Montag, 7. Dezember 2015

In Ungnade

Kaum war ich vor die Tür der Hall von Sagheerah getreten, war auch schon ein unheilverkündendes Brummen zu hören: „Irina, unsere Schlaf-Kajira ist endlich wach“. Es veranlasste mich, eilig zu meinem Herrn zu flitzen, um ihn und seine Gefährtin zu begrüßen, während die Gnädigste seine Bemerkung mit dem Hinweis kommentierte, dass niemand weiß, was ich in der Nacht gemacht hatte. Pahhh, natürlich geschlafen… was denn sonst!? Trotz dieser mir auf der Zunge liegenden Erwiderung, erinnerte ich mich gerade noch rechtzeitig an meine gute Erziehung und schaffte es tatsächlich, zu schweigen. Ich begrüßte schnell meinen Herrn und danach seine Gefährtin mit „meine Herrin“, obwohl mir das „meine“ wieder fast im Hals stecken blieb… vor allem aber vergaß ich nicht, zusätzlich noch einen Kuss auf ihren Rocksaum anzudeuten.


Tja, die Laune der Herrin konnte ich damit wohl einigermaßen wiederherstellen, die meines Herrn jedoch nicht. Mürrisch ranzte er mich an, dass seine Gefährtin ihm beim Packen helfen musste, weil ich zu lange geschlafen hatte und befahl mir, die Sachen gefälligst aufs Schiff zu bringen. Meine Nachfrage, jetzt sofort oder später, verstärkte leider sein ungehaltenes Brummen weiter… ob unsere Reisegruppe etwa schon vollständig sei, er würde doch niemanden zurücklassen! Aha, die beiden hätten also noch gar nicht packen müssen, denn weder der Brauereikrieger, noch die Wirtin und auch nicht die Sklavenhändlerin nebst ihrer Kajira waren irgendwo in Sicht und meine Nachfrage, ob schon jemand auf dem Schiff sei, führte zu einem weiteren ungehaltenen Ausbruch bei meinem Herrn.

Egal was ich an diesem Morgen von mir gab, es wurde als Belehrung oder nicht erfüllte Pflicht ausgelegt. Ich war Sündenbock für alles und hatte Schuld, sogar für die Versprecher meines Herrn, der meine Chance auf Änderung bei Minus 10 auf einer Skala von 1 bis 10 einstufte. Oh Mist, ich muss mit dem falschen Bein zuerst aufgestanden sein, denn sein Brummen nahm schließlich die Sorte „obergefährlich“ an, während die Gefährtin mich mit pikierten, missmutigen Blicken bombardierte. Auch mein letzter Versuch einer Erklärung wurde als Frechheit ausgelegt, brachte mich aber mit tief gesenktem Kopf endlich zum Schweigen. Blöderweise sackten meine Schultern ebenfalls tiefer, je mehr Wut auf mich niederprasselte.


Leider erwähnte mein Herr auch den Nasenring und ich musste eingestehen, ihn bei unserem eiligen Aufbruch zuhause vergessen zu haben. Wieder machte sich Panik in mir breit, weil er sich wohl erhoffte, mir vielleicht sogar auf der Reise noch das Loch in meine Nase stanzen zu lassen, vor dem ich so schreckliche Angst habe. Oh menno… warum bin ich nicht über Bord gefallen und in dem eisigen Wasser irgendeines Fjords ertrunken? Inzwischen kniete ich wie ein Häufchen Elend vor meinem Herrn und biss mir verzweifelt auf die Unterlippe, um den Kampf gegen den meinen Hals zuschnürenden, traurigen Kloß zu gewinnen. Zusätzlich flehte ich stumm die Priesterkönige an, sie mögen bitte verhindern, dass ich weinen muss… wie gut, wenigstens die hohen Herren im Sardar hatten ein Einsehen mit mir. 

