Montag, 21. Dezember 2015

Überflüssig oder nicht?

Den Auftrag zum Wischen der Böden in der Schneiderei und der darüber befindlichen Wohnung hatte ich gleich am nächsten Tag erledigt, damit es dort ordentlich aussah. In der Hoffnung, die Fremde ist vielleicht ernsthaft interessiert, sich in Jorts niederzulassen, hatte mein Herr sich mit ihr nämlich verabredet, um ihr die Schneiderwerkstatt zu zeigen, in der sich übrigens noch etliche Stoffballen befinden, die mittlerweile jedoch Stadteigentum geworden waren. Für die Besichtigung der darüber befindlichen Wohnung war ich dann zuständig. Sie besteht zwar nur aus einem Raum, dafür hat man aber vom Balkon aus einen fantastischen Blick über die Stadt, den ich selbstverständlich entsprechend anpries.


Ich vergaß natürlich auch nicht den sauberen Boden zu erwähnen, von dem man quasi essen kann. Nagut… das hätte ich mir schenken können, denn das Weib bevorzugt doch lieber einen Tisch dafür, war aber dennoch sichtlich beeindruckt, sodass ihre Entscheidung wohl nur noch von einem angemessenen Preis für die zu übernehmenden Stoffe abhing. Da der erste jortssche Händler leider schon eine Weile auf Reisen ist, wollte mein Herr sich darüber mit der Händlerin beraten, denn als Krieger versteht er vom Stoffhandel logischerweise nicht allzu viel. Leider war die Herrin jedoch nicht zuhause. Der Weg dorthin hätte mein Herr sich zwar sparen können, doch war er nur kurz, weil die Freie ja gleich nebenan im Haus des Schmieds wohnt.

Wir trafen die Händlerin letztendlich im Gasthaus, wo mein Herr sowieso hinwollte. Sie hatte seiner Gefährtin gerade einen Restposten roten, etwas dickeren Stoff besorgt, der momentan wegen der kälteren Temperaturen anscheinend zur Mangelware geworden war. Leider stellte sie sich hinsichtlich der Restbestände in der Schneiderei jedoch nicht wirklich als Hilfe heraus, da sie normalerweise nicht mit Stoffen handelt, sondern überwiegend mit Kräutern, Gewürzen, Ölen und Badeutensilien. Letztendlich blieb es also doch bei meinem Herrn, als Ratsmitglied der Fremden ein Angebot für die Übernahme der Schneiderei zu unterbreiten, von dem ich wegen der Getränkezubereitungen jedoch nicht allzu viel mitbekam, außer dass die Fremde über alles noch eine Nacht schlafen wollte.


Inzwischen hatte sich das Interesse in Erinnerung an einen Krieger mit abgefrorenem Zeh den nackten Beinen und Sandalen des im Gasthaus eingetroffenen Sattlers zugewandt, der offensichtlich vom Schneetreiben am Hafen nichts bemerkt hatte… von dem weißen Zeug war bislang ja nichts liegengeblieben. Er fand übrigens lange Hosen und Stiefel bei den Temperaturen draußen überflüssig, litt aber auch nicht unter Hitzewallungen. Seinem Gespräch mit dem Schmied über einige Kastenangelegenheiten konnte ich jedoch nicht weiter zuhören, weil mein Herr nun nach dem von seiner Gefährtin zuvor gerade gekauften Stoff griff, um ihn mir in die Hand zu drücken: „Dita, bring den zur neuen Schneiderin und sag ihr, was du daraus genäht haben möchtest.“

Oooohh, der war für mich?! Ich konnte mein Glück kaum fassen und habe bestimmt wie ein Honigkuchenkailla gestrahlt. Die fremde Schneiderin nannte mir wegen ihrer noch ausstehenden endgültigen Entscheidung nur leider keinen konkreten Termin, sondern schlug lediglich vage vor, dass ich demnächst mal vorbei kommen soll. Na gut, ich konnte es zwar kaum erwarten etwas geschneidert zu bekommen, aber trotzdem verstehen, dass der Frau ihr vorübergehender Umzug von der Herberge in ein kostenloses Gästezimmer der Handwerkerkaste erst einmal wichtiger war, als meine Maße. Außerdem zog mein Herr mich wieder so herrlich besitzergreifend an sich, dass meine Gedanken natürlich um ganz andere Dinge kreisten, bevor es nach Hause ging. 


