Mittwoch, 9. Dezember 2015

Jede Menge Aufträge

Mein Herr meinte vor kurzem, ich würde mich bestimmt bald einleben, doch bin ich mir darüber immer noch total unsicher und habe oft das Gefühl, seinen Ansprüchen nicht gerecht zu werden. Manchmal habe ich aber auch keine Zeit für irgendwelche Gefühlsduseleien und kann mir kaum merken, was mein Herr mir alles aufträgt. Gestern war wieder solch ein Tag…

Es begann damit, dass er mich zur Krankenstation schickte, kaum dass ich bei ihm vor der Tür auftauchte, damit ich seiner Gefährtin zu Diensten bin. Die Herrin hatte jedoch keine weitere Verwendung für mich, sodass ich die Gelegenheit nutzte und ihr eine Frage wegen Desinfektion meiner Nase stellte… an diesem Tag war ja mein Nasenringtermin beim Sattler. Die Herrin machte sich sofort mit einer merkwürdig riechenden, leicht brennenden Tinktur an meiner Nase zu schaffen. Meine Skepsis, ob diese Maßnahme nicht lieber direkt vor dem Termin erfolgen sollte, ignorierte sie jedoch, sodass ich dann stumm ihr Gefummel an meinen Nasenlöchern über mich ergehen ließ, zumal inzwischen auch die andere Grüne aufgetaucht war und ich mich darauf konzentrieren musste, mir meinen Kommentar zu ihrer Behauptung zu verkneifen, mein Herr müsse auf Reisen zukünftig aufpassen, dass ich mit dem Nasenring nicht mit einer feinen Herrin der Tuchuk verwechselt werde. 

Nach dem Hinweis, mich beim Lederarbeiter wegen der Reparatur des Zeltes von meinem Herrn zu erkundigen, wurde ich zu ihm zurück geschickt. Doch erst einmal wartete noch ein anderer Auftrag auf mich. Ich durfte dem stinkenden Sleen meines Herrn sein Halsband umlegen… ein nicht ungefährlicher Auftrag, weil ich aufpassen musste, dass Hände und Arme an mir dran blieben und nicht im Maul des gefräßigen Biests verschwanden. Nachdem das ganz gut geklappt hatte, musste ich den Sleenkäfig öffnen, schnell hinter der Tür in Deckung gehen und nachdem Fenris ausgiebig am Kajirus der Sklavenhändlerin geschnüffelt und ihn dabei ordentlich besabbert hatte, hinter dem Viech die Tür des Käfigs wieder schließen. 


Mein Herr hatte den Sleen dort wieder hinein bekommen mit dem Versprechen, er bekäme nun sein Fressen. Auch dafür war ich selbstverständlich zuständig, denn halb vergammeltes, ekelhaft stinkendes Fleisch mit Innereien fasst mein Herr möglichst nicht an… dafür hat er ja seine Kajira, also mich. Hach… was für ein Gegensatz ist dieser stinkende Sleen zu dem zwar ebenfalls sehr gefährlichen, aber fast geruchlosen und vor allem vollkommen pflegeleichten Carolus, dem Tarn meines verschollenen Herrn, der nicht mehr mein Herr ist. Tarns werden nämlich nicht eingesperrt, sondern jagen sich ihre Nahrung selbstständig, kommen aber trotzdem sofort angeflogen, wenn ihr Reiter seine Tarnpfeife bläst.

Da ich meinen brummigen Herrn eigentlich mag und ihm selbstverständlich eine gute Kajira sein möchte, muss ich eben auch unbequeme oder ekelige Arbeiten verrichten oder Aufgaben, vor denen ich Angst habe. Nach dem Ekelfleisch war jedoch erst mal ausgiebiges Händewaschen am Brunnen angesagt, wo sich bereits der beschnüffelte Kajirus gründlich reinigte. Ich bin mir nicht sicher, ob vorher oder nachdem Fenris satt war, jedenfalls beauftragte mich mein Herr, bei der Schuhmacherwirtin Sandalen zu bestellen, allerdings weder für ihn, noch seine Gefährtin, sondern für mich… eine in meinen Augen überflüssige Geldausgabe für etwas, das nicht wärmt. Stiefel habe ich doch, die im Norden bei Schnee und Eis auch wirklich schön wärmen und ansonsten brauche ich nichts an meinen Füßen… nur sah mein Herr das leider anders und ich hütete mich, auch nur einen Piep dazu von mir zu geben.

Inzwischen war es leider Zeit für meinen schlimmsten Auftrag an diesem Tag geworden… mir beim Sattler das Nasenringloch stanzen zu lassen. Obwohl mein Herr seine Lochzange inzwischen wiedergefunden hatte, schickte er mich los, fesselte vorher aber meine Hände noch auf dem Rücken. Warum auch immer… keine Ahnung… Zeit darüber nachzudenken hatte ich jedenfalls nicht, weil auf diesem so schrecklich schweren Weg in die Unterstadt jede Menge Überlegungen in meinem Hirn kreisten, ob ich dieser furchtbaren Maßnahme nicht vielleicht doch noch in letzter Ihn entgehen konnte. Doch da mein Herr, der nicht mehr mein Herr ist, leider immer noch verschollen ist, sah ich keinen Ausweg und lief tatsächlich zum Sattlerhaus, wo dann meine allerletzte Hoffnung ebenfalls zunichte gemacht wurde… der Herr war nämlich zuhause.