Und meine Herrschaften akzeptierten schließlich wenigstens mein Schweigen, nur meine Missfallen erregende Körperhaltung, mein drei Tage Regenwetter Gesicht und die Blickrichtung musste ich für meinen Herrn noch korrigieren. „Meine Sklaven gucken nicht auf den Boden, außer ich sage es… Kopf hoch, Blick gerade aus, Dita!“ Um das von der Gnädigsten gewünschte Lächeln auf meinen Lippen kam ich dann allerdings herum, weil sich zwei Dorfbewohner dazu gesellten und die Aufmerksamkeit meiner Herrschaften endlich von mir ablenkte. Dem Palaver der vier Freien über die unzureichende Begleitung und den schließlich komplett fehlenden Schutz der jortsschen Sklavenhändlerin auf ihrer Handelsreise hörte allerdings nicht weiter zu, da es am vorherigen Tag bereits mit anderen Dorfbewohnern ausführlich erörtert worden war.


Übrigens, wegen der Sklavenhändlerin entwickelte sich die Laune meines Herrn schließlich erneut in Richtung ungehalten, weil die Freie noch eine ganze Weile auf sich warten ließ, sodass er um seine Teilnahme am Wagenrennen in Belnend fürchtete. Irgendwann tauchte sie mit ihrem lädierten Humpelfuß dann aber doch auf, nur von ihrer Kajira fehlte weiter jede Spur. Mein inzwischen deutlich zur Abreise drängelnder Herr vermutete letztendlich, Brauereibesitzer, Wirtin und auch die Kajira der Sklavenhändlerin seien bestimmt schon am Hafen, worin die wegen ihres unzuverlässigen Eigentums inzwischen leicht genervt wirkende Herrin ihm schließlich Recht gab: „Scheint so, zumindest ist unser Gepäck nicht mehr da.“ Es fallen also auch andere in Ungnade.

Nach unserer Rückreise ohne Zwischenfälle, wanderte mein erster Blick im Hafen von Jorts, selbstverständlich rechts den Hang hinauf zum Haus meines verschollenen Herrn, der nicht mehr mein Herr ist. Doch meine Hoffnung, er sei inzwischen vielleicht zurückgekehrt, sitzt auf der Bank vor seinem Haus und sieht uns hinüber, wurde leider enttäuscht. Schade fand ich auch, die schönen Sachen wieder ausziehen zu müssen, die mein Herr für mich gekauft hatte. Aber nach dem kalten Norden war es endlich wieder herrlich warm, sodass eine schnelle Gianniwäsche und dünnere Kleidung tatsächlich erforderlich waren, insbesondere nachdem ich die dicken Felle und das andere Gepäck in die Oberstadt geschleppt hatte.

Das Loch in meiner Nase ließ übrigens weiter auf sich warten, da der Sattler nicht zu Hause war oder mit Wichtigerem beschäftigt, als seine Tür zu öffnen, gegen die ich nach Aufforderung meines Herrn „lauter Dita, da rührt sich nichts“, mehrfach kräftig bollerte. Mein Herr war sogar auf die Bank vor dem Fenster gestiegen, um ins Erdgeschoss des Sattlerhauses zu schauen, sah jedoch weder den Lederarbeiter noch dessen Kajira. Trotz meiner Angst vor dem Stanzen war ich übrigens nicht wirklich froh darüber, denn mir ist durchaus klar, dass ich um diesen Nasenring nicht herumkommen werde und er war ja auch Bedingung gewesen, dass ich zum Wagenrennen mit darf. Egal was ich darüber denke, dieser Ring ist auch eine Ehre für mich, weil er meinem Herrn wichtig ist und er mich als wert ansieht, ihn zu tragen. 