In dieser Nacht schlief ich übrigens trotz des weichen Fells äußerst unruhig, das mir die freundliche Gefährtin meines Herrn zusätzlich in den Sklavenkäfig hineingelegt hatte. Ich stehe mit dem viel zu kurzen und daher sehr unbequemen Ding einfach auf Kriegsfuß, sodass besonders vor dem Einschlafen mein Sehnen nach leider vergangenen, aber deutlich besseren Zeiten oft Überhand nimmt. Diesmal kreisten meine Gedanken und später meine Träume jedoch um meinen jetzigen Herrn. Es war mir wirklich nahe gegangen, wie sehr ihm der Nasenring an mir gefällt und zu spüren, wie sehr er mein Anschmiegen genossen hatte, bevor er mich dann jedoch wieder in den verhassten Käfig sperrte, war einfach ein total schönes Gefühl gewesen. Natürlich träumte ich auch von seinem schönen Stoffgeschenk, wobei mir durchaus klar war, dass ich dies auch seiner Gefährtin zu verdanken hatte.


Kaum fertig mit meinen häuslichen Arbeiten am nächsten Morgen, brannte es mir logischerweise unter den Nägeln, möglichst bald zur neuen Schneiderin zu laufen. Leider war auch dieser Versuch überflüssig, denn ich hatte erneut Pech und konnte mir wieder die Nase an der Scheibe der Schneiderei plattdrücken. Ich fand das Weib aber auch sonst nirgendwo, sodass mir nichts anderes blieb, als enttäuscht den Rückweg nach Hause anzutreten. Meinen Herrn und seine Gefährtin sah ich gerade in die Gasse zum Nebentor einbiegen, wo irgendwelche perlenbesetzten Strippen angebracht worden waren. Die beiden wunderten sich natürlich, dass ich so schnell zurück war, noch mehr allerdings über die weißen Perlenschnüre über ihnen, die offen stehende Tür des Kriegerhauses und dass es drinnen rumorte. 


Es war Sancari, die Brauereikajira, die offensichtlich ihrem Drang zum Dekorieren frönte. Blöderweise hatte sie vergessen, das kleine Stadttor wieder zu schließen und trug damit nicht gerade zu Begeisterungsbekundungen meines Herrn bei… im Gegenteil. Sein ungehaltenes Brummen steigerte sich jedoch noch weiter, als er die innen vor den Fenstern anbrachten roten Perlenschnüre bemerkte und den riesigen Teppich, den San ausgerollt hatte. Sie hatte eigentlich ihrem Auftrag zum Reinigen des Kriegerhauses nachkommen wollen, dabei anscheinend jedoch die Gelüste nach dieser überflüssigen, nämlich ungewollten Deko entwickelt, meinte es aber eigentlich nur gut. Leider waren ihre Vorstellungen von Gemütlichkeit von niemandem genehmigt worden und entsprachen so gar nicht den Vorstellungen meines Herrn. 


„Wir sind Krieger… wir waschen uns nicht mit warmem Wasser, sondern mit kaltem. Ich mach hier Rekruten rund und maule sie an… dabei sollen die sich nicht wohlfühlen!!“ machte mein Herr sich lautstark polternd Luft. Letztendlich durften wir den Riesenteppich auseinander schneiden… in einen kleineren zum Stiefelabtreten der an der Tür und einen für die Kriegerunterkunft im Nebenraum. Sämtliche Perlenstrippen draußen und vor den Fenstern musste San abnehmen, durfte stattdessen aber richtige Vorhänge anbringen, damit nicht jeder Unbefugte hereinschauen kann. Wie das bei der sehr hohen Brüstungshöhe überhaupt möglich sein soll, erschloss sich mir jedoch nicht, dazu hielt ich allerdings tunlichst meine Klappe, denn die Aussage meines Herrn: „San bis morgen ist alles ab und ein ordentlicher Vorhang an den Fenstern, sonst binde ich dir das Ganze um den Hals und lass dich damit schwimmen“, war mehr als deutlich.

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