Ich gebe zu, so schrecklich wie ich es mir vorgestellt hatte, war meine Angst dann nicht. Im Gegenteil, sie wurde genau in dem Moment sogar noch viel schlimmer, als sich die Lochzange des Sattlers meiner Nase näherte und ich immer mehr schielen musste, weil ich sie mit den Augen angepeilt hatte. Ok, weitere Einzelheiten werde ich mir hier jetzt lieber verkneifen, denn wie auch immer, ich habe überlebt und schaffte es hinterher noch, mich bei meinem Piesacker wegen der Zeltreparatur zu erkundigen. Ob meine Nase demnächst abfaulen wird, bleibt zwar leider noch einige Tage abzuwarten, doch lief ich trotzdem in einer Mischung aus großer Erleichterung und einer vorsichtigen Portion Stolz Richtung Marktplatz… durch die offen stehende Haustür des Sattlers hatte ich nämlich gehört, dass mein Herr nach der Schuhmacherwirtin brüllte.

„Dita versteck dich nicht… komm her, wir wollen dich ansehen“, war jedoch nicht wirklich das, was ich mir nach dieser Tortur ersehnt hatte, als ich meinen Herrn mit seiner Gefährtin auf dem Marktplatz entdeckte, wo er sich mit dieser Freien unterhielt. Doch als neue Kajira des Hauptmanns muss ich mich noch an so viel gewöhnen und vor allem lernen, von mir abprallen zu lassen, dass ich mit dem Boskring zur Belustigung beitrage. Zählt Belustigung eigentlich auch zum „Freie erfreuen“, das sich jede Sklavin mehr ersehnt, als alles andere? Egal, ich habe eh keine Wahl und werde nun damit leben müssen, Bosk genannt zu werden. Nur ob ich mich dann wirklich angesprochen fühle und tatsächlich reagiere, wird sich noch zeigen, außer es wird überdeutlich, dass ich gemeint bin. 

Vielleicht gelingt es mir in Zukunft ja, einer im Norden wie ein bunter Sleen bekannten, kastenlosen Freien, Sklavenhändlerin mit sehr speziellen Methoden, bislang ohne Heimstein, möglichst aus dem Weg zu gehen. Dieses Weib kenn sich natürlich auch im Süden aus, weil sie nämlich schon überall gelebt hat… in der Tahari bei den Bakah und nicht zu vergessen, bei einem Stamm der Tuchuk, seitdem sie sich mit Nasenringen auskennt, obwohl die Frauen dieses Stammes solchen Schmuck nicht trugen. Ach was soll’s, vermutlich habe ich alles falsch verstanden, so durcheinander und so unsicher wie ich wegen dieses Rings war, der wirklich ein ganz neues Gefühl an meiner Nase erzeugt.


Ein wenig beruhigte ich mich, als mich der nette Schmied mit der Musterung des ungewohnten Schmucks an meiner Nase etwas ablenkte, indem er sehr nahe zu mir heran trat und ganz sanft mein Kinn mit den Fingern anhob. Leider vergaß ich mir dabei zu merken, dass mein Herr mir auftrug, ihn später an irgendwas zu erinnern, was es war sagte er jedoch nicht. Ich war in diesem Moment der mich intensiv musternden blauen Augen des Schmieds tatsächlich ein bisschen stolz auf den Nasenring und nachdem er sein Gefallen daran geäußert hatte, fragte ich ihn, ob seiner Meinung nach der Name Bosk jetzt der richtige für mich ist. Tja, wer viel fragt, bekommt viel zu wissen… nur manchmal auch das, was man gar nicht hören will, denn meine Frage war dumm und überflüssig.

Der Herr verneinte zwar, schlug aber stattdessen breit grinsend Boskita als neuen Namen vor, was mich logischerweise sehr ernst werden ließ. Oh menno… ich scheine momentan wirklich zart besaitet zu sein, denn ich merkte nicht, dass ich gefoppt wurde. Wie gut, dass der Schmied mich schnell aufklärte und außerdem ist ja nur wichtig, wie sehr dieser Ring meinem Herrn gefällt. Er gefiel ihm anscheinend sogar so gut, dass er später zuhause nachsichtig mit mir war, obwohl ich vergessen habe, ihn zu erinnern. Eigentlich wollte er mir wohl die 4 verschwunden Tuniken zurückgeben, die nicht gestohlen, sondern in seiner abgeschlossenen Schreibtischschublade gelandet waren… trotz meines Fehlers schmiss er keine ins Feuer, sondern ich bekam eine zurück!

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