Zuhause angekommen ging es zum Glück nicht gleich wieder um meine Nase, sondern um die Giannizucht, mit der sich mein Herr gute Gewinne erhofft, sofern das Fellknäuel seiner Gefährtin und das Gianni der Sattlerkajira sich mögen und das mit dem Nachwuchs hinbekommen. Hach, was für ein schönes Gefühl, als ich plötzlich von einem starken Arm so herrlich besitzergreifend umfasst wurde und eine Kriegerhand über meine Haut streichelte! Mein Herr wollte nämlich wissen, ob ich unter seinen Berührungen vielleicht anfange, wie ein Gianni zu schnurren. Leider wurde er bei seinen Forschungen jedoch durch das Räuspern seiner Gefährtin unterbrochen, die sich nun zurückziehen wollte. Mit der Bemerkung „nagut, du schnurrst nicht immer“, entzog mein Herr mir grinsend seinen Arm und forderte seine Gefährtin auf, vorher noch in ihren Nähsachen nach einer Nadel zu suchen.

Tja, leider muss ich jetzt eingestehen, dass dieser nicht allzu schön begonnene Tag noch unschöner endete, weil ich dummes Vulo in meiner Angst vor dem Nasenringloch, das mein Herr nun selbst stanzen wollte… erst mit einer zu dünnen Nadel, alternativ mit einem zu dicken Nagel oder der unauffindbaren Lochzange… mehrfach vergaß, seine Gefährtin mit „meine Herrin“ anzureden, mir das jedoch überhaupt nicht bewusst war und ich so durch den Wind gewesen sein muss, dass ich mich zuletzt fast um Kopf und Kragen redete… nur das „meine Herrin“ kam dabei nicht über meine Lippen. Dabei nahm die Herrin mich sogar in Schutz und riet meinem Herrn, das Loch für den Ring vom Sattler machen zu lassen, da seine früheren Kajirae von ihm immer gut versorgt worden waren. 

Die Schläge und die Nacht unten in der Küche, angebunden am Ring verbringen zu müssen, waren zwar eine schmerzhafte, aber angemessene und vergleichsweise milde Strafe… hoffentlich habe ich das „meine“ für diese Frau jetzt endlich verinnerlicht. Zeit genug, über meine Fehler in dieser fast schlaflosen Nacht nachzudenken, hatte ich jedenfalls… die Fesseln und die kalten Fliesen waren nämlich reichlich unbequem. Naja, und mit zum Wagenrennen reisen zu dürfen, glaubte ich mir mit meinem falschen Benehmen vermutlich endgültig versaut zu haben. Daher war ich umso erstaunter, als ich erfuhr, dass ich doch mitdurfte… juhuuu.

Es war noch ganz früh am Morgen, als wir in Belnend ankamen. Natürlich schaute sich mein Herr als Erstes die Wagen und Zugtiere an.

 
Zusammen  mit der  Gefährtin meines Herrn, ging es auf die sich langsam füllenden Tribünen, wo wir einen guten Platz ganz vorne an der Brüstung für uns ergatterten.

Dann  wurde auch schon  der Name  meines  Herrn ausgerufen, der seinen schwarzen Wagen und die vier ebenfalls schwarzen Kaillas gekonnt durch das Tor der Arena zur Startlinie lenkte.

Er ergatterte  sich einen  super Platz  auf der Innenbahn,  der ihm vielleicht bei einem guten Start schon in der ersten Kurve den entscheidenden Vorteil gegenüber den anderen Wagenlenkern verschaffen würde.

Sein Start war wirklich obergenial, mit Schrecken sah ich jedoch, dass ihn sein Kontrahent  zur Linken vor der ersten Kurve versuchte abzudrängen... puhh, gelang dem aber nicht.

Einige Runden später von den insgesamt 10 zu fahrenden, hatte mein Herr vor  den anderen  Mitstreitern bereits  fast eine halbe Runde Vorsprung… ich sah ihn natürlich schon als haushohen Sieger.

Doch dann geschah ein Unglück. Vielleicht war eins seiner Kaillas in Ungnade gefallen... warum auch immer?!  Es brach jedenfalls plötzlich zusammen und mein Herr musste sich geschlagen geben. Er nahm es selbstverständlich wie ein Ehrenmann und gratulierte dem Gewinner des Wagenrennens herzlich. Für mich war er trotzdem der Sieger und für seine Gefährtin bestimmt auch… Hauptsache ihm war nichts passiert!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen