen können, denn die Schneiderin war schon wieder nirgends aufzutreiben. Immerhin konnte das Erste Schwert aufklären, warum die Eingangstüren zur Schneiderei und dem Gästezimmer im Handwerkerkastenhaus offen standen. Die Herrin war nicht entführt worden, sondern die Türen verzogen und die Angeln brauchten Öl.


Die Schneiderin und ihre Türen hin oder her… mich ja sowieso, aber auch meinen Herrn hatte inzwischen langsam das Jagfieber gepackt, sodass er mich nun zu Sancari schickte. Sie war wegen unseres Ausflugs ganz aufgeregt, allerdings mehr wegen ihrer Kleidung, aus der man Blutspuren zwar vermutlich eher schlecht herausbekommen würde, die ansonsten jedoch ganz zweckmäßig aussah. Zurück bei meinem Herrn meldete ich zackig, dass seine Treiberinnen und Lastenträgerinnen zur Stelle sind. Mist, anstatt Zufriedenheit erntete ich leider unzufriedenes Gebrumme… ich hatte nicht an das Joch für San gedacht, sodass wir noch einmal los liefen. 


Wir suchten wirklich überall, fanden nur leider auch niemanden, den wir hätten fragen können, denn weder in der Schmiede, noch auf dem Hof, auch im Kriegerhaus war niemand und die große Kiste im Garten meines Herrn war tatsächlich leer. Seine angehobenen Augenbrauen und seine beidseitig in die Hüften gestemmten Fäuste besagten nichts Gutes, als wir letztendlich ohne Joch zurückkamen. Ich bin mir nicht sicher, ob mich der an mein Gepäck gebundene dicke Stock rettete, den ich als Tragestock für das Tabuk verwenden wollte oder doch eher die inzwischen fortgeschrittene Zeit. Jedenfalls drängte mein Herr nun zum Aufbruch, nachdem er uns noch einmal verwarnte, was passieren wird, sollte er im Kriegerhaus doch ein Joch finden… doch dort hatte ich in einem Ständer wirklich nur Schwerter gesehen. 


„Wenn ich eine von euch beiden suchen muss, weil ihr mich aus den Augen verloren habt, dann lass ich euch im Wald zurück, damit euch die wilden Tiere zum Frühstück essen“, war zumindest für mich eine vollkommen überflüssige Mahnung, da ich doch sowieso immer nur Augen für meinen Herrn habe. Wir klebten also förmlich an seinen Hacken, bis vor uns eine Waldhütte auftauchte, wo wir unser Gepäck deponierten. Danach gab es noch ein paar Instruktionen und den Befehl: „Na los, da ihr beide Treiberkajirae sein wollt, dann treibt mal… und zwar mir vor die Armbrust!!“ Uff… und nun? Mit einer Mischung aus einer gesunden Portion Angst vor einem Larl oder Sleen, aber auch jede Menge Mut im Bauch, schlug ich mich seitlich ins Unterholz und versuchte eine Art Bogen hinzubekommen, um vielleicht ein Tabuk aufzuscheuchen und auf meinen Herrn zuzutreiben. 

Mist… ich gestehe, mein Jagdfieber verwandelte sich unerwartet schnell in leichte Beklemmung. Ich war nämlich noch gar nicht weit geschlichen, als sich auch schon das Gefühl in mir breit machte zu versagen. Ich befürchtete die Chance zu verpassen, meinem Herrn zu zeigen, dass sein Eigentum die gestellte Aufgabe bewältigt. Wenigstens hab ich mich nicht verlaufen, denn ich fand erst einen Weg und dann plötzlich meinen Herrn wieder… nur von einem Tabuk hatte er bislang nichts gesehen und ich leider auch nicht. Also zweiter Versuch, denn irgendwie hatte mich inzwischen doch ganz gewaltig der Ehrgeiz gepackt. 

Ich schlich erneut leise durchs Unterholz, diesmal aber in einem weitaus größeren Bogen und entdeckte dann auf einer Lichtung tatsächlich ein grasendes Tabuk, eindeutig zu erkennen an seinem einen Horn. Ohje, in welche Richtung befand sich denn jetzt mein Herr? Vollkommen orientierungslos wusste ich es echt nicht mehr, trampelte nun aber mit meinen Stiefeln über den Waldboden, sodass es laut knackte und raschelte und scheuchte das Tabuk auf. Ich konnte es zwar nach wenigen Ihn nicht mehr sehen, lief aber einfach weiter mit entsprechendem Gebrüll und suchte mir dann hinter einem Baum Deckung, um von keinem Pfeil getroffen zu werden. Vielleicht war die Richtung ja nicht verkehrt gewesen?


Tja, anstelle eines sirrenden Pfeils hörte ich es nun seitlich von mir grummeln: „Dita… falsche Richtung“ und flitzte erneut davon. Keine Ahnung wie, aber ein blindes Vulo findet eben auch mal ein Korn. Jedenfalls haben die wo auch immer steckende, laut niesende Sancari und ich es irgendwie geschafft, das Tabuk so durcheinander zu bringen, dass es stehenblieb und ein gutes Ziel für meinen Herrn abgab. Er schoss sofort einen Pfeil ab und traf... zum Glück nicht mich, da ich mich irgendeiner mir bis dahin gänzlich unbekannten Eingebung folgend, auf den Boden geschmissen hatte.

„Ich hab getroffen… angeschossen… lasst es nicht entkommen!“ Dieser laute Ruf meines Herrn veranlasste mich aufzuspringen und hinter dem Tabuk hinterher zu hetzen. Die Priesterkönige müssen mir wohlgesonnen gewesen sein, denn das verletzte Tier konnte kaum mehr laufen, sodass ich es einholte, mit lautem Gebrüll noch „HIER!!!“ schrie und mich dann auf das Tabuk warf, um es irgendwie in den Schwitzkasten zu nehmen. Während ich mich mit dem zappelnden Viech herumschlug, kamen mein Herr und San hinzu, die von meinem Herrn einen Dolch erhielt, um es zu töten. 

Keine Ahnung, warum San so lange dafür brauchte, doch letztendlich konnte ich inzwischen rittlings auf dem Tabuk sitzend sein Horn packen, sodass sie ihm tränenüberströmt schließlich die Kehle durchschnitt.